{"id":6213,"date":"2026-01-04T13:03:13","date_gmt":"2026-01-04T13:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/epub-book.com\/download\/codeword-pentagon-strike-deep-txt-koontz-dean\/"},"modified":"2026-01-04T13:03:13","modified_gmt":"2026-01-04T13:03:13","slug":"codeword-pentagon-strike-deep-txt-koontz-dean","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/epub-book.com\/download\/codeword-pentagon-strike-deep-txt-koontz-dean\/","title":{"rendered":"Codeword Pentagon (Strike Deep).txt &#8211; Koontz, Dean"},"content":{"rendered":"<div class='book-preview'>\n<h3>Book Preview<\/h3>\n<div class=\"calibre1\">\n<p class=\"calibre3\">[Extracted from PDF file by BuddyDk &#8211; May 23 2003]<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Dean R. Koontz Codewort: Pentagon<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Zwei Vietnamveteranen knacken das Computersystem des Pentagon und gelangen dadurch in den Besitz von Informationen der h\u00f6chsten Geheimhaltestufe. Sie erpressen in der Folge die US-Regierung und fordern L\u00f6segeld. In einem schneebedeckten W\u00e4ldchen kommt es schlie\u00dflich zum Showdown.<\/p>\n<p class=\"calibre3\">ISBN 3-426-01776-8 Original: Strike Deep Verlag: Knaur Erscheinungsdatum: 1989<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!]<\/p>\n<p class=\"calibre3\">F\u00fcr Gerda 26. Dezember &#8211; 27. Dezember DER VORSCHLAG<\/p>\n<p class=\"calibre3\">1<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Lee Ackridge war noch zwei Blocks von seinem Zuhause entfernt, als ihm eine pl\u00f6tzliche B\u00f6 Schneeflocken ins Gesicht schlug, die langsam auf seiner Haut schmolzen. Zum ersten Mal an diesem Morgen hob er den Blick und betrachtete kurz den schmutziggrauen Himmel \u00fcber New York City. Heute wirkte er noch grauer als sonst. Tief und bedrohlich schoben sich Massen von Wolken \u00fcber die D\u00e4cher der dunklen Geb\u00e4ude nach Osten. Dies war nicht nur ein etwas st\u00e4rkerer Wind. Hier braute sich ein Sturm zusammen. Der erste wirkliche Schneefall dieses Winters stand bevor. Das pa\u00dft ja wieder einmal prima zusammen, sagte er sich verdrossen. In seiner momentanen Stimmung kamen ihm sogar die Launen des Wetters wie direkt auf ihn gerichtete Angriffe vor. Eine zus\u00e4tzliche Unannehmlichkeit, mit der er sich herumschlagen mu\u00dfte. Ein weiteres Problem, das sein Leben erschwerte. Zu Weihnachten, wo jedermann den Schnee als notwendig und sch\u00f6n empfand, war es zwar frisch, aber sonnig gewesen. Und heute, wo es weder einen emotionalen noch einen symbolischen Sinn f\u00fcr Schnee gab, braute sich ein heftiger Sturm zusammen. Es w\u00fcrde nicht mehr lange dauern, bis man auf den B\u00fcrgersteigen ausgleiten oder sich im Matsch Hose und Schuhe ruinieren w\u00fcrde. Schon k\u00fcrzere Wege w\u00e4ren dann eine unzumutbare Angelegenheit. Lee wischte sich die schmelzenden Flocken aus dem Gesicht und fluchte leise vor sich hin. \u00dcberall um ihn herum wirbelten die frostigen Daunen durch die Luft. Als er das Apartmenthaus in der Twentieth Street erreichte, nahm er immer zwei Stufen gleichzeitig, um endlich an die Haust\u00fcr zu gelangen. Er ri\u00df die stark abgenutzte T\u00fcr auf. W\u00e4hrend der letzten drei Jahre hatte er sich sehr an dieses Haus gew\u00f6hnt, und normalerweise bemerkte er beim Hinausgehen oder Hereinkommen nicht mehr, wie heruntergekommen das Geb\u00e4ude war. Aber weil er heute vom Pech verfolgt war, weil wieder einmal alles schiefging und weil er auf die ganze Welt zornig war, sprang es ihm jetzt \u00fcberdeutlich ins Auge. Alles m\u00f6gliche fiel ihm nun auf. Die Stufen, \u00fcber die er geeilt war, waren ausgelatscht und aufgesprungen. An allen m\u00f6glichen Stellen br\u00f6ckelte der Zement. Verkratzt und voller Dellen war die T\u00fcr, mittendrin eine Glasscheibe voller Spr\u00fcnge und Risse, die nur notd\u00fcrftig mit schwarzem Klebeband repariert waren. Der Hausflur war tr\u00fcbe beleuchtet, wahrscheinlich, um den Dreck in allen Ecken nicht zu deutlich sichtbar werden zu lassen. Und die meisten Briefk\u00e4sten waren aufgebrochen oder verbogen. Lee suchte alle Taschen ab, mu\u00dfte aber feststellen, da\u00df er vergessen hatte, den Schl\u00fcssel einzustecken. Er dr\u00fcckte auf die Klingel unter dem Schildchen: APARTMENT F: ACKRIDGE\/HOFFMAN. Krachend ert\u00f6nte eine Stimme im kleinen Lautsprecher neben den Klingeln. Lee erkannte zwar Carries Stimme, aber die statischen Ger\u00e4usche waren so laut, da\u00df er kein Wort verstehen konnte. \u00bbIch bin&#8217;s, Lee!\u00ab br\u00fcllte er schlie\u00dflich. Anscheinend funktionierte heute gar nichts mehr. Jetzt mu\u00dfte er auch schon schreien, um in seine eigene Wohnung eingelassen zu werden! Nach einem Summen \u00f6ffnete sich die Innent\u00fcr. W\u00fctend dr\u00fcckte er sie auf und stapfte auf das Treppenhaus zu. Er lief die sechs Treppen bis zum dritten Stockwerk hinauf und wurde sich dabei schmerzhaft bewu\u00dft, da\u00df es im Treppenhaus mindestens so kalt war wie drau\u00dfen. Carrie erwartete ihn an der Wohnungst\u00fcr und l\u00e4chelte ihn freundlich an. Wie stets, wenn sie zu Hause war, trug sie alte, ausgebleichte Jeans und eins von Lees T-Shirts. Doch in diesem Moment erschien sie ihm so bezaubernd, als tr\u00fcge sie ein Abendkleid. Ihr dichtes, gl\u00e4nzend seidiges Haar fiel in sanften, bernsteinfarbenen Wellen bis auf die Schultern hinab. Das Haar umrahmte ein Gesicht, mit dem sich jeder Pepsi-Cola-Werbespot gern geschm\u00fcckt h\u00e4tte. Sie war dreiundzwanzig, aber mit ihren gro\u00dfen Augen und der frischen Hautfarbe h\u00e4tte sie auch als Sechzehnj\u00e4hrige durchgehen k\u00f6nnen. Zu dem Blau der Augen pa\u00dfte ausgezeichnet der cremefarbene Teint. Und ihr hochstehender, voller Busen war f\u00fcr Lee der aufregendste auf der Welt, auch wenn Carrie damit beim PLAYBOY nicht Playmate des Monats geworden w\u00e4re. Ihre Formen waren wunderbar und f\u00fcr Lee ungeheuer erotisch; allerdings h\u00e4tte sie damit beim HUSTLER kaum ein Unterkommen gefunden, und das war Lee auch ganz recht so. Sie war schlank, hatte eine geradezu klassische Wespentaille, rundete das Ganze aber mit einem vollen, festen Hintern ab. Ihre Beine schienen endlos lang zu sein, und tats\u00e4chlich ragte sie bis auf wenige Zentimeter an Lees knappe ein Meter achtzig heran. In der Jeans und dem T Shirt wirkte sie aufregender als alle Frauen in aufreizenden Cocktail-Kleidern. Lee wu\u00dfte, da\u00df er mit ihr mehr Gl\u00fcck als Verstand hatte. Ganz gleich, wie furchtbar der Morgen gewesen war und welch niederschmetternden Anblick das Haus bot, allein die Aussicht, da\u00df Carrie jetzt hier war, vergoldete diesen Tag. Sie konnte ihm den Himmel auf Erden bereiten. Nein, korrigierte er sich, im letzten Jahr hatte sie ihm den Himmel auf Erden bereitet. Carrie war es gelungen, ihn immer wieder aus seinen Gr\u00fcbeleien und seinem Selbstmitleid herauszurei\u00dfen. Dabei waren solche Gem\u00fctszust\u00e4nde Lees st\u00e4ndige Begleiter gewesen, seit er vor vier Jahren aus dem Krieg in S\u00fcdostasien zur\u00fcckgekehrt war. Doch ebenso abrupt, wie seine Freude gekommen war, verschwand sie wieder und machte bohrenden Fragen Platz. Nat\u00fcrlich hatte sie ihm den Himmel auf Erden bereitet, und nat\u00fcrlich half sie ihm, aus seinen Depressionen herauszufinden, aber wie lange w\u00fcrde eine solche Superfrau es schon bei einem Mann wie ihm aushallen? Bei einem Mann, der mindestens einmal pro Nacht schreiend aufwachte, weil er wieder schreckliche Alptr\u00e4ume gehabt hatte. Der sich bei solchen, aber auch vielen anderen Gelegenheiten von ihr wie ein ver\u00e4ngstigtes Kleinkind festhalten lassen mu\u00dfte. Wie lange w\u00fcrde Carrie bei einem Mann bleiben, bei dem sich bei neun von zehn Malen im Bett nichts regte? Wie lange konnte Carrie bei einem Mann bleiben, dessen Gesicht voller Narben und dessen Kopf voller Neurosen war? Durfte er darauf hoffen, da\u00df sie es noch ein paar Wochen bei ihm aushielt, oder durfte er, wenn er realistisch war, nur noch von ein paar Tagen ausgehen? Als er die Wohnungst\u00fcr erreichte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und k\u00fc\u00dfte ihn. Carrie erschrak, als sie seine kalten H\u00e4nde sp\u00fcrte, und fuhr zur\u00fcck. \u00bbDrau\u00dfen mu\u00df es ja furchtbar sein!\u00ab Er nickte. \u00bbSchneit es etwa?\u00ab \u00bbUnd wie!\u00ab Er zog den Mantel aus und lie\u00df ihn im Wohnzimmer auf den alten Sessel fallen. Er marschierte gleich durch zur K\u00fcche und \u00f6ffnete dort eine Dose Budweiser. \u00bbSchlechte Neuigkeiten?\u00ab fragte sie ihn. \u00bbWas denn sonst?\u00ab Er war einfach nicht in der Lage, ihr jetzt ins Gesicht zu sehen. Wie konnte er ihr erkl\u00e4ren, da\u00df die Dinge nicht nur schlimm standen, sondern immer noch schlimmer wurden? \u00bbLee?\u00ab dr\u00e4ngte sie. Er setzte die Bierdose an und nahm einen gro\u00dfen Schluck. Als die Fl\u00fcssigkeit durch seine Kehle rann, begriff er, da\u00df er eigentlich etwas zum Aufw\u00e4rmen gebraucht h\u00e4tte. Templeton im Amt f\u00fcr Veteranen angelegenheiten fiel ihm wieder ein. Von dem kam er gerade. Lee entschied, da\u00df er nicht so sehr etwas zum Aufw\u00e4rmen brauchte, sondern eher jemanden, der ihn auffing. \u00bbAlso war es eine Pleite, oder?\u00ab Carrie runzelte die Stirn. \u00bbDeswegen mu\u00dft du es aber nicht unbedingt an mir auslassen.\u00ab Er lie\u00df sich an dem billigen Formica-Tisch nieder. \u00bbTut mir leid.\u00ab Er w\u00e4re nie f\u00e4hig gewesen, ihr wissentlich weh zu tun. Aber irgendwie passierte ihm genau das immer wieder. Seine schlechte Laune war wirklich nicht gegen sie gerichtet. Vielmehr war sie f\u00fcr ihn wie ein Panzer gegen den Rest der Welt. \u00bbIch wette, du hast heute noch nicht gefr\u00fchst\u00fcckt. Du siehst ganz so aus, als h\u00e4ttest du noch gar nichts zu dir genommen.\u00ab Sie war taktvoll genug, nicht auf Templeton oder das Veteranenamt zu sprechen zu kommen. \u00bbM\u00f6chtest du ein Sandwich?\u00ab \u00bbWar nicht schlecht.\u00ab \u00bbMit Salami, Schmelzk\u00e4se, einem Blatt Salat und oben drauf eine Tomatenscheibe?\u00ab \u00bbJa, aber la\u00df, das kann ich mir schon selber machen..\u00ab Sie sch\u00fcttelte den Kopf. In diesem Moment leuchtete ihr blondes Haar ganz wunderbar. \u00bbNein, du bleibst sch\u00f6n, wo du bist. Niemand wird dich einen alten Chauvi schimpfen, blo\u00df weil ich dir mal ein kleines Butterbrot mache.\u00ab \u00bbDu tust so viel f\u00fcr mich.\u00ab \u00bbIch habe noch lange nicht genug f\u00fcr dich getan.\u00ab Als das Sandwich fertig war, hatte er auch die Bierdose geleert. Carrie stellte ihm ein zweites Budweiser auf den Tisch. Sie nahm sich selbst auch eine Dose, trank aber aus einem Glas. \u00bbWie war denn dein Tag so?\u00ab fragte er zwischen zwei Bissen. Er sa\u00df vor dem K\u00fchlschrank und hatte seinen Stuhl ein wenig vom Tisch weggedreht. Carrie konnte sich nun auf jeden der drei anderen K\u00fcchenst\u00fchle setzen, sie w\u00fcrde nie die Gesichtsh\u00e4lfte von ihm zu sehen bekommen, die nur noch aus Narbengewebe bestand. Carrie hatte ihm so oft erkl\u00e4rt, er solle sich dar\u00fcber keine Gedanken machen. Sie hielte ihn weder f\u00fcr h\u00e4\u00dflich noch f\u00fcr entstellt. Sie nehme seine Narben \u00fcberhaupt nicht wahr. Dennoch hielt Lee seine rechte Gesichtsh\u00e4lfte stets vor ihr verborgen, wenn sie zusammen a\u00dfen oder im Bett lagen. \u00bbIch bin nicht vor zehn aus dem Bett gekommen\u00ab, sagte sie. Carrie arbeitete in der Gestaltungs-Abteilung eines Verlages, dessen B\u00fcros mitten im Herzen von Manhattan waren. Aber heute hatte sie aufgrund des Weihnachtsfeiertages frei. \u00bbIch habe Radio geh\u00f6rt und ein bi\u00dfchen gelesen.\u00ab Er schob sich das letzte St\u00fcck des Sandwiches in den Mund und sp\u00fclte mit einigen Schlucken Bier nach. Als er sich dann auf dem Stuhl zur\u00fccklehnte, f\u00fchlte er sich endlich in der Lage, \u00fcber seinen Morgen zu reden. \u00bbDie Veteranenunterst\u00fctzung ist gestrichen.\u00ab \u00bbGanz gestrichen oder nur gek\u00fcrzt?\u00ab \u00bbGanz gestrichen.\u00ab \u00bbMit wem hast du denn gesprochen?\u00ab \u00bbMit wem sollte ich schon gesprochen haben?\u00ab \u00bbTempleton!\u00ab \u00bbWer sonst?\u00ab \u00bbDann mach doch eine Eingabe. Oder wende dich an seine Vorgesetzten!\u00ab \u00bbW\u00fcrde ja doch nichts bei rumkommen.\u00ab \u00bbTempleton ist ein Sadist\u00ab, schimpfte sie. \u00bbUnd ein Riesenarschloch dazu. Aber so sind sie da alle. Und sie stecken alle unter einer Decke. Dort hackt eine Kr\u00e4he der anderen kein Auge aus. Nein, wenn Templeton etwas entschieden hat, kann man nicht mehr dagegen an.\u00ab Sie trank einen kleinen Schluck aus ihrem Glas. Sorgenfalten gruben sich in ihr h\u00fcbsches Gesicht. \u00bbHast du ihm nicht das Schreiben von Dr. Slatvik gezeigt?\u00ab \u00bbDoch!\u00ab \u00bbUnd was hat er dazu gesagt?\u00ab Lee zuckte die Achseln. \u00bbEr hat sich nicht davon beeindrucken lassen.\u00ab Sie schlug mit ihrer zarten, kleinen Hand w\u00fctend auf den Tisch. \u00bbVerdammt noch mal, dir steht eine Kriegsversehrtenrente zu!\u00ab Er war immer wieder von neuem verbl\u00fcfft, wenn er erlebte, wie fest sie an die ausgleichende Gerechtigkeit im Leben glaubte. Ganz gleich, was um sie herum passierte, sie lie\u00df sich nie davon abbringen. Bevor Carrie das Licht der Welt erblickte, hatte ihr Vater sich schon aus dem Staub gemacht. Sie hatte ihn kein einziges Mal gesehen. Ihre Mutter war eine schwere Alkoholikerin, die man besser entm\u00fcndigt h\u00e4tte. Weil sie mit sich selbst nicht zurechtkam, geriet sie immer wieder an M\u00e4nner wie Carries Vater, die sie ebenfalls nach einer Weile sitzenlie\u00dfen. Carries Jugend hatte nur aus Armut und Hungern bestanden. Als sie neunzehn war, kam ihr Verlobter, der gerade erst vier Wochen zuvor eingezogen worden war, bei einem Man\u00f6verunfall ums Leben&#8230; Aber als w\u00e4re das alles nie geschehen, war Carrie durch und durch Optimistin und erwartete nur sch\u00f6ne Dinge vom Leben. Geschah dann doch einmal etwas weniger Sch\u00f6nes, war sie im ersten Moment \u00fcberrascht und hilflos. Richtig in Wut geriet sie aber, wenn sie Zeugin einer Ungerechtigkeit wurde. So etwas verzieh sie dem Schicksal nicht. \u00bbDir steht das Geld zu\u00ab, erkl\u00e4rte sie. Lee holte sich ein neues Bier aus dem K\u00fchlschrank. \u00bbM\u00f6chtest du auch noch eins?\u00ab fragte er und hielt die T\u00fcr auf. \u00bbNein, danke, ich habe noch.\u00ab Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und verga\u00df nicht, Carrie die linke Gesichtsh\u00e4lfte zuzuwenden. \u00bbDann erz\u00e4hl doch mal, was Templeton genau gesagt hat.\u00ab \u00bbWillst du das wirklich h\u00f6ren?\u00ab \u00bbJa, ich brenne darauf.\u00ab Er seufzte. Dann \u00f6ffnete er den Mund und \u00e4ffte Tempelton nach: \u00bbDie Vereinigten Staaten von Nordamerika gew\u00e4hren eine Kriegsversehrtenrente nur Personen, deren Verletzungen, die der oder die Betreffende sich w\u00e4hrend seiner Dienstaus\u00fcbung zugezogen hat, fortbestehen, und zwar in dem Ausma\u00df, da\u00df seine Arbeitskraft dergestalt beeintr\u00e4chtigt ist, da\u00df er einer normalen Berufst\u00e4tigkeit nicht mehr in dem Ma\u00dfe nachgehen kann, wie er sie unter dem Umstand keiner kriegsbedingten Versehrung h\u00e4tte leisten k\u00f6nnen.\u00ab \u00bbGott, das hast du dir anh\u00f6ren m\u00fcssen&#8230;\u00ab Lee hob eine Hand zum Zeichen, da\u00df er noch nicht fertig war. \u00bbDie plastischchirurgische Operation, die \u00fcbrigens zu einhundert Prozent von der Regierung erstattet wurde, hat f\u00fcnfundsechzig Prozent der Narben auf der rechten Gesichtsh\u00e4lfte entfernt.\u00ab Er zitierte immer noch den Beamten. \u00bbDamit haben Sie vielleicht verminderte Chancen, ein Filmstar zu werden, aber ein Fall von absto\u00dfender H\u00e4\u00dflichkeit d\u00fcrfte hier nicht gegeben sein&#8230; Ach, verdammt! Was macht es da schon, wenn die restlichen f\u00fcnfunddrei\u00dfig Prozent von der plastischen Chirurgie nicht zu bew\u00e4ltigen sind? Was macht es da schon, wenn in der einen Gesichtsh\u00e4lfte die Muskeln so gesch\u00e4digt sind, da\u00df sie wie gel\u00e4hmt ist?\u00ab Seine Stimme klang mit jedem Wort bitterer. \u00bbWas macht es da schon, wenn die Haut auf meiner rechten Gesichtsh\u00e4lfte sich wie ein grober Karton anf\u00fchlt? Zumindest h\u00f6re ich ja noch auf zwei Ohren, und blind bin ich auch nicht. Wor\u00fcber um alles in der Welt will ich mich schon beschweren? Ich bin doch schlie\u00dflich ein gro\u00dfer Gl\u00fcckspilz!\u00ab Beide sagten f\u00fcr eine Weile kein Wort. Die kleine K\u00fcche, die nur vom tr\u00fcben Winterlicht von drau\u00dfen beleuchtet wurde, schien die beiden einzuh\u00fcllen. \u00bbUnd der psychische Knacks?\u00ab sagte Carrie schlie\u00dflich. \u00bbVerdammt, den kann man doch nicht \u00fcbergehen!\u00ab Ihre Hand ballte sich zu einer Faust, und an ihrem schlanken Arm spannten sich die Muskeln. \u00bbDarauf hat Templeton auch eine Antwort.\u00ab \u00bbWahrscheinlich wieder so ein Unsinn wie vorhin!\u00ab \u00bbNein, leider steckt ein K\u00f6rnchen Wahrheit darin\u00ab, gestand Lee. \u00bbEin verdammt kleines K\u00f6rnchen, aber genug f\u00fcr ihn, um sich daran festzuhalten. Templeton meint, welche psychologischen Probleme auch immer mich plagen m\u00f6gen, sie seien offenbar nicht schwerwiegend genug, um meine Arbeitsvermittlung ernsthaft in Frage zu stellen. Immerhin besuche ich ja die Universit\u00e4t von Columbia, erkl\u00e4rte er, und ich belege dort mehr Vorlesungen, als nach der Statistik und dem Curriculum erforderlich sind. Und meine Noten liegen auch \u00fcber dem Durchschnitt. Wenn ich als Jurastudent schon so erfolgreich bin, was mu\u00df mir dann f\u00fcr eine gl\u00e4nzende Zukunft als Anwalt bevorstehen. Nein, auf die Hilfe vom Veteranenamt sei ich da ganz sicher nicht angewiesen, betonte er mehrfach. Alle meine psychischen Probleme st\u00fcnden in keiner Weise meiner F\u00e4higkeit im Wege, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.\u00ab Wenn Templeton jetzt im Zimmer gewesen w\u00e4re, w\u00e4re ihm Carrie an die Kehle gesprungen und h\u00e4tte die Welt von einem B\u00fcrokraten befreit. \u00bbWer, glaubt dieser Sesselfurzer denn, der er ist!\u00ab \u00bbKeine Ahnung. Vielleicht macht er ja gerade einen Fernkurs in Psychologie und kann sich deswegen ein Urteil erlauben.\u00ab Sie hielt das nicht f\u00fcr komisch. \u00bbUnd was ist mit deinen Studiengeb\u00fchren?\u00ab \u00bbOch, der Staat will sie mir erstatten. Zumindest den gr\u00f6\u00dften Teil davon. Und f\u00fcr die B\u00fccher und so weiter soll ich eine kleine Beihilfe erhalten.\u00ab \u00bbUnd was ist mit Essen und Trinken? Mit der Miete? Mit Bekleidung? Mit den tausend kleinen Rechnungen, die einem das Leben versauern?\u00ab Er rutschte auf dem Stuhl herum und sah sie direkt an. Im schwachen Dezemberlicht wirkte seine rechte Gesichtsh\u00e4lfte, als w\u00fcrde eine Brise \u00fcber einen See fahren. Das Gewebe dort war tot und hing schlaff herab. Den rechten Mundwinkel konnte er nicht bewegen, so als h\u00e4tte jemand die Lippenenden dort festgeschwei\u00dft. Lee l\u00e4chelte sarkastisch mit der gesunden Mundh\u00e4lfte. \u00bbTempleton ist zuversichtlich, da\u00df ich eine Teilzeitarbeit finde, die meine Studien nicht beeintr\u00e4chtigt. Das Schwein hat sogar angeboten, mir bei der Suche nach einem solchen Job behilflich zu sein.\u00ab Ihre Augen funkelten wie ein Gewitter, und ihre Miene erinnerte an die eines w\u00fctenden Wolfs. \u00bbEr wei\u00df doch genau, was du f\u00fcr einen Studienplan hast und wie lange und hart du b\u00fcffelst! Ist ihm denn nicht aufgefallen, da\u00df du montags bis donnerstags von der Fr\u00fch bis zum sp\u00e4ten Nachmittag in den H\u00f6rs\u00e4len hockst? Und dazu auch noch drei Stunden am Freitag? \u00dcbersteigt es denn seinen IQ, sich vorzustellen, da\u00df du zus\u00e4tzlich noch vier oder f\u00fcnf Stunden t\u00e4glich \u00fcber deinen B\u00fcchern hockst? Und noch den ganzen Samstag in der Bibliothek zubringst?\u00ab \u00bbDoch, ich sch\u00e4tze, das ist ihm alles bekannt\u00ab, antwortete Lee. Dann versuchte er, sie aufzuheitern, sie aus ihrer schwarzen Stimmung zu holen, so wie sie das so gut bei ihm verstand. Er blies seine Wangen auf, zog die Schultern hoch und setzte eine bl\u00f6de Miene auf, bis er dem Boxer aus einem alten Film glich, der kurz vor seinem entscheidenden Kampf steht. \u00bbAber Mr. Tempelton hat m\u00e4chtig viel Vertrauen in mich. Er sch\u00e4tzt, ich schaff s bis ganz, ganz, ganz oben!\u00ab \u00bbJa, so sch\u00e4tze ich das auch ein\u00ab, entgegnete Carrie, l\u00e4chelte aber keineswegs. Zwar war ihre Stimme jetzt nicht mehr so laut, aber der \u00c4rger in ihr war nicht zu \u00fcberh\u00f6ren. \u00bbIch habe mehr Vertrauen in dich als hundert Templetons zusammen. Aber leider bist du nicht Superman.\u00ab Schlagartig wechselte ihre Stimme wieder zu Zornesbeben, denn ihr war etwas Neues eingefallen: \u00bbWas ist mit den w\u00f6chentlichen Sitzungen bei Dr. Slatvik?\u00ab Er setzte die Bierdose an den Mund und nahm einen gro\u00dfen Schluck. Offenbar wollte er Carrie nicht mit einer weiteren schlechten Neuigkeit noch mehr ver\u00e4rgern. Als er nicht l\u00e4nger schweigen konnte, antwortete er: \u00bbDie sind auch gestrichen.\u00ab \u00bbSie wollen dir keinen Psychiater mehr bezahlen?\u00ab \u00bbZumindest keinen Dr. Slatvik.\u00ab \u00bbWas soll das hei\u00dfen?\u00ab \u00bbTempleton hat erkl\u00e4rt, sein Etat f\u00fcr solche Kostenerstattungen sei zusammengestrichen worden. Deshalb, nun, deshalb kann er mir nur noch den Armee- Psychiater bezahlen, aber nicht mehr. Er f\u00fcgte noch hinzu, da\u00df er mich gern mit einem solchen Herrn zusammenbringen w\u00fcrde.\u00ab \u00bbAber du bist jetzt fast drei Jahre bei Slatvik. Er kennt dich und dein Problem. Und was ist das f\u00fcr ein Armee-Seelenklempner? Unterscheidet man dort \u00fcberhaupt zwischen Therapeuten und Analytikern? Die sind doch nur dazu da, unwilligen Soldaten so lange das Gehirn zuzukleistern, bis sie gern an die Front gehen. Wenn ein Arzt im Zivilleben nichts erreicht, l\u00e4\u00dft er sich als letzten Ausweg von der Armee verpflichten. Ein Psychiater, der beim Milit\u00e4r Karriere machen will, scheint mir reichlich gro\u00dfe eigene Probleme zu haben!\u00ab \u00bbMacht doch nichts, Schatz\u00ab, erkl\u00e4rte er, obwohl es ihm sehr viel ausmachte. \u00bbIch bin sowieso zu dem Schlu\u00df gelangt, keinen Arzt mehr aufzusuchen. Zur H\u00f6lle mit all den Medizinern!\u00ab Er grinste und machte eine abf\u00e4llige Geste, um Carrie zu zeigen, wie wenig Tempeltons Worte ihm zu schaffen machten. \u00bbMeine Gro\u00dfmutter wu\u00dfte sich mit allerlei Hausmittelchen zu helfen, wenn irgendeine Unp\u00e4\u00dflichkeit sie plagte. Und das hat sie nicht umgebracht, ganz gewi\u00df nicht. Ich denke, ich komme schon zurecht, und wenn man es genau bedenkt, ist eine Neurose um so hartn\u00e4ckiger, je l\u00e4nger man einen Psychologen aufsucht.\u00ab \u00bbVerdammte Mistkerle!\u00ab schimpfte sie. Carrie stand auf und trat rasch ans n\u00e4chste Fenster. Sie starrte hinaus auf die wirbelnden Flocken und die graue Stadt, die der Schnee geduldig wei\u00df anstrich. Stille senkte sich \u00fcber die K\u00fcche. Nach einer Weile wurde die Ruhe von den Stra\u00dfenger\u00e4uschen gest\u00f6rt. Dumpfes Rollen und Rumpeln von Autos und Transportern. Das entfernte Heulen einer Polizeisirene&#8230; Lee erhob sich und stellte sich hinter Carrie. Er legte ihr die Arme um den Bauch und zog sie an sich heran. Angenehmer Shampoo-Duft drang in seine Nase. \u00bbEs n\u00fctzt doch \u00fcberhaupt nichts, wenn wir jetzt tagelang dar\u00fcber gr\u00fcbeln\u00ab, sagte er leise. \u00bbAber gr\u00f6\u00dferen Schaden w\u00fcrde es auch nicht anrichten!\u00ab fauchte sie. \u00bbLanges Br\u00fcten f\u00fchrt nur zu neuen Depressionen. Wir k\u00f6nnen nichts mehr dagegen tun und sollten uns also damit abfinden.\u00ab Er sah an ihrem Kopf vorbei nach drau\u00dfen. \u00bbAuf dem Heimweg ist mir klar geworden, da\u00df es keinen Sinn hat, Templeton zu verw\u00fcnschen. Er ist nicht die Regierung, sondern nur ein b\u00fcrokratischer Arm. Er hat sich an Richtlinien zu halten. Aber weil wir uns mit ihm auseinandersetzen m\u00fcssen, geben wir ihm die ganze Schuld. Dabei ist er nicht mehr als ein R\u00e4dchen im Getriebe, das sich dreht, weil es bewegt wird.\u00ab \u00bbSei nicht so verdammt vern\u00fcnftig\u00ab, emp\u00f6rte sie sich. \u00bbWir m\u00fcssen uns jetzt \u00fcberlegen, was wir tun k\u00f6nnen!\u00ab \u00bbDu hast nicht zuf\u00e4llig schon eine Idee?\u00ab Sie stand immer noch mit dem R\u00fccken zu ihm, als sie erkl\u00e4rte: \u00bbWir m\u00fcssen uns \u00fcberlegen, wo wir uns einschr\u00e4nken k\u00f6nnen. Ab heute gibt es keinerlei Extras mehr. Wir werden ein spartanisches Leben f\u00fchren. Und wir werden sehen, wie weit wir mit meinem Gehalt kommen.\u00ab \u00bbDann sollten wir als erstes das Essen aufgeben\u00ab, antwortete er. Sie seufzte. \u00bbAch, ich wei\u00df es doch auch nicht.\u00ab \u00bbIch suche mir einen Job\u00ab, sagte er pl\u00f6tzlich. \u00bbIch verbringe eben ein paar Stunden weniger an der Uni und mach mein Examen eben ein Jahr sp\u00e4ter.\u00ab \u00bbNein!\u00ab fuhr sie ihn unnachgiebig an. \u00bbWenn du einmal anf\u00e4ngst, das Examen hinauszuschieben, wirst du es nie mehr angehen.\u00ab Sie entzog sich seinen Armen, drehte sich um und sah ihm ins Gesicht. \u00bbH\u00f6r doch\u00ab, begann er, \u00bbdie einzige andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re, sich irgendwo Geld zu leihen. Aber welche Bank w\u00fcrde schon einem arbeitslosen, kriegsversehrten Studenten, der sich auch noch in psychiatrischer Behandlung befunden hat, einen Kredit gew\u00e4hren? Die Banken fallen also weg. Wer bliebe sonst noch? Mein Vater?\u00ab Er und sein Vater hatten sich nie sehr nahe gestanden. Ackridge senior hatte Lee nur einmal besucht, als er im Krankenhaus seine Verletzungen auskurierte. Und damals hatte es nur wenige Minuten gedauert, bis die beiden sich \u00fcber den Krieg und die Politik von Pr\u00e4sident Nixon in die Haare geraten waren. Seitdem gab es zwischen ihnen kein Thema mehr, \u00fcber das sie sich ruhig unterhalten konnten. Carrie lehnte sich an ihn, als w\u00e4re ihr doch einmal die Last der Welt zu gro\u00df geworden. \u00bbHalt mich, bitte.\u00ab Er legte wieder die Arme um sie. Ihm wurde bewu\u00dft, da\u00df die Gelegenheit g\u00fcnstig war, mit Carrie ins Bett zu gehen. Doch dann wurde ihm ebenso bewu\u00dft, da\u00df dieser Moment nicht zu den seltenen Gelegenheiten geh\u00f6rte, in denen er seiner Carrie etwas bieten konnte. So beschr\u00e4nkte er sich darauf, sie festzuhalten.<\/p>\n<p class=\"calibre3\">2<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Lee blickte auf sein Gesicht im fleckigen Badezimmerspiegel und versuchte sich zu erinnern, wie er einmal ausgesehen hatte&#8230; lockiges braunes Haar, ein festes Kinn, gesunde Gesichtsfarbe und ein paar Sommersprossen. Doch, vor dem Krieg war er ein gutaussehender Junge gewesen, wie ihn sich jede amerikanische Mutter zum Schwiegersohn gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Heute war davon im wahrsten Sinn des Wortes nur noch die H\u00e4lfte \u00fcbrig. Heute w\u00fcrde keine Mutter einer Tochter mehr nach ihm Ausschau halten. \u00bbSei froh, da\u00df die Knochen heil geblieben sind, da\u00df du noch zwei Arme und zwei Beine hast\u00ab, sagte er sich. Er wu\u00dfte von Kameraden, die wesentlich mehr als er verloren hatten. Lee war fast einen Meter achtzig gro\u00df, wog einundsiebzig Kilo, war schlank und muskul\u00f6s. Er hatte noch beide Augen. Es h\u00e4tte wirklich schlimmer kommen k\u00f6nnen. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, sich mit seiner verletzten Gesichtsh\u00e4lfte zu konfrontieren, um so \u00c4rger und Rachsucht zu erzeugen, die ihn aus seiner Niedergeschlagenheit rissen. Aber heute klappte es irgendwie nicht. Wenn es schon keine M\u00f6glichkeit gab, sich an der krankhaften, gesichtslosen B\u00fcrokratie zu r\u00e4chen, sollte man auch keine Energie darauf verschwenden. Die T\u00fcrklingel l\u00e4utete. Carrie hatte gesagt, sie wolle allein \u00fcber alles nachdenken, und war fortgegangen. So fr\u00fch erwartete Lee sie nicht zur\u00fcck. Er schaltete das Badezimmerlicht aus und lief durch die Diele zur Gegensprechanlage. \u00bbWer ist da?\u00ab rief er. Als Antwort erhielt er nur statisches Rauschen, aus dem sich alles h\u00e4tte heraush\u00f6ren lassen. Zum Beispiel ein Fixer, der sich am Ende f\u00fchlte: \u00bbHe, da oben, ich brauch Knete f\u00fcr den n\u00e4chsten Schu\u00df. Daf\u00fcr w\u00fcrd&#8217; ich sogar jemanden abmurksen.\u00ab Nein, sagte sich Lee, es konnte nur Carrie sein. Wahrscheinlich hatte sie vergessen, den Schl\u00fcssel einzustecken, wie es ihm heute morgen auch widerfahren war. Er dr\u00fcckte auf den T\u00fcr\u00f6ffner, zog dann die Wohnungst\u00fcr auf und trat hinaus auf den Gang bis ans Treppengel\u00e4nder. Schwere Schritte n\u00e4herten sich von unten. Da kam nicht Carrie, sondern ein Mann. Vielleicht doch der Fixer? \u00bbAckridge, du bietest mal wieder ein Bild des Jammers!\u00ab rief der Mann, als er das dritte Stockwerk erreichte. Lee starrte ihn an. \u00bbDoug? Mein Gott, du bist es, Doug!\u00ab Douglas Powell, der einzige wirkliche Freund, den er je beim Milit\u00e4r gefunden hatte. Jener \u00fcberbr\u00fcckte mit wenigen Schritten den Abstand zu Lee und packte ihn an den Schultern. Doug war knapp einen Meter neunzig, wog aber nur unwesentlich mehr als Lee. Er war ein ausgesprochen muskul\u00f6ser und sehniger Mann. Die anderen Kameraden hatten ihn &gt;Draht&lt; gerufen, was zu einem Teil daran gelegen hatte, da\u00df er seinen K\u00f6rper unglaublich zusammenfalten und sich in einer erstaunlich flachen Mulde verstecken konnte. Dougs H\u00e4nde h\u00e4tten jedem Football-Spieler zur Ehre gereicht. Sie lagen schwer auf Lees Schultern. \u00bbDu siehst aus wie ein gepr\u00fcgelter Hund!\u00ab grinste Doug. Lee lachte. \u00bbKein Witz, ich meine es ernst.\u00ab \u00bbSieht man es mir wirklich so deutlich an?\u00ab Powell verlor augenblicklich sein Grinsen und wurde \u00fcbergangslos ernst. \u00bbWarum erz\u00e4hlst du mir nicht alles?\u00ab Lee schlug dem Freund spielerisch in den Bauch und sagte: \u00bbDu h\u00e4ltst dich nicht mit langen Vorreden auf, was?\u00ab \u00bbWar&#8217; nicht mein Stil.\u00ab \u00bbDu bist noch keine drei Sekunden hier und schon bietest du mir an, mich durch die Untiefen des Lebens zu f\u00fchren!\u00ab Doug breitete die langen Arme aus. \u00bbWer k\u00f6nnte das besser als ich?\u00ab \u00bbNa ja, ich m\u00f6chte mich da nicht festlegen\u00ab, l\u00e4chelte Lee. \u00bbAber, Mensch, ich kann es immer noch nicht fassen, da\u00df du hier vor mir stehst. Was hat dich denn hergef\u00fchrt?\u00ab Doug Powell grinste gewinnend. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht, und die dunkelbraunen Augen lagen tief in den H\u00f6hlen unter der breiten Stirn. Seine gerade Nase ragte wie ein Adlerschnabel \u00fcber perfekt dazu passenden d\u00fcnnen Lippen heraus. Und seine Z\u00e4hne waren wie aus einer Zahnpasta-Reklame: gerade, wei\u00df und in ebenm\u00e4\u00dfigen Reihen. Bei ihrem Anblick mu\u00dfte jeder daran denken, wie schade es war, da\u00df man in seiner Jugend nicht einen etwas teureren Zahnarzt aufgesucht hatte. \u00bbWas mich herf\u00fchrt? Komm, la\u00df uns doch hineingehen, ein paar Biere k\u00f6pfen und von den guten alten Zeiten reden. Dann erz\u00e4hle ich dir alles.\u00ab Er wartete gar nicht erst ab, sondern schob Lee in die Wohnung und warf die T\u00fcr hinter sich zu. \u00bbAlso ein Bier?\u00ab fragte Lee. \u00bbNein, zwei, eins f\u00fcr jede Hand\u00ab, lachte Powell. Sie liefen durch das kleine, voll gestopfte Wohnzimmer in die K\u00fcche. \u00bbHast du die Lichtrechnung nicht bezahlt, oder bist du ein Nachtanbeter?\u00ab fragte Doug und lachte immer noch. \u00bbBevor du gekommen bist, war ich in Stimmung f\u00fcr Finsternis\u00ab, antwortete Lee. Er schaltete die K\u00fcchenlampe ein. \u00bbNein, la\u00df doch!\u00ab rief Doug. \u00bbGef\u00e4llt mir ganz gut so. Ist doch ganz angenehm mit der Musik und so.\u00ab Im Wohnzimmer war immer noch das Radio eingeschaltet. Mantovani- Geigen spielten entsch\u00e4rfte Fassungen von Evergreens, dazu die l\u00e4nger werdenden Schatten des Sp\u00e4tnachmittags&#8230; Lee nahm die Hand vom Schalter, ohne ihn gedr\u00fcckt zu haben. Powell zog den schweren, knielangen Mantel aus und legte ihn \u00fcber einen der K\u00fcchenst\u00fchle. Dann lie\u00df er sich an dem Formica- Tisch nieder, w\u00e4hrend Lee aus dem K\u00fchlschrank die Biere holte. Als Doug dann vor dem K\u00fcchenfenster sa\u00df, sich vom Abendlicht in eine Silhouette verwandeln lie\u00df und von seinen zwei Bierdosen getrunken hatte, fragte er: \u00bbAlso heraus mit der Sprache, was macht dich so niedergeschlagen?\u00ab \u00bbIst im Moment nicht so wichtig.\u00ab \u00bbUnd ob das wichtig ist. Du hast mir schlie\u00dflich damals das Leben gerettet. Da ist es doch das mindeste, da\u00df ich mir deine Sorgen anh\u00f6re!\u00ab \u00bbIn Nam habe nicht nur ich dir geholfen. Das hat auch umgekehrt funktioniert.\u00ab \u00bbUnd hier und heute soll das nicht anders sein.\u00ab Powell legte den Kopf in den Nacken, setzte eine Dose an und h\u00e4tte sie beinahe in einem Zug geleert. Danach atmete er erleichtert auf. \u00bbSp\u00e4ter will ich dir n\u00e4mlich von ein oder zwei eigenen Problemen erz\u00e4hlen.\u00ab \u00bbSo?\u00ab \u00bbAber du f\u00e4ngst an.\u00ab Lee kannte den Freund gut genug, um zu wissen, da\u00df Doug stur sein konnte, wenn er sich einmal was in den Kopf gesetzt hatte. Offenbar wollte er jetzt zun\u00e4chst h\u00f6ren, was Lee so bedr\u00fcckte. Lee tat ihm den Gefallen und erz\u00e4hlte ihm von Templeton, dem Veteranenamt, von der K\u00fcrzung, beziehungsweise Einstellung seiner Rente, von seinen ganzen finanziellen Schwierigkeiten, vom Abbruch der psychiatrischen Behandlung und von allen anderen K\u00fcmmernissen; nur die andauernde Impotenz behielt er f\u00fcr sich, denn die ging nur ihn und Carrie etwas an. W\u00e4hrend er berichtete, hatte Lee das eigenartige Gef\u00fchl, da\u00df Powell insgeheim froh \u00fcber das Ungl\u00fcck seines Freundes war. Lee konnte sich das eigentlich nicht vorstellen, denn Doug hatte zwar ein paar unangenehme Eigenschaften, aber ein Sadist war er ganz sicher nicht. Und schlie\u00dflich waren sie einmal sehr gute Freunde gewesen&#8230; \u00bbUnd wann ist Carrie hier eingezogen?\u00ab fragte Powell. \u00bbHast du denn nicht von Carrie gewu\u00dft?\u00ab \u00bbDas letzte Mal habe ich dich vor Weihnachten letzten Jahres gesehen. Du hast mir damals nur irgendwas von einer Verabredung erz\u00e4hlt.\u00ab \u00bbNun, danach hat es nicht mehr lange gedauert. Sie wohnt jetzt ungef\u00e4hr ein Jahr hier.\u00ab \u00bbUnd, bist du gl\u00fccklich mit ihr?\u00ab \u00bbSie ist das einzige in meinem Leben, \u00fcber das ich gl\u00fccklich sein kann.\u00ab \u00bbDa hast du schon mehr als ich\u00ab, brummte Powell. Es sah ihm nicht \u00e4hnlich, eine Schw\u00e4che oder eine Niederlage einzugestehen. Lee entdeckte kurz Einsamkeit im Blick des Freundes. Doug leerte die zweite Dose wie die erste und wischte sich dann mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die Lippen. \u00bbWillst du noch eins?\u00ab \u00bbKlar, was f\u00fcr eine Frage!\u00ab Als er die dritte Dose in der Hand hielt, erkl\u00e4rte er: \u00bbIch habe mich gerade von der Idee verabschiedet, ein brillanter Architekt zu werden.\u00ab \u00bbDu hast wieder einmal eine Schule verlassen?\u00ab \u00bbJa, wieder einmal\u00ab, gestand Powell. \u00bbDie wievielte ist das jetzt?\u00ab \u00bbSeit meiner R\u00fcckkehr von Nam habe ich f\u00fcnf Schulen geschmissen und vier Karrieren abgebrochen\u00ab, lachte Doug. \u00bbZuerst habe ich es mit Computer-Design versucht, sp\u00e4ter mit Betriebswirtschaft, dann zog es mich zur Medizin, und danach bin ich bei der Architektur gelandet&#8230; Ich bin jetzt sechsundzwanzig, und die einzige Laufbahn, die f\u00fcr mich geeignet scheint, ist die einer verkrachten Existenz.\u00ab Er grinste humorlos, und jetzt wirkten seine makellosen wei\u00dfen Z\u00e4hne wie das Gebi\u00df eines hungrigen Raubtiers. \u00bbWas ist denn mit dir los, Doug?\u00ab \u00bbKeine Ahnung. Seit Nam krieg ich einfach kein Bein mehr auf die Erde.\u00ab Lee nickte. \u00bbIch denke, wir haben davon beide unseren Knacks weg.\u00ab Powell leerte die dritte Dose und zerdr\u00fcckte sie dann mit einem Hieb auf dem K\u00fcchentisch. \u00bbAber bei Gott, ich denke, ich habe endlich das gro\u00dfe Los in der Tasche!\u00ab \u00bbErz\u00e4hl!\u00ab forderte Lee ihn auf und beobachtete ihn fasziniert. Wie rasch der Mann seine Stimmung \u00e4ndern konnte. Powell starrte ihn \u00fcber den K\u00fcchentisch an. Dann blickte er vorsichtig nach allen Seiten und begann endlich: \u00bbAuf der einen Seite tut es mir wirklich furchtbar leid, was mit dir passiert ist. Es betr\u00fcbt mich sehr, da\u00df man dir so viele Kn\u00fcppel zwischen die Beine wirft und du einfach nicht hochkommst. Und es emp\u00f6rt mich, wie Templeton und all die anderen B\u00fcrokraten dich verarschen. Doch auf der anderen Seite&#8230; ist es mir gar nicht so unrecht.\u00ab Also hatte Lee sich das doch nicht eingebildet. Powell war sehr zufrieden \u00fcber die Mi\u00dfgeschicke seines Freundes gewesen. Warum nur? Doug beantwortete die unausgesprochene Frage sofort: \u00bbDas h\u00f6rt sich sicher schlimm an, aber ich bin froh, da\u00df es dir so dreckig geht. Denn so wirst du sicher eher bereit sein, dir den kleinen Vorschlag durch den Kopf gehen zu lassen, den ich dir gleich machen will.\u00ab \u00bbOh, was denn f\u00fcr ein Vorschlag?\u00ab Powell l\u00e4chelte und glich jetzt einem Wolf. \u00bbSpann mich nicht auf die Folter\u00ab, dr\u00e4ngte Lee. \u00bbEs geht um Geld.\u00ab \u00bbHast du einen Job f\u00fcr mich?\u00ab fragte er sofort, wu\u00dfte aber im selben Moment, da\u00df Doug nichts dergleichen im Sinn hatte. \u00bbEinen Job? Hm, vielleicht k\u00f6nnte man es so nennen.\u00ab Lee wartete eine ganze Minute. \u00bbJa und? Was ist damit?\u00ab Powell beugte sich \u00fcber den Tisch und faltete seine gro\u00dfen H\u00e4nde um die eingedr\u00fcckte Bierdose, so als wollte er sie auf Streichholzschachtelgr\u00f6\u00dfe zusammenpressen. Von drau\u00dfen drang so wenig Licht in die K\u00fcche, da\u00df Doug nur noch als Schatten zu erkennen war. \u00bbLee&#8230;\u00ab sagte er und hielt dann inne. Als er weitersprach, kamen die Worte langsam und eindringlich. \u00bbLee, wie w\u00fcrde es dir gefallen, Million\u00e4r zu sein?\u00ab Ackridge starrte ihn an wie einen Au\u00dferirdischen. \u00bbW\u00fcrdest du gern Million\u00e4r sein?\u00ab wiederholte Doug. \u00bbNie mehr Geldsorgen? Nie mehr Streit mit Carrie um das Haushaltsgeld?\u00ab Lee konnte nicht mehr an sich halten und brach in schallendes Gel\u00e4chter aus. \u00bbKlar w\u00fcrde ich das gern sein!\u00ab Powell sah ihn unentwegt an. \u00bbDu kannst Million\u00e4r werden\u00ab, erkl\u00e4rte er ganz ruhig. \u00bbGenauso wie ich. Und es dauert nicht einmal lange, bis es soweit ist.\u00ab Pl\u00f6tzlich war es in der K\u00fcche eiskalt, so als habe jemand ein Fenster ge\u00f6ffnet, um den Winterwind hereinzulassen. Lee hatte seit Vietnam nicht mehr eine solche Intensit\u00e4t in Dougs Blick erlebt. \u00bbJetzt sag mir endlich, was Sache ist.\u00ab \u00bbIch bin da zuf\u00e4llig&#8230; \u00fcber etwas gestolpert\u00ab, antwortete der Freund geheimnisvoll. Er rutschte auf dem Stuhl ein St\u00fcck vor und tauchte damit v\u00f6llig in die Dunkelheit ein. \u00bbIch brauche dazu einen Partner. Einen Partner, dem ich mein Leben anvertrauen kann. Und da f\u00e4llt mir kein anderer ein als du.\u00ab \u00bbUnd daraus l\u00e4\u00dft sich eine Million Dollar machen?\u00ab \u00bbNicht nur eine, mehrere Millionen!\u00ab Beide schwiegen f\u00fcr eine Weile. Endlich fragte Lee leise: \u00bbIst wohl eine illegale Geschichte, oder?\u00ab \u00bbUm ganz ehrlich zu sein\u00ab, antwortete Powell, \u00bbsie w\u00fcrden uns ins allertiefste Loch einsperren und dann den Schl\u00fcssel fortwerfen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"calibre3\">3<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Lee schaltete jetzt doch die Lampe \u00fcber dem Herd ein. Die Dunkelheit war ihm mit einem Mal unbehaglich geworden. \u00bbWahrscheinlich w\u00e4re es das beste, ich w\u00fcrde auf der Stelle sagen, da\u00df ich nichts mehr davon h\u00f6ren will\u00ab, begann Lee. \u00bbWir k\u00f6nnten noch ein oder zwei Bier trinken, und dann w\u00fcrdest du gehen.\u00ab \u00bbDas h\u00e4ngt jetzt ganz allein von dir ab\u00ab, entgegnete Powell. \u00bbAber es w\u00fcrde dir bis an dein Lebensende leid tun, wenn ich es nicht einmal erz\u00e4hlt h\u00e4tte.\u00ab \u00bbUnd was w\u00e4re, wenn ich danach ablehne?\u00ab \u00bbDu mu\u00dft dich zu nichts verpflichtet f\u00fchlen.\u00ab Lee beobachtete Powells langes, hartes Gesicht genau. Aber er entdeckte darin nichts, was ihm in diesem Moment weitergeholfen h\u00e4tte. Etwas unidentifizierbar Fremdes fiel ihm jetzt in Dougs Z\u00fcgen auf. Nein, das war nicht mehr ganz der Mann, mit dem Lee im Krieg gewesen war. \u00bbNun?\u00ab fragte Powell. \u00bbEinige Millionen Dollar&#8230; Wo au\u00dferhalb einer M\u00fcnzanstalt k\u00f6nnte soviel Geld herumliegen, das man einfach nur einzustecken und fortzutragen braucht?\u00ab \u00bbWar das jetzt eine rhetorische Frage, oder willst du wirklich meinen Vorschlag h\u00f6ren?\u00ab fragte Doug und beugte sich wieder vor. Seine l\u00e4ssigen Bewegungen und das ewige Grinsen waren verschwunden. Jetzt bewegte er sich langsam und strahlte Kraft und Energie aus. Lee starrte ihn an, dachte an die lange Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, und suchte darin nach einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr Dougs Verhalten. Hatte Douglas Eugene Powell, ausgerechnet sein Freund, tats\u00e4chlich so etwas wie einen Bankraub vor? Wollte er ein Flugzeug entf\u00fchren? Oder was mu\u00dfte man tun, um an viele Millionen Dollar zu gelangen? Powell hatte es doch nicht schlecht. Seine Familie war verm\u00f6gend, und er konnte es sich leisten, ein Studium nach dem anderen abzubrechen. Er brauchte nur die Hand aufzuhalten, um an Geld zu kommen. Seine Mutter, Loretta Collinswood Powell, war in der Tradition des S\u00fcdstaatenadels erzogen worden. Sie besa\u00df Charme, Grazie, war ebenso vornehm wie bigott, verteilte regelm\u00e4\u00dfig Almosen und war alles in allem eine h\u00fcbsche, aber strohdumme S\u00fcdstaatensch\u00f6nheit, die au\u00dfer Doug kein Kind zur Welt gebracht hatte. Als Erbin von einem Viertel des Familienbesitzes war sie sicher nicht weit von einer Million\u00e4rin entfernt. Nach dem, was Doug \u00fcber sie erz\u00e4hlt hatte, geh\u00f6rte sie zu den M\u00fcttern, die ihre Kinder mit Affenliebe umhegen. Zwar bekam er von ihr jeden, wirklich jeden Wunsch erf\u00fcllt, andererseits erstickte sie ihn mit ihrer Forderung nach Liebe. Sein Vater, General Norman Powell, war der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs. Er konnte an allen F\u00e4den ziehen, so da\u00df es Doug auch in dieser Hinsicht an nichts mangeln mu\u00dfte. Doug hatte nie viel von seiner Mutter erz\u00e4hlt, aber im Vergleich zum Vater war er bei der Mutter geradezu redselig gewesen. Als Doug und Lee in der Armee gewesen waren, hatte der Vater sein hohes Amt noch nicht innegehabt. Aber er war schon General gewesen. Lee hatte immer vermutet, Doug erz\u00e4hle nur deshalb nicht so gern von seinen Eltern, weil er nicht vor anderen mit seinem Vater protzen wollte. Er hatte immer danach gestrebt, ein ganz normaler Junge zu sein, der von den Kameraden als Gleicher akzeptiert wurde. Es sah Doug gar nicht \u00e4hnlich, sich durch die stille Hilfe seines Vaters beim Milit\u00e4r ein ruhiges und feines Leben zu machen. Aber ob er nun von seinem Vater erz\u00e4hlte oder ihn verschwieg, General Powell lie\u00df sich nicht wegdiskutieren; und das war f\u00fcr den Sohn ein ebensolcher Trumpf im \u00c4rmel wie bei anderen Gelegenheiten das Geld seiner Mutter Loretta. Doug w\u00e4re der letzte, der aus purer Not eine Bank \u00fcberfallen m\u00fc\u00dfte. Aber aus welchem Grund sa\u00df er hier und redete allen Ernstes davon, auf illegale Weise an ein Verm\u00f6gen zu gelangen? &gt;Und warum bin ich so verdammt neugierig auf seinen Vorschlag?&lt; fragte sich Lee. Doug hatte sich wirklich ge\u00e4ndert, aber offenbar war es ihm selbst nicht anders ergangen. Er warf einen Blick auf die K\u00fcchenuhr. Carrie war jetzt schon eine Stunde fort. Sie mu\u00dfte bald zur\u00fcckkehren. Lee wollte nicht, da\u00df sie in irgendeiner Form in diese Geschichte verwickelt wurde. Powell sollte jetzt endlich sagen, was in seinem Kopf herumspukte. Sie durften keine Zeit mehr verlieren. \u00bbSchie\u00df los\u00ab, forderte Lee ihn auf. Doug nickte. Seine Stimme klang tief und leise. Es war fast so, als h\u00e4tte die Zeit einen Sprung zur\u00fcck gemacht. Wie damals in Asien, im Dschungel. Wie so oft, wenn sie \u00fcber die beste Taktik diskutierten, aus dem Hinterhalt zu entkommen, in den ein Trupp Vietcong sie gelockt hatte. \u00bbWenn ich nichts \u00fcbersehen habe\u00ab, begann Doug, \u00bbdann halten wir bald eine Summe irgendwo zwischen vier und sechs Millionen in H\u00e4nden. Und die werden sauber zwischen uns geteilt.\u00ab Er h\u00f6rte sich an wie ein Kredit- oder Anlagenberater. Ein adrett gekleideter, h\u00f6flicher junger Mann aus gutem Hause, der einem r\u00e4t, welche Aktien man kaufen, welche Obligationen man absto\u00dfen soll. Ein Au\u00dfenstehender h\u00e4tte niemals vermutet, da\u00df Powell etwas Illegales vorhaben k\u00f6nnte. Lee sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbSoviel Geld. Ich kann es einfach nicht glauben.\u00ab \u00bbWarte, bis du es in H\u00e4nden h\u00e4ltst, dann wirst du keine M\u00fche mehr haben, daran zu glauben.\u00ab Nahm Doug ihn vielleicht auf den Arm? Lee sah ihn aufmerksam an. Nein, die Intensit\u00e4t und Entschlossenheit in Powells Augen lie\u00dfen keinen Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit zu. \u00bbNun zu den Einw\u00e4nden\u00ab, fuhr Doug fort. \u00bbNummer eins, wir nehmen kein Bargeld. Und daf\u00fcr gibt es gute Gr\u00fcnde. Zum einen w\u00fcrden Banknoten in solcher Menge ein Transportproblem f\u00fcr uns darstellen. Zum anderen kann man den Verbleib von Bargeld zu leicht feststellen. Und schlie\u00dflich war dein Einwand von eben durchaus berechtigt: Wo liegt schon soviel Kohle herum? Nummer zwei, wir stehlen etwas so verdammt Wertvolles, da\u00df wir daf\u00fcr jede gew\u00fcnschte Summe als L\u00f6segeld fordern k\u00f6nnen.\u00ab Er griff in die Brusttasche seines Hemds und zog Zigaretten und Streichh\u00f6lzer hervor. \u00bbEinen Moment mal!\u00ab entfuhr es Lee. \u00bbDu meinst doch wohl hoffentlich nicht Kidnapping?\u00ab Powell z\u00fcndete die Zigarette an und blies den Rauch des ersten Zuges aus. \u00bbIch halte das auch f\u00fcr das D\u00fcmmste. Und glaub mir, ein solcher Dummkopf bin ich nicht. Nein, Kidnapping steht nicht auf dem Programm.\u00ab \u00bbWas denn dann? Willst du vielleicht einen vollbesetzten Jumbo kapern? Das w\u00e4re doch auch Kidnapping!\u00ab \u00bbNur Geduld\u00ab, antwortete Powell. Er hielt die Hand mit der Zigarette hoch. Der Glimmstengel ragte zwischen den beiden Fingern heraus. \u00bbDie Geschichte ist etwas kompliziert.\u00ab Lee sehnte sich nach einem Bier. Aber er hatte seine Grenze schon erreicht. Noch ein Bier, und er w\u00e4re blau. Dabei mu\u00dfte er sich gerade jetzt konzentrieren. \u00bbIn Washington, D. C, erhebt sich am Potomac River das bestbewachte Geb\u00e4ude der Welt\u00ab, erkl\u00e4rte Doug und klang wie ein schlecht bezahlter Reiseleiter. \u00bbDort halten so viele M\u00e4nner Wache, da\u00df man auf einen Soldaten pro zehn Meter kommen k\u00f6nnte. Vierundzwanzig Stunden am Tag laufen Hundepatrouillen rund um das Geb\u00e4ude. Elektronische Alarmanlagen und andere hochentwickelte Sicherheitssysteme aller Art vermehren sich dort st\u00e4ndig. Weder du noch ich k\u00e4men auch nur zwei Meter in dieses Geb\u00e4ude hinein&#8230; Doch wir k\u00f6nnen den wertvollsten Schatz stehlen, den das Haus h\u00fctet. Uns beiden ist das m\u00f6glich. Und wir m\u00fc\u00dften dem Geb\u00e4ude dabei nicht n\u00e4her als hundert Meilen sein.\u00ab Ganz gleich, wie ernst es Doug mit seinem Vorhaben war, Lee verstand \u00fcberhaupt nichts mehr. \u00bbWie kann man denn etwas von einem Ort stehlen, von dem man hundert Meilen weit weg ist?\u00ab Powell l\u00e4chelte wieder. \u00bbEs ist m\u00f6glich.\u00ab \u00bbIch komme nicht recht mit. Sprich bitte nicht mehr in R\u00e4tseln, sondern komm zur Sache. Was f\u00fcr ein Geb\u00e4ude soll das denn sein?\u00ab \u00bbDas Pentagon.\u00ab Lee keuchte und brauchte ein paar Momente, um sich wieder zu fassen. Dann fiel ihm etwas ein: \u00bbDein alter Herr sitzt doch dort. Du hast aber doch gerade gesagt, du k\u00e4mst nicht einmal zwei Meter in das Geb\u00e4ude hinein.\u00ab \u00bbNat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich in Begleitung meines Vaters das Pentagon betreten. Doch vom ersten Schritt an st\u00fcnde ich unter st\u00e4ndiger Bewachung. Einmal zu scharf eingeatmet, und schon w\u00e4ren ein Dutzend Maschinenpistolen auf mich gerichtet.\u00ab \u00bbJa, aber dein Vater ist doch so ein hohes Tier&#8230;\u00ab \u00bbDer Sicherheitsdienst im Pentagon traut niemandem\u00ab, antwortete Doug. \u00bbAber wir kommen vom Thema ab. Ich habe dir doch erkl\u00e4rt, da\u00df wir ziemlich weit entfernt von diesem Geb\u00e4ude die Sache durchziehen.\u00ab \u00bbAlso sch\u00f6n, ich bin interessiert. Aber du mu\u00dft mir schon genau erkl\u00e4ren, was du eigentlich vorhast. Und&#8230; ehrlich gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, was wir vom Pentagon stehlen und daf\u00fcr Millionen erpressen k\u00f6nnten.\u00ab \u00bbInformationen.\u00ab Dieses eine Wort erwischte Lee wie ein Eimer eiskaltes Wasser ins Gesicht. Die Unterhaltung verlor in diesem Moment alles romantisch Abenteuerliche. \u00bbGro\u00dfer Gott!\u00ab st\u00f6hnte Lee. Powell lachte laut. \u00bbDu willst Geheiminformationen stehlen?\u00ab In diesem Moment h\u00f6rte er wieder die schluchzenden Geigen aus dem Radio im Nebenzimmern &gt;Was f\u00fcr ein seltsamer Background f\u00fcr ein solches Gespr\u00e4che&lt;, dachte er. \u00bbIch denke nicht an irgendwelche Informationen, die nur h\u00f6heren Chargen zug\u00e4nglich sind. Mir geht es um die ganz supergeheimen Akten, um das \u00fcberlebenswichtige Material.\u00ab \u00bbDas ist nicht nur Diebstahl, das ist Hochverrat!\u00ab st\u00f6hnte Lee. \u00bbNicht unbedingt. Um des Hochverrats schuldig gesprochen zu werden, m\u00fc\u00dften wir das Material einer fremden Macht \u00fcberlassen. Nat\u00fcrlich werden wir der Regierung drohen, da\u00df wir die Informationen weiterverkaufen, denn wir wollen ja reich werden. Aber nat\u00fcrlich drohen wir nur damit. Selbstverst\u00e4ndlich werden wir die Informationen nicht den Russen oder Chinesen geben.\u00ab \u00bbDu hast noch nicht gesagt, was du genau tun willst\u00ab, sagte Lee heiser. Sein Gesicht war von einem Feuchtigkeitsfilm \u00fcberzogen, und unter den Achselh\u00f6hlen zeigten sich auf dem Hemd dicke Schwei\u00dfflecken. Powell blies einen Rauchring in die Luft. Er bem\u00fchte sich, ganz gelassen zu wirken. Aber Lee konnte er damit nicht t\u00e4uschen. Er war so angespannt wie eine Stahltrosse. \u00bbIn den Kellern des Pentagon steht die gigantischste Computeranlage der Welt\u00ab, erkl\u00e4rte Doug und verfiel wieder in den Reiseleiter-Tonfall. \u00bbDie Anlage besitzt ein enormes eigenes Generatorensystem und wird st\u00e4ndig erg\u00e4nzt. Ihre Datenspeicher umfassen f\u00fcnfzehntausend Magnetb\u00e4nder. Das entspricht sechzig Millionen Metern Magnetband oder 7,4 Billiarden Worten. Etwa ein Drittel dieser Informationsmenge ist topsecret, k\u00e4me also f\u00fcr uns in Frage. Hast du so weit alles verstanden?\u00ab Lee nickte ergriffen. \u00bbWoher wei\u00dft du das alles? Von deinem Vater?\u00ab \u00bbNat\u00fcrlich. Die einzigen zwei Themen, \u00fcber die er je redet, sind Football und das Pentagon.\u00ab Wie immer sein Plan genau aussehen mochte, Doug war deutlich erregt. Lee hingegen war an diesem Punkt nur voller Sorge und Furcht. \u00bbUm es allen Benutzern aus dem Verteidigungsministerium leichter zu machen, an die gespeicherten Informationen zu gelangen und mit ihnen zu arbeiten\u00ab, fuhr Powell fort, \u00bbhat man die Daten in f\u00fcnfzig Klassen unterteilt. Diese f\u00fcnfzig Klassen enthalten wirklich alle Fakten \u00fcber die milit\u00e4rische Kapazit\u00e4t dieses Landes. Wenn es einem feindlichen Agenten gelingen w\u00fcrde, auch nur einen kleinen Teil der Topsecret-Informationen anzuzapfen, w\u00fcrde das milit\u00e4rische Gleichgewicht auf dieser Erde \u00fcber Nacht zuungunsten der Vereinigten Staaten verschoben Und wenn ein Agent gar an die Informationen der obersten Klasse gelangen w\u00fcrde, st\u00fcnde damit der Untergang unserer Nation fest.\u00ab \u00bbDu meinst Krieg?\u00ab Nur die fahrigen Bewegungen der H\u00e4nde verrieten Dougs Nervosit\u00e4t, die ihm ansonsten nicht anzumerken war. Er dr\u00fcckte hastig seine Zigarette aus und z\u00fcndete sich gleich eine neue an, bevor er weiter erkl\u00e4rte: \u00bbEine feindliche Macht, die in den Besitz solcher Informationen gelangt w\u00e4re, w\u00fcrde einen Krieg wahrscheinlich nicht mehr f\u00fcr notwendig erachten. Versuch dir doch einmal vorzustellen, was einer feindlichen Macht alles m\u00f6glich w\u00e4re, wenn sie in den Besitz, sagen wir, der kompletten Listen aller T\u00f6tungskommandos unserer Geheimdienste in S\u00fcdamerika gelangen w\u00fcrde. Diese andere Nation k\u00f6nnte uns vor den Augen der Welt so blo\u00dfstellen, da\u00df niemand mehr einem Vertreter unseres Landes auch nur die Hand geben w\u00fcrde. Du siehst also, solche Informationen sind weit gef\u00e4hrlichere Waffen als alle Panzer und Kanonen zusammen.\u00ab \u00bbJa, in den falschen H\u00e4nden k\u00f6nnten solche Informationen den Lauf der Geschichte nachhaltig ver\u00e4ndern\u00ab, stimmte Lee zu. Er klang nicht melodramatisch, sondern eher sachlich, dachte er und war ein wenig erschrocken \u00fcber sich selbst. Er begriff zwar noch nicht, welche weiteren Daten von \u00e4hnlicher Brisanz der Computer des Pentagon enthalten mochte, aber es war ihm durchaus bewu\u00dft, da\u00df sie hier \u00fcber ein kolossales Vorhaben redeten. \u00bbAber selbstverst\u00e4ndlich werden wir schon zu verhindern wissen, da\u00df die von uns ausgeborgten Informationen in die falschen H\u00e4nde geraten\u00ab, versicherte Powell ihm rasch. \u00bbAu\u00dferdem verschaffen wir uns ja nur einen Bruchteil der Topsecret-Daten. Vielleicht f\u00fcnf oder sechs B\u00e4nder, nat\u00fcrlich ausgesuchtes Material. Zum Beispiel k\u00f6nnten wir schon ein gutes L\u00f6segeld f\u00fcr die Daten \u00fcber, na, vielleicht alle US-Forschungsprogramme, die mit Laser zu tun haben, verlangen. Man braucht nicht lange zu gr\u00fcbeln, um sich vorzustellen, was Staaten wie die Sowjetunion, China, aber auch Frankreich f\u00fcr solche Informationen geben w\u00fcrden. Und du kannst dir sicher vorstellen, was unsere Regierung tun w\u00fcrde, um zu verhindern, da\u00df solche Informationen in die falschen H\u00e4nde gelangen.\u00ab Er tat einen tiefen Zug von seiner Zigarette und beobachtete, wie ein Schimmer von Verstehen langsam, aber unaufhaltsam auf Lees Gesicht trat. \u00bbUnd das w\u00e4re nur ein Band. Wir k\u00f6nnten uns zus\u00e4tzlich noch ein Band besorgen, auf dem die Einsatzpl\u00e4ne der US-Streitkr\u00e4fte f\u00fcr alle zuk\u00fcnftigen Kriege gespeichert sind. Oder das Band, auf dem das gesamte Wissen des Pentagon \u00fcber den wissenschaftlichen Fortschritt in der UdSSR zu finden ist, verbunden nat\u00fcrlich mit den Namen aller Agenten und sonstigen Informanten, \u00fcber die das Pentagon an diese Daten gelangt ist. Die Politiker k\u00f6nnen lange beteuern, die Zeiten des kalten Krieges seien l\u00e4ngst vor\u00fcber, solche Informationen sind auch heute noch nicht in Gold aufzuwiegen.\u00ab \u00bbGro\u00dfer Gott!\u00ab Lee wurde schwindlig. \u00bbOder stell dir vor, wir gerieten an das Band, auf dem alle Codenamen, Kontaktpunkte, toten Briefk\u00e4sten, Tarnfirmen und Agentenf\u00fchrer von jedem CIA-Mann in der Welt verzeichnet sind. Plus nat\u00fcrlich die richtigen Namen und die Adressen dieser M\u00e4nner. W\u00fcrde eine feindliche Macht in den Besitz dieser Liste gelangen, w\u00e4re das gesamte amerikanische Spionagenetz mit einem Schlag zerst\u00f6rt. CIA und so weiter brauchten dann mindestens zehn Jahre, um ein neues Netz aufzubauen.\u00ab Lee war ganz schwummrig im Kopf, und seine Gesichtshaut brannte. \u00bbSelbst wenn es irgendwie m\u00f6glich sein sollte, an solche Daten zu kommen&#8230; wir m\u00fc\u00dften ja komplett verr\u00fcckt sein, diese B\u00e4nder zu stehlen!\u00ab \u00bbUnd wieso?\u00ab \u00bbFalls es uns tats\u00e4chlich gelingen sollte, an diese B\u00e4nder zu gelangen, und wir wirklich der Regierung ein L\u00f6segeld abpressen k\u00f6nnen, dann w\u00fcrden wir f\u00fcr den Rest unseres Lebens keinen Frieden mehr finden. CIA, NSA, FBI und Gott wei\u00df wer sonst noch w\u00fcrden Himmel und H\u00f6lle in Bewegung setzen, um uns zu fassen und uns dann das Wasser im Arsch kochen zu lassen!\u00ab \u00bbIch habe mir nat\u00fcrlich auch ein paar Schutzma\u00dfnahmen einfallen lassen\u00ab, entgegnete Powell etwas verstimmt, \u00bbdoch zu denen wollte ich sp\u00e4ter noch kommen. Im Augenblick kommt es mir vor allem darauf an, da\u00df du begreifst, wie wir an die Daten kommen. Es gibt keinen Zweifel daran, da\u00df wir sie erlangen k\u00f6nnen. Ist das klar?\u00ab \u00bbOhne auch nur in die N\u00e4he des Pentagon zu kommen?\u00ab \u00bbGenau so, wie ich es gesagt habe.\u00ab \u00bbDu willst \u00fcber deinen Vater an die B\u00e4nder kommen!\u00ab triumphierte Lee. Powell lachte schallend. Gegen seinen Willen mu\u00dfte sich Lee eingestehen, da\u00df das Lachen des Freundes ansteckend war. \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich nicht! Ich bin doch kein Vollidiot! Wir drohen der Regierung nur damit, die verdammten B\u00e4nder an China, Ru\u00dfland oder meinetwegen Spanien zu verkaufen. Denn wenn wir nicht damit drohen, kriegen wir auch kein L\u00f6segeld. Aber wir w\u00fcrden das Zeugs nie wirklich verkaufen. Wenn es zum Schlimmsten kommt und die Regierung uns kein Geld gibt, vernichten wir die B\u00e4nder eben oder schicken sie sogar mit der Post zur\u00fcck!\u00ab \u00bbUnd woher sollen sie wissen, da\u00df wir keine Kopien angefertigt haben?\u00ab Doug dr\u00fcckte heftig die Zigarette aus und zeigte dann beide Handfl\u00e4chen. \u00bbGanz einfach. Das B\u00e4ndersystem des Pentagon ist vornehmlich nach Sicherheitskriterien entwickelt und angelegt worden und erst in zweiter Linie ist seine Effizienz \u00fcberlegt worden. Man kann die B\u00e4nder nicht kopieren, solange man nicht \u00fcber die Spezialanlagen des Pentagon verf\u00fcgt.\u00ab Warum h\u00f6re ich mir diesen Wahnsinn eigentlich an? fragte sich Lee verbl\u00fcfft. Wollte er nur aus Neugierde noch mehr von Dougs Geschichte h\u00f6ren? Nein, nicht aus Neugierde. Ich h\u00f6re ihm zu, weil ich noch nicht beschlossen habe, ihn den Job allein ausf\u00fchren zu lassen! \u00bbAlso gut\u00ab, bemerkte Lee pfiffig, \u00bbwenn du es nicht mit der Hilfe deines Vaters tust und wenn du nicht ins Pentagon hineinwillst, dann kennst du dort jemanden, der sich ein Zubrot verdienen m\u00f6chte.\u00ab \u00bbIm Pentagon wimmelt es von korrupten Menschen\u00ab, antwortete Doug. Seiner Miene war deutlich anzumerken, da\u00df er seinen Vater dazurechnete. \u00bbAber niemandem dort w\u00fcrde es gelingen, etwas aus der Computerabteilung zu schmuggeln, ganz zu schweigen davon, es auch noch aus dem Haus zu schaffen.\u00ab Powell z\u00fcndete sich die n\u00e4chste Zigarette an. \u00bbKein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums hat Zugang zu Topsecret-Daten, ohne sich vorher einer strengen Sicherheitspr\u00fcfung unterzogen zu haben. Das nimmt reichlich Zeit in Anspruch. Zus\u00e4tzlich mu\u00df er f\u00fcr jede betreffende Akte Dutzende Spezialantr\u00e4ge ausf\u00fcllen und einreichen. Und erst, wenn er das alles hinter sich gebracht hat, besorgt ihm der Chefprogrammierer, ein Mann namens Ives, die gew\u00fcnschte Information. Der Antragsteller selbst kommt also nie auch nur in die N\u00e4he der Computer.\u00ab \u00bbDu hast dich mit diesem Ives zusammengetan?\u00ab \u00bbIves mu\u00df sich einer \u00dcberpr\u00fcfung unterziehen, sobald er den Computerraum verl\u00e4\u00dft. Ob er das nun ein- oder drei\u00dfigmal am Tag tut. Und rund um die Uhr halten sich dort Wachen auf, die alle Vorg\u00e4nge am Computer beobachten.\u00ab Powell dr\u00fcckte die Zigarette aus, bevor er den zweiten Zug gemacht hatte. Dann err\u00f6tete er leicht und fuhr \u00e4u\u00dferlich ruhig damit fort, seinen Plan darzulegen: \u00bbDaten aller f\u00fcnfzig Klassen k\u00f6nnen nur dann kopiert werden, wenn man ein bestimmtes Codewort eingibt, das nur die betreffende Klasse bedeutet. Diese Codew\u00f6rter werden alle vierzehn Tage durch neue ersetzt. Nur neun Personen &#8211; sie alle verf\u00fcgen \u00fcber ihre eigene Computerkonsole, die direkt mit dem Pentagonsystem verbunden ist &#8211; erhalten die Codelisten. Und diese neun Personen geh\u00f6ren nicht zu denen, die sich von jemandem wie uns bestechen lie\u00dfen: Ives, der Chefprogrammierer, der selbst den Code bestimmt; der Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten; der Verteidigungsminister; der Vorsitzende des Generalstabs; die Stabschefs von Heer, Marine und Luftwaffe; der Vizepr\u00e4sident der Vereinigten Staaten; der Verbindungsmann des Pentagons im Kongre\u00df, derjenige, der entscheidet, wer aus Repr\u00e4sentantenhaus und Senat in welche Geheimhaltungsstufe eingeweiht wird. An keinen dieser M\u00e4nner kommen wir heran, nicht wahr? Jeder andere, der nicht \u00fcber die Codeliste und seinen eigenen Direktanschlu\u00df an den Pentagon-Computer verf\u00fcgt, und jeder, der nicht zum obersten Geheimnistr\u00e4ger ernannt wird, erh\u00e4lt nur Zugang zu Daten, die unterhalb der f\u00fcnfzig Klassen liegen. Und das ist genau das Material, das der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich ist.\u00ab \u00bbNun, wenn dein Vater sich nicht als Verr\u00e4ter entpuppt hat, dann vielleicht ein anderer aus der Neunergruppe.\u00ab Lee gefiel die Vorstellung, eine der Spitzenpers\u00f6nlichkeiten dieses Landes stehe in Wahrheit auf der Gehaltsliste des Feindes. \u00bbGanz und gar nicht\u00ab, l\u00e4chelte Powell nachsichtig. \u00bbIch will dir jetzt erkl\u00e4ren, wie ein Normalsterblicher an Daten vom Pentagoncomputer gelangen kann. Vielleicht kommst du dann von allein drauf, wie mein Plan aussieht.\u00ab \u00bbEinen Moment noch\u00ab, sagte Lee, holte zwei Bierdosen aus dem K\u00fchlschrank, stellte eine vor den Freund hin und ri\u00df die zweite f\u00fcr sich auf. \u00bbSo, jetzt kann es losgehen.\u00ab \u00bb\u00dcber das ganze Land verteilt gibt es vierhundert Kommunikationsstellen mit dem Pentagon-Computer. Eine solche Stelle findet sich zum Beispiel in jeder Universit\u00e4t, die irgend etwas mit milit\u00e4rischer Forschung zu tun hat. Und jede R\u00fcstungsfirma verf\u00fcgt ebenfalls \u00fcber einen Au\u00dfenanschlu\u00df. Des weiteren hat nat\u00fcrlich jeder Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt von hier bis Alaska einen Anschlu\u00df. Denn mehrere tausend Personen -Manager und Professoren, Wissenschaftler aller Art, hohe Milit\u00e4rs und so weiter &#8211; m\u00fcssen jederzeit Zugang zu bestimmten Daten haben; nat\u00fcrlich nur zu solchen, die nicht unter die Geheimhaltungsvorschriften fallen. Jeden Tag machen diese Leute \u00fcber ihren Au\u00dfenanschlu\u00df Tausende von Anfragen. Dazu braucht es nicht mehr als einen Programmierer, der von seiner Kommunikationsstelle aus die Anfrage direkt an den Pentagon-Computer richtet. Die Antwort erscheint dann als Telefax-Ausdruck. Oder &#8211; je nach Anfrage &#8211; das Pentagon \u00fcberspielt sein Band auf den Computer in der Au\u00dfenstelle, damit die Daten dort gespeichert werden und der Programmierer st\u00e4ndigen Zugang zu ihnen hat.\u00ab Lee starrte an Powell vorbei aus dem Fenster. Erst kurz vor siebzehn Uhr, und schon war der Tag vor\u00fcber. Die Winternacht kroch in die Stadt. Lee sah vereinzelten Schneeflocken nach, die an die Fensterscheibe geprallt waren und nun daran herabrutschten. Lee l\u00e4chelte. Das L\u00e4cheln galt nicht der Sch\u00f6nheit des Naturschauspiels, sondern der Anmut von Dougs Plan. Lee verstand jetzt erst, da\u00df es m\u00f6glich war, einen so fantastischen Coup zu landen: \u00bbDu willst also an einen dieser Au\u00dfen-Terminals und \u00fcber den die Daten abrufen. Ha, ha, das k\u00f6nntest du von hier, von New York aus oder auch von Kalifornien aus, ganz wie es dir beliebt.\u00ab \u00bbEndlich hast du es kapiert!\u00ab Lees Blick wanderte langsam von den Schneeflocken zu seinem Gegen\u00fcber. \u00bbAber diese Kommunikationsstellen werden doch sicher scharf bewacht, oder?\u00ab \u00bbKaum. Ein Nachtw\u00e4chter, wenn es hoch kommt. Man verl\u00e4\u00dft sich ja darauf, da\u00df ein \u00dcbelwollender ohne Codew\u00f6rter sowieso nicht an das Topsecret- Material herankommt.\u00ab \u00bbAber du hast die Codes?\u00ab \u00bbWorauf du dich verlassen kannst! Und ich kenne die Bin\u00e4rnummern, die f\u00fcr die exakten Standorte aller wichtigen Informationsbl\u00f6cke stehen.\u00ab \u00bbIch glaube, ich habe nicht recht verstanden\u00ab, brummte Lee. \u00bbBei f\u00fcnfzehntausend Magnetb\u00e4ndern braucht man ein Ordnungssystem. Ich kenne die Koordinaten f\u00fcr die einzelnen Standorte.\u00ab \u00bbUnd das wei\u00dft du alles von deinem Vater?\u00ab Powell nickte. Die Zigarette in seiner Hand war bis an den Filter heruntergebrannt. Er versengte sich die Kuppe des Zeigefingers, als er sie rasch ausdr\u00fcckte. \u00bbAllerdings wei\u00df er nicht, da\u00df ich es wei\u00df. Der alte Herr hat am Tag vor Weihnachten die neue Code-Liste erhalten. Wenn er sie mit sich herumtr\u00e4gt, wird er stets von Soldaten begleitet. Aber wenn er zu Hause ist, schlie\u00dft er die Liste einfach in seinen Safe im Arbeitszimmer ein. Und er war fast ganz Weihnachten \u00fcber zu Hause.\u00ab \u00bbUnd du kennst die Safe-Kombination, nicht wahr? Da hast du in einem g\u00fcnstigen Moment die Liste geklaut?\u00ab Doug sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbNein, wenn eine Liste verschwunden ist, wird der Computer sofort blockiert und erst wieder ge\u00f6ffnet, wenn eine neue Liste die Betreffenden erreicht hat. Wenn ich die Liste gestohlen h\u00e4tte, w\u00fcrde sie mir nicht das geringste n\u00fctzen. Nein, mein Teurer, ich habe mich eine Stunde lang mit dem B\u00fcchlein, es ist ja mehr als blo\u00df ein Zettel, in eine stille Ecke zur\u00fcckgezogen und dort die Stellen kopiert, die mir wichtig und wertvoll erschienen. Danach habe ich die Liste wieder im Safe eingeschlossen.\u00ab \u00bbUnd&#8230;\u00ab \u00bbDu hattest recht. Ich werde mich zu einer Au\u00dfenstelle begeben und dort mit deiner Hilfe den Nachtw\u00e4chter ausschalten. Ich setze mich an den Au\u00dfen- Terminal und rufe die Top secret-Informationen ab. Ich lasse mir auch das aktuelle Overall-Programm geben, denn dieses enth\u00e4lt die Schl\u00fcssel, mit denen man die Geheiminformationen erst lesen kann. Danach spazieren wir beide aus dem Geb\u00e4ude hinaus und pfeifen ein Liedchen.\u00ab Lee konnte es nicht fassen. Es klang so einfach. Und so schrecklich. Eine Stimme in Lee sagte, da\u00df er jetzt die letzte Gelegenheit hatte, aus diesem Wahnsinnsvorhaben auszusteigen, da\u00df er kein Wort mehr davon h\u00f6ren d\u00fcrfte, da\u00df er&#8230; Aber vier Millionen&#8230; sechs Millionen&#8230; \u00bbMir sind noch ein paar Punkte unklar\u00ab, sagte Lee.<\/p>\n<p class=\"calibre3\">4<\/p>\n<p class=\"calibre3\">\u00bbBis jetzt habe ich dich nur mit einem groben Umri\u00df versorgt\u00ab, sagte Doug. \u00bbAber ich denke, da\u00df die Details \u00fcber die Arbeitsweise eines Computers dich nur langweilen w\u00fcrden. Also erspare ich sie dir.\u00ab Zum ersten Mal seit einer halben Stunde lehnte er sich zur\u00fcck. \u00bbDoch ansonsten magst du alles fragen.\u00ab \u00bbHast du eine Vorstellung, wie sich die Computer in den Au\u00dfenstellen bedienen lassen?\u00ab \u00bbWenn ich mich dar\u00fcber nicht informiert h\u00e4tte, k\u00f6nnte ich gleich den ganzen Plan ins Klo kippen. Au\u00dferdem habe ich ja, wie du wei\u00dft, ein paar Semester Computerwissenschaft studiert. Anderthalb Jahre lang, um genau zu sein, bevor ich eingezogen worden bin. Und nach der Entlassung aus der Armee habe ich noch ein Jahr Studium drangeh\u00e4ngt. Ich gelangte dann zu der Einsicht, da\u00df ich f\u00fcr diese Wissenschaft nicht geeignet bin. Aber ich habe genug gelernt, genug jedenfalls f\u00fcr unseren kleinen Coup.\u00ab Lee erhob sich und begab sich zur Sp\u00fcle. Dort drehte er das kalte Wasser auf, wusch sich die H\u00e4nde und bespritzte sein Gesicht. Er rieb sich die Nase und die Augen mit einem Geschirrtuch ab. Doch als er wieder am Tisch sa\u00df, bedeckte ein neuer Schwei\u00dffilm seine Z\u00fcge. \u00bbWie willst du unsere L\u00f6segeldforderung \u00fcbermitteln?\u00ab \u00bb\u00dcber denselben Au\u00dfen-Terminal. Nachdem ich alle Daten erhalten habe, telefaxe ich meine Forderung direkt ins Pentagon.\u00ab Der blanke Irrsinn. Aber es konnte funktionieren. \u00bbGut. Aber wenn die Regierung bereit ist, die Summe zu zahlen, wie gelangen wir dann an das Geld, ohne am \u00dcbergabeort von einer Armee von CIA- oder FBI-Agenten empfangen zu werden?\u00ab \u00bbDa habe ich mir schon was Passendes ausgedacht\u00ab, antwortete Doug. \u00bbDoch diesen Aspekt des Unternehmens wollen wir so lange zur\u00fcckstellen, bis du dir ausreichend Klarheit \u00fcber den ganzen Plan verschafft hast.\u00ab \u00bbSobald die Sache durchgezogen ist, werden sie die neun Personen, die berechtigt sind, ein solches Codebuch zu erhalten, auf Herz und Nieren \u00fcberpr\u00fcfen. Und dasselbe tun sie mit allen Familienmitgliedern der Betreffenden.\u00ab \u00bbIch verschaffe mir schon ein Alibi, keine Sorge.\u00ab Er wischte sich mit einer seiner gro\u00dfen H\u00e4nde \u00fcber das Gesicht; das erste Anzeichen seiner inneren Anspannung, aber auch seiner Erleichterung dar\u00fcber, endlich seinen gro\u00dfen Plan ausgebreitet zuhaben. \u00bbIch sch\u00e4tze, sie lassen die neun bald wieder in Ruhe. Wer w\u00fcrde auch ernsthaft den Pr\u00e4sidenten in die Mangel nehmen wollen? Nein, sie vermuten sicher nach einer Weile, da\u00df irgendein elektronisches Genie dahintersteckt. Oder sie tippen auf ein Man\u00f6ver einer fremden Macht. Die Wahrheit wird ja auch so unglaublich sein, da\u00df sich niemand ernsthaft damit befassen wird.\u00ab \u00bbNa gut\u00ab, nickte Lee. \u00bbDu wei\u00dft also, wie man den Pentagon-Computer ausnimmt. Du erh\u00e4ltst die Daten. Die Regierung ist in heller Aufregung. Sie ist gewillt, dir alles zu geben, was du verlangst. Aber wie gibst du das Geld danach aus? Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, da\u00df man dir unmarkierte Scheine aush\u00e4ndigt. Und vom Tag der \u00dcbergabe an wird in jeder Bank im ganzen Land ein FBI-Mann an den Kassen stehen und darauf warten, da\u00df die erste markierte Note eingezahlt wird.\u00ab \u00bbWir fordern kein Bargeld\u00ab, erkl\u00e4rte Powell, als sei es das Selbstverst\u00e4ndlichste auf der Welt. \u00bbWir verlangen etwas, was klein genug ist, um sich transportieren zu lassen, dessen Spur kaum aufzunehmen ist, was sich leicht zu Geld machen l\u00e4\u00dft, das zehn Millionen Dollar wert ist und was mindestens die H\u00e4lfte davon einbringt, wenn man es schnell ver\u00e4u\u00dfern mu\u00df.\u00ab \u00bbWas k\u00f6nnte das denn sein?\u00ab \u00bbZum Beispiel Diamanten. Aber die CIA kann alle Diamantenm\u00e4rkte auf der Welt leicht kontrollieren und observieren. Oder Heroin. Aber ich pers\u00f6nlich habe etwas gegen Drogenhandel.\u00ab \u00bbWas bliebe denn dann noch \u00fcbrig?\u00ab Powell erkl\u00e4rte es ihm ganz genau. Lee mu\u00dfte sich danach eingestehen, da\u00df der Freund seinen Plan wirklich sehr gr\u00fcndlich durchdacht hatte. Er machte keinen Hehl aus seiner Bewunderung, und Doug sonnte sich darin. \u00bbIch h\u00e4tte nie gedacht, da\u00df etwas so Kleines so wertvoll sein kann.\u00ab \u00bbHa! Da w\u00e4re sicher noch mehr zu holen.\u00ab Lee dachte ein paar Minuten \u00fcber die Angelegenheit nach. Alles pa\u00dfte zusammen. Doug schien keine Schwachstelle \u00fcbersehen zu haben. Ein geradezu zu sch\u00f6ner Plan. Irgendwo mu\u00dfte einfach ein Fehler stecken. Wahrscheinlich etwas so Simples, so Selbstverst\u00e4ndliches, da\u00df man erst mit der Nase draufgesto\u00dfen werden mu\u00dfte. \u00bbWas ist mit dem Hehler? Mit demjenigen, dem wir das erpre\u00dfte Gut anbieten?\u00ab \u00bbNat\u00fcrlich wird der Hehler wissen, da\u00df das Zeug geklaut ist, aber er wird wohl nie darauf kommen, da\u00df wir die St\u00fccke im Tausch f\u00fcr \u00fcberlebenswichtige Daten erhalten haben. Da\u00df wir f\u00fcr kurze Zeit das Schicksal der Welt in den H\u00e4nden gehalten haben. Die Regierung wird zwar die gr\u00f6\u00dfte Ermittlungsaktion des Jahrhunderts ins Leben rufen, aber sie wird auch h\u00fcbsch den Deckel drauflassen. Mit anderen Worten, du wirst in den Zeitungen kein Sterbensw\u00f6rtchen dar\u00fcber finden. Und woher sollte der Hehler sonst erfahren, was wir getan haben? Er wird schon keine kalten F\u00fc\u00dfe bekommen. Und davon ganz abgesehen, sobald er unsere Ware genommen und uns daf\u00fcr Geld gegeben hat, steckt er genauso tief in der Sache drin wie wir. Sollte er also doch etwas \u00fcber die Wahren Hintergr\u00fcnde erfahren, wird er es vorziehen, wie ein Grab zu schweigen.\u00ab \u00bbKennst du denn jemanden, der uns die St\u00fccke abnehmen w\u00fcrde?\u00ab \u00bbErinnerst du dich noch an Sergeant Dunio?\u00ab l\u00e4chelte Doug. \u00bbNun, er macht seit der Entlassung aus der Armee in Kunstschmuggel. Er organisiert den Transport und den Weiterverkauf von Objekten, die aus Kirchen oder Tempeln gestohlen wurden oder von sonst woher stammen. Er arbeitet auf internationaler Ebene, ist ziemlich dick da eingestiegen. Er kennt mittlerweile die richtigen Leute und hat sich einen Kundenkreis von reichen Privatsammlern zugelegt, die alles daf\u00fcr geben, bestimmte St\u00fccke in ihrem Besitz zu wissen. Seit er das Milit\u00e4r verlassen hat, betreibt er das hauptberuflich. Er arbeitet sogar gelegentlich f\u00fcr Regierungen, die es nicht k\u00fcmmert, wenn ihre Museen mit Objekten vom schwarzen Markt best\u00fcckt werden.\u00ab \u00bbAber die Personen, denen er unsere St\u00fccke verkauft&#8230;\u00ab \u00bbKennen weder seinen richtigen Namen, noch k\u00f6nnen sie sonstwie auf uns zur\u00fcckschlie\u00dfen. Ich habe schon mit Dunio gesprochen. Er wird die f\u00fcnf St\u00fccke wohl nehmen und sie einer ausl\u00e4ndischen Regierung anbieten, nicht aber einem Privatsammler. Und das ist gut f\u00fcr uns, denn ein solcher Kunde wird alles andere tun, als der CIA bei ihren Ermittlungen behilflich zu sein.\u00ab Das Vorhaben sah von Minute zu Minute besser aus. Aber immer noch suchte Lee wie ein S\u00fcchtiger nach einer Schwachstelle. \u00bbFassen wir noch einmal zusammen: Die Regierung bezahlt das L\u00f6segeld. Wir h\u00e4ndigen die St\u00fccke Dunio aus. Der gibt uns daf\u00fcr einen Haufen Scheine&#8230; Wie verhindern wir dann, da\u00df jemand auf unseren pl\u00f6tzlichen Reichtum aufmerksam wird?\u00ab \u00bbIch wei\u00df, was ich tue, und das will ich auch tunlichst f\u00fcr mich behalten\u00ab, antwortete der Freund. \u00bbAber ich kann dir ein paar Tips geben. Ich k\u00f6nnte dich mit einem europ\u00e4ischen Anwalt, einem Schweizer, in Verbindung bringen. Er ist ein Freund von Dunio. Dieser Anwalt erfindet f\u00fcr dich einen entfernten Verwandten, einen guten Freund aus der Schulzeit, einen alten Verehrer deiner Mutter oder was auch immer. Auf jeden Fall eine Person, die sehr reich war und pl\u00f6tzlich verstorben ist. Der Betreffende hat dir eine Viertel Million hinterlassen. Nat\u00fcrlich hat es diesen Menschen nie gegeben, aber der Anwalt beschafft alles, was f\u00fcr eine solche Existenz notwendig w\u00e4re: Papiere, Impfbescheinigungen, Schulzeugnisse, Totenschein, eben alles, was erforderlich ist. Nach Abzug der Steuern h\u00e4ttest du damit zwischen ein- und zweihunderttausend Dollar &gt;geerbt&lt;. Damit er\u00f6ffnest du eine Firma, in der du relativ einfach das restliche Geld unterbringen kannst. Von mir aus kannst du zwischendurch auch ein h\u00fcbsches S\u00fcmmchen in Las Vegas oder Monaco &gt;gewinnen&lt;.\u00ab Lee war sehr beeindruckt. \u00bbDu hast ja wirklich an alles gedacht!\u00ab Aber Powell war jetzt nicht in der Stimmung, auf Komplimente einzugehen. \u00bbJa, das habe ich\u00ab, erkl\u00e4rte er nur. \u00bbDann zum Punkt von vorhin. Wie gelangen wir an das L\u00f6segeld?\u00ab \u00bbGanz einfach.\u00ab Powell grinste. In den n\u00e4chsten f\u00fcnf Minuten erkl\u00e4rte er seinem Komplizen, wie sie an die Beute gelangen und auf welchem Wege sie die Daten der Regierung wieder zukommen lassen wollten. Es h\u00f6rte sich verdammt gut an. Ach was! Es war perfekt! Lee setzte mit zitternden Fingern die Bierdose an den Mund und ging in Gedanken noch einmal den Plan durch. Verdammt, es klang wie ein utopisches M\u00e4rchen. Das konnte nur ein Traum sein, der sich am n\u00e4chsten Morgen verfl\u00fcchtigte. Oder bestand wirklich eine kleine Chance? Doug beugte sich vor. Er lud sich wieder mit nerv\u00f6ser Energie auf. \u00bbZugegeben, die Sache hat ihre Gefahren. Aber das Projekt ist sicher nicht gef\u00e4hrlicher als das Jahr, das wir in Asien verbracht haben, oder?\u00ab \u00bbBei dir geht alles so schnell und glatt\u00ab, wandte Lee ein. \u00bbDas Ganze erscheint mir immer irrealer!\u00ab \u00bbDu solltest lieber davon ausgehen, da\u00df es f\u00fcr uns Realit\u00e4t wird\u00ab, entgegnete Powell. \u00bbUnser Vorhaben ist nicht einfach nur eine M\u00f6glichkeit, rasch an das gro\u00dfe Geld zu kommen. Das ist nicht ein einfacher Diebstahl, sondern eine politische Tat! All diese karrieregeilen B\u00fcrokraten im Pentagon, die am gr\u00fcnen Tisch Grenzscharm\u00fctzel aust\u00fcfteln, mi\u00dfliebige Personen mit einem Federstrich ausl\u00f6schen oder gar Kriege vom Zaun brechea.. Wir tun unserm Land einen gro\u00dfen Gefallen damit, wenn wir die h\u00fcbsche kleine Welt dieser Herrschaften ein wenig durcheinander sch\u00fctteln, indem wir ihnen aufzeigen, da\u00df auch im Zeitalter der maximalen Sicherheit ihr schwer bewachtes B\u00fcro nicht unangreifbar ist. Wir sto\u00dfen direkt ins Herz ihrer heiligen Kuh!\u00ab Lee erkannte den Freund kaum wieder. Soviel Leidenschaftlichkeit, soviel moralische Ergriffenheit h\u00e4tte er ihm nie zugetraut. \u00bbUnd nachdem wir ihnen die Daten zur\u00fcckgegeben haben, werden diese Schreibtischhelden nie wieder vergessen, an welchen Abgrund wir sie gef\u00fchrt haben!\u00ab Lee mu\u00dfte zugeben, da\u00df ihre Tat in gewisser Weise moralisch gerechtfertigt war. Lee strich sich mit einem Finger \u00fcber das Kinn. \u00bbWenn man ein gro\u00dfes Tier verwundet, schl\u00e4gt es in seiner Wut mit doppelter Kraft zur\u00fcck\u00ab, bemerkte er. Er ber\u00fchrte seine rechte Gesichtsh\u00e4lfte. \u00bbDie Bestie hat mich bereits einmal getroffen. Ich m\u00f6chte nicht ein zweites Mal&#8230;\u00ab \u00bbWerd blo\u00df nicht philosophisch\u00ab, brummte Doug. \u00bbWir zwei haben nicht mehr und nicht weniger vor als ein h\u00fcbsches kleines Gesch\u00e4ft, bei dem es f\u00fcr uns eine Menge zu verdienen gibt!\u00ab Er lachte. \u00bbEin wahrhaft amerikanisches Gesch\u00e4ft; denn in diesem Land ist das Profitstreben heilig!\u00ab Lee schlo\u00df die Augen und seufzte. \u00bbWenn ich mich noch ein paar Jahre lang anstrenge, bin ich vielleicht ein ordentlich zugelassener Anwalt.\u00ab \u00bbDann bist du \u00fcber drei\u00dfig. Ein etwas sp\u00e4ter Start f\u00fcr eine gl\u00e4nzende Karriere. Wenn du Gl\u00fcck hast, kommst du erst kurz vor deiner Pensionierung ans gro\u00dfe Geld. Die Wahrheit ist doch die, Lee: Der Krieg hat dir ein paar J\u00e4hrchen geraubt.\u00ab \u00bbWarum willst du es tun, Doug? Dir fehlt es doch an nichts. Du k\u00f6nntest fast alles haben, was dein Herz begehrt.\u00ab Powell runzelte die Stirn und schwieg einen Moment. Dann erkl\u00e4rte er leise: \u00bbMein alter Herr gibt nur etwas, wenn er sicher sein kann, das Doppelte zur\u00fcckzuerhalten. Und er h\u00e4lt den Daumen auf Loretta. Wenn ich etwas von den beiden nehmen w\u00fcrde, w\u00e4re ich auf immer in ihrer Hand;\u00ab \u00bbIch dachte, nach dem Krieg h\u00e4tte sich dein Verh\u00e4ltnis zu ihnen gebessert?\u00ab Powell verzog das Gesicht zu einem h\u00e4\u00dflichen Grinsen. \u00bbMeine Mutter ist Alkoholikerin. Und der General&#8230; Hast du dich eigentlich nie gefragt, wie es kommt, da\u00df der Sohn von General Norman Powell als Sch\u00fctze Arsch in den Krieg zieht?\u00ab Lee zuckte die Achseln. \u00bbIch habe mir gedacht, du wolltest soviel wie m\u00f6glich ohne die Hilfe deines Vaters schaffen.\u00ab Powell wollte losprusten, beschr\u00e4nkte sich dann aber auf ein sanftes L\u00e4cheln. \u00bbGuter Gott, nein! Als ich gemustert und eingezogen wurde, habe ich mir keine gro\u00dfen Sorgen gemacht, denn ich sagte mir, der General holt dich da schon wieder raus, verschafft dir ein h\u00fcbsches, wenig arbeitsintensives Pl\u00e4tzchen irgendwo in der Etappe. Doch statt dessen hat er seinen Einflu\u00df darauf verwandt, mich dahin zu schicken, wo es wirklich kn\u00fcppeldick kam. Der gute Mann ist tats\u00e4chlich immer noch der Ansicht, da\u00df die Kriegserfahrung gut f\u00fcr mich gewesen sei. Da\u00df ich dort charakterlich gefestigt worden und zum ganzen Mann herangereift sei. Davon abgesehen konnte er mit einem Sohn an der Front nat\u00fcrlich Pluspunkte bei seinen Kumpels in Washington sammeln.\u00ab Lee sperrte den Mund auf und hob die H\u00e4nde, lie\u00df sie dann aber wieder sinken. \u00bbWie grausam&#8230; Ich wei\u00df nicht, was ich dazu sagen soll&#8230;\u00ab Doug streckte eine Hand aus und dr\u00fcckte Lees Linke. \u00bbJetzt wei\u00dft du, warum ich zu dir gekommen bin. Wir haben beide dieselben Beweggr\u00fcnde. Wir wollen eine Belohnung oder Entsch\u00e4digung f\u00fcr das, was wir durchgemacht haben. Und wir wollen es denen heimzahlen, die uns das angetan haben.\u00ab \u00bbJa, wir wollen es ihnen t\u00fcchtig heimzahlen\u00ab, entfuhr es Lee. \u00bbBist du dabei?\u00ab \u00bbIch wei\u00df noch nicht so recht&#8230;\u00ab \u00bbDu mu\u00dft dich aber bald entscheiden. Innerhalb der n\u00e4chsten Woche schlagen wir zu. Danach w\u00e4re es sinnlos, denn dann sind die Code-W\u00f6rter l\u00e4ngst nicht mehr aktuell.\u00ab \u00bbSo vieles geht mir noch durch den Kopf.\u00ab Was war denn mit ihm los? Lee erkannte sich selbst nicht wieder. Warum sagte er nicht in diesem Augenblick laut und vernehmlich nein? Wie konnte er auch nur eine Sekunde l\u00e4nger \u00fcber seine Teilnahme an einem solchen irrwitzigen Unternehmen nachdenken? \u00bbBis morgen fr\u00fch neun Uhr mu\u00df ich Bescheid wissen\u00ab, sagte Doug. \u00bbIch bin im Algonquin abgestiegen. Zimmer 34. Ich habe mich dort unter dem Namen Walters eingetragen.\u00ab \u00bbFalls ich wirklich mitmache\u00ab, erkl\u00e4rte Lee, \u00bbdann m\u00f6chte ich den ganzen Plan von A bis Z noch einmal h\u00f6ren.\u00ab \u00bbKlar, wenn du dich entschieden hast.\u00ab Powell erhob sich. Die Stuhlbeine kratzten unangenehm \u00fcber den alten Linoleumboden. \u00bbDu machst mit. Ich kenne dich. Du hast im Grunde genommen schon akzeptiert. Du suchst nur noch etwas, womit du dein Gewissen beruhigen kannst. Und diese Suche wird nicht allzu lange dauern.\u00ab \u00bbIch habe noch nicht ja gesagt!\u00ab \u00bbDas wirst du noch.\u00ab Er streckte sich vom langen Sitzen und stemmte dann die F\u00e4uste in die Seiten. \u00bbSonst noch was? Irgendeine kleine Detailfrage vielleicht?\u00ab \u00bbIm Moment habe ich keine weiteren Fragen\u00ab, sagte Lee. Powell schl\u00fcpfte in seinen Mantel und kn\u00f6pfte ihn zu. Er wirkte wie ein B\u00f6rsenmakler, der nach einem langen, hitzigen Arbeitstag nach Hause eilt. \u00bbGlaub mir, es wird wie in den alten Zeiten. Wir zwei gegen den Rest. Wir beide f\u00fchren sie alle an der Nase herum. Nur gibt es diesmal einen entscheidenden Unterschied zu fr\u00fcher: Wir riskieren nicht unser Leben f\u00fcr ein paar B\u00fcrokraten. Diesmal f\u00e4llt eine Menge f\u00fcr uns ab, und das brauchen wir mit niemandem zu teilen.\u00ab Lee f\u00fchrte den Freund durch das dunkle Wohnzimmer zur Wohnungst\u00fcr. \u00bbBis morgen neun Uhr\u00ab, verabschiedete sich Doug. \u00bbGeht klar.\u00ab \u00bbDu sagst Bescheid, ganz gleich, ob du mitmachst oder nicht.\u00ab \u00bbIch rufe an und la\u00df mich mit dem Zimmer von Mr. Walters verbinden.\u00ab Sie gaben sich nicht die Hand Lee \u00f6ffnete vorsichtig die T\u00fcr. Sie tauschten einen letzten Blick aus. Doug lief durch den Flur, erreichte den Treppenabsatz und war nicht mehr zu sehen. Lee schlo\u00df die T\u00fcr und wollte den Sicherheitsriegel vorschieben, als ihm einfiel, da\u00df Carrie jeden Moment zur\u00fcckkehren konnte. Er lie\u00df die Hand sinken und wollte sich mit dem R\u00fccken gegen die T\u00fcr lehnen. \u00bbDu kannst ruhig absperren\u00ab, sagte sie aus der Dunkelheit. \u00bbIch bin schon eine ganze Weile wieder da.\u00ab Er zuckte am ganzen K\u00f6rper zusammen und sp\u00e4hte ins Wohnzimmer. \u00bbCarrie?\u00ab Sie stand im Eingang zur K\u00fcche. Ein Schemen, dessen R\u00e4nder von der tr\u00fcben Birne in der K\u00fcchenlampe bestrahlt wurden. \u00bbDu wirst es tun, nicht wahr?\u00ab Seine Kehle war wie zugeschn\u00fcrt. Er konnte nicht antworten. \u00bbIch bin vor etwa vierzig Minuten zur\u00fcckgekehrt\u00ab, erkl\u00e4rte sie. \u00bbIch hatte meinen Schl\u00fcssel dabei, und die T\u00fcr war auch nicht verriegelt. Ich bin so leise wie m\u00f6glich hineingeschlichen. Das Radio gab mir dabei zus\u00e4tzlichen Schutz. Fast h\u00e4tte ich dich gerufen, damit du w\u00fc\u00dftest, da\u00df ich wieder da bin. Aber dann h\u00f6rte ich euer Gespr\u00e4ch und habe geschwiegen.\u00ab Er trat zu ihr und fa\u00dfte sie mit Daumen und Zeigefinger am Kinn. \u00bbDu vergi\u00dft augenblicklich alles, was du geh\u00f6rt hast. Jedes einzelne Wort von seinem Plan!\u00ab \u00bbWirst du es auch vergessen?\u00ab \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich. Ein wahnwitziges Vorhaben.\u00ab \u00bbIch kenne dich besser. Du wirst es nicht vergessen. Er hatte recht mit dem, was er \u00fcber dich gesagt hat. Du versuchst im Augenblick noch, deine Teilnahme vor dir selbst zu rechtfertigen. Aber das spielt sich nur an der Oberfl\u00e4che ab. Darunter hast du schon l\u00e4ngst akzeptiert.\u00ab Sie seufzte, rang nach Worten. \u00bbAm besten setzen wir uns jetzt hin und \u00fcberlegen in aller Ruhe, wie ich in die Sache hineinpasse.\u00ab<\/p>\n<p class=\"calibre3\">5<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Die junge Frau hie\u00df Pia James. Sie war f\u00fcnfundzwanzig, wirkte aber j\u00fcnger und benahm sich so, als bes\u00e4\u00dfe sie die Reife und Erfahrung einer F\u00fcnfundvierzigj\u00e4hrigen. Etwa einen Meter siebzig gro\u00df, besa\u00df sie einen geschmeidigen K\u00f6rper, trug langes schwarzes Haar und hatte gr\u00fcne Augen. Ihre Haut hatte die Farbe von Milch und Honig. Sie trug ein zimt- und orangefarbenes Kleid, ein Dreihundert-Dollar-St\u00fcck mit hohem Kragen, das sich eng an ihren K\u00f6rper schmiegte. Auf den ersten Blick wirkte sie wie eine Studentin, die \u00fcber die Weihnachtsfeiertage nach Hause gekommen war. Obwohl ihre gro\u00dfen, festen Br\u00fcste sich deutlich unter dem feinen Stoff abzeichneten, wirkte sie nicht wie eine Hure. Doch genau diesem Gewerbe ging sie nach. Sie war ein sehr teures Vergn\u00fcgen. Kurz nach neunzehn Uhr gesellte sie sich zu Douglas Powell an seinen Tisch im Spanischen Pavillon. Drei Minuten nachdem sie sich niedergelassen hatte, stand vor ihr schon ein JACK ROSE, einer der ber\u00fchmten Longdrinks dieser Bar. Sie hielt das Glas mit beiden H\u00e4nden fest und trank so vorsichtig davon wie ein Rehkitz, das das Wasser einer Quelle probiert. Selbst ihre kleinen Bewegungen waren voller Grazie. Von ihr ging etwas hypnotisch Anziehendes aus. Schon nach wenigen Minuten des Zasammenseins mit ihr f\u00fchlte sich Doug in eine andere Welt versetzt, so als st\u00fcnde er auf einem Flo\u00df und w\u00fcrde ein Meer aus Farben und Ger\u00e4uschen befahren. Und darin war Pia James der einzige ruhende Ort. \u00bbIch habe mich gefreut, als ich h\u00f6rte, du w\u00e4rst wieder in der Stadt\u00ab, sagte Pia zwischen zwei Schlucken. Ihr Blick wanderte \u00fcber die besetzten Tische, die Bilder an den W\u00e4nden und die hohe Decke. \u00bbMir war gleich klar, da\u00df wir wieder hier landen w\u00fcrden.\u00ab Er l\u00e4chelte hinterh\u00e4ltig. \u00bbDu freust dich, mich zu sehen, weil ich dich zum Dinner in den Spanischen Pavillon eingeladen habe?\u00ab \u00bbDu wei\u00dft genau, was ich meine. Du bist einer der ausgesucht wenigen in meinem &gt; Bekanntenkreis&lt;, der \u00fcber ein Minimum an Stil verf\u00fcgt. Und es macht Spa\u00df, mit dir zusammenzusein.\u00ab \u00bbIch denke, das sagst du jedem.\u00ab \u00bbOh, heute in Masochistenstimmung?\u00ab Er grinste. \u00bbTrifft sich ja gut, da\u00df du heute die Sadistin gibst.\u00ab \u00bbIch nehme f\u00fcr dich doch jede Rolle an\u00ab, antwortete sie und l\u00e4chelte ihn eindeutig an. Doug mochte ihr Selbstbewu\u00dftsein. Es hatte eine besondere Qualit\u00e4t und verdarb nicht im mindesten ihre weibliche Ausstrahlung. Sie besa\u00df eine rasche Auffassungsgabe, war witzig und machte sich keine allzu gro\u00dfen Sorgen dar\u00fcber, einen guten Kunden zu verlieren. Sie wu\u00dfte sehr gut, da\u00df sie jederzeit neue finden konnte. Doug verstand sie, denn er hatte schon eine Menge Huren kennengelernt. Seit seiner R\u00fcckkehr vom Krieg war er mit gut zwei Dutzend von ihnen ins Bett gestiegen. Eine feste Freundin besa\u00df er hingegen nicht. Um ehrlich zu sein, er hatte seit der Entlassung keine Freundin gehabt. Doug war der \u00dcberzeugung, da\u00df keine Frau den Aufwand an Zeit und Energie lohnte. Nein, Doug wollte sich nicht enger binden. Wenn er weibliche Gesellschaft w\u00fcnschte, ging er zu einer Hure. Er sagte sich, warum ein Haus anz\u00fcnden, wenn man sich nur einen Toast machen will. Davon abgesehen erregte ihn das sehr, was eine Hure ihm bieten konnte. Und er bezahlte gern daf\u00fcr. Pia James geh\u00f6rte zu seinen Favoritinnen. Schon von dem Moment an, als sie das Lokal betreten hatte und auf seinen Tisch zugesteuert war, war er scharf auf sie. Sie verbrachten zwei Stunden mit Aperitifs und der Spezialit\u00e4t des Hauses, Solomillo al chef, einer besonders s\u00fc\u00dfen Sangria, zu der Ananaskuchen gereicht wurde. Sp\u00e4ter tranken sie Brandy und Kaffee, und Doug fragte: \u00bbWas w\u00fcrdest du von f\u00fcnftausend Dollar f\u00fcr zwei Stunden Arbeit halten?\u00ab Pia hielt den Kopf leicht gesenkt und r\u00fchrte ihren Kaffee um. Nach einem kurzen Moment blickte sie auf und sah ihn durch ihre langen, dunklen Wimpern an. \u00bbH\u00f6rt sich nach einer Plackerei an.\u00ab \u00bbNein, es hat nichts mit Spezialw\u00fcnschen oder so zu tun\u00ab, erkl\u00e4rte er rasch. \u00bbIch ben\u00f6tige nur jemanden, der f\u00fcr mich einen Auftrag erledigt. In einer Woche w\u00e4re es soweit. Ein sehr, sehr wichtiger Auftrag.\u00ab Pia sagte nichts. Sie sah ihn nur an und wartete auf eine genauere Erkl\u00e4rung. \u00bbAlso, du m\u00fc\u00dftest zu einer bestimmten Zeit in einen bestimmten U-Bahn-Zug steigen und dort einen Mann treffen, der ein Paket f\u00fcr mich hat. Du nimmst das Paket, steigst wieder aus und bringst es mir.\u00ab \u00bbWarum nimmst du das Paket denn nicht selbst in Empfang?\u00ab Sie sprach noch leiser als gew\u00f6hnlich. \u00bbKeine Angst, die Sache ist nicht illegal\u00ab, erkl\u00e4rte er. \u00bbEs ist nur so, da\u00df der Betreffende und ich f\u00fcr zwei miteinander verfeindete Unternehmen arbeiten. Niemand darf von der Sendung etwas erfahren. Und vielleicht ist ihm ein Privatdetektiv auf den Fersen. Man darf ihn und mich nicht zusammen sehen.\u00ab \u00bbWas ist denn in dem Paket?\u00ab \u00bbBesser f\u00fcr dich, wenn du nichts davon wei\u00dft. Du mu\u00dft mir auch nicht jetzt sofort sagen, ob du die Sache f\u00fcr mich erledigen willst oder nicht. La\u00df dir ruhig Zeit und denk in Ruhe dar\u00fcber nach. Vielleicht f\u00e4llt dir ja noch eine Kollegin oder so ein, die dir dabei helfen k\u00f6nnte.\u00ab Zum ersten Mal zeigte sie sich verbl\u00fcfft. \u00bbWarum sollte ich Hilfe brauchen? Was du von mir verlangst, h\u00f6rt sich recht einfach an.\u00ab \u00bbDie Sache ist leider etwas komplizierter\u00ab, gestand er ihr. \u00bbIch habe dir nur im groben erkl\u00e4rt, was zu tun ist, damit du ungef\u00e4hr wei\u00dft, was auf dich zukommt. \u00dcberleg dir die Sache. Wenn du Interesse hast, k\u00f6nnen wir sp\u00e4ter noch einmal dar\u00fcber reden.\u00ab Sie verzog die Lippen zu zwei perfekten Halbb\u00f6gen und senkte die Lider, bis er kaum noch etwas von ihren sch\u00f6nen Augen ausmachen konnte. \u00bbF\u00fcnftausend?\u00ab Er nickte. \u00bbNicht mehr als zwei Stunden?\u00ab \u00bbAllerh\u00f6chstens. Eher weniger.\u00ab \u00bbDann denk ich dr\u00fcber nach.\u00ab Doug wu\u00dfte jetzt, da\u00df sie es tun w\u00fcrde. Er hatte seinen ersten Strohmann gefunden, den ersten der zwei Zwischentr\u00e4ger, die er f\u00fcr die Entgegennahme des L\u00f6segelds brauchte. Als er eine Stunde sp\u00e4ter aus dem Bad des Hotelzimmers kam, hatte Pia schon die Bettdecke zur\u00fcckgeschlagen. \u00bbIch finde, es ist reichlich k\u00fchl hier drin. Ich habe die Heizung bis oben aufgedreht.\u00ab Er umarmte sie von hinten. \u00bbLa\u00df mich deine Heizung auch bis ganz oben aufdrehen.\u00ab Sie lachte und lehnte sich an ihn. \u00bbLa\u00df mich&#8217;&#8230;\u00ab begann er. \u00bbJetzt brauchen wir nichts mehr zu bereden\u00ab, sagte sie heiser und rieb ihren Hintern an seinem Geschlechtsteil auf und ab. Er kn\u00f6pfte ihr Kleid auf und zog es ihr \u00fcber die schlanken Schultern hinab. Sie senkte die Arme, damit das St\u00fcck leichter rutschen konnte. Im n\u00e4chsten Augenblick waren ihre F\u00fc\u00dfe von einem Meer von orangebraunem Stoff bedeckt. Doug griff von hinten mit seinen H\u00e4nden an ihre Br\u00fcste, streichelte ihre Brustwarzen und dr\u00fcckte sie sanft mit den Fingern, als sie sich aufgerichtet hatten. Sie bebte, drehte sich zu ihm und umarmte ihn. Er k\u00fc\u00dfte ihre Augen, und dann verbrachte seine Zunge lange Minuten in ihrem Mund. Er lie\u00df sich von ihr entkleiden und machte sich endlich daran, sie von den letzten Resten zu befreien. Zwanzig Minuten sp\u00e4ter auf dem Bett sagte er rauh: \u00bbJetzt!\u00ab Er war \u00fcber ihr, und seine Knie hielten ihre gespreizten Schenkel in Position, w\u00e4hrend er selbst sich auf seinen muskul\u00f6sen Armen aufst\u00fctzte. Er sah in ihr ebenm\u00e4\u00dfiges Gesicht und blickte in ihre wundersch\u00f6nen gr\u00fcnen Augen. \u00bbSag es mir jetzt!\u00ab Sie wu\u00dfte genau, was von ihr verlangt wurde, so wie das alle k\u00e4uflichen Frauen, die er aufsuchte, bald herausgefunden hatten. \u00bbDein Vater ist elendig umgekommen!\u00ab sagte sie und hob ihr Hinterteil etwas an, damit er leichter in sie eindringen konnte. \u00bbDeine Mutter ist am Suff gestorben!\u00ab Ihre Stimme war kaum mehr als ein Fl\u00fcstern, klang aber scharf und hart wie eine Klinge. Sie wiederholte diese beiden S\u00e4tze wieder und wieder, dachte sich f\u00fcr seine Eltern die schlimmsten und j\u00e4mmerlichsten Todesarten aus. Sie sagte es so oft, bis die eigentliche Bedeutung der Worte verlorenging und ihre Stimme an sich etwas Hypnotisches gewann. Ein eigenartiger Mann, dachte sie. Er mu\u00df sehr kaputt, sehr krank sein. Tief unten war er vielleicht sogar ein brutales Schwein. Aber er hatte ihr nie weh getan. Deshalb dachte sie, trotz seiner absto\u00dfenden W\u00fcnsche, nie l\u00e4nger dar\u00fcber nach. W\u00e4hrend er wie ein Kolben in sie hineinstie\u00df, malte sie ihm die schrecklichen Enden seiner Eltern aus. Andere M\u00e4nner hatten Schlimmeres von ihr verlangt. So gesehen war das Zusammensein mit Doug noch leicht verdientes Geld. Er schlo\u00df die Augen. Seine St\u00f6\u00dfe wurden schneller und heftiger. Als sich beide wieder angezogen hatten, reichte er ihr einen Umschlag, der zweihundert Dollar in Zwanzigerscheinen enthielt. \u00bbWas diese Geschichte mit den f\u00fcnftausend Dollar angeht\u00ab, erkl\u00e4rte sie, \u00bbso denke ich, da\u00df ich interessiert bin.\u00ab Er setzte sich auf die Bettkante. \u00bbIch wu\u00dfte, da\u00df du ja sagen w\u00fcrdest.\u00ab \u00bbWillst du mir jetzt erkl\u00e4ren, was genau ich zu tun habe?\u00ab Sie stand vor dem Fernseher, schaltete ihn ein und drehte die Lautst\u00e4rke so hoch, da\u00df ihre Stimmen davon \u00fcbert\u00f6nt wurden. Niemand drau\u00dfen oder in den Nebenzimmern konnte sie jetzt mehr belauschen. Pia \u00fcberraschte ihn immer wieder, so auch jetzt, wo sie wie ein Profi wu\u00dfte, was zu tun war. Anscheinend hatte sie nicht nur einmal Auftr\u00e4ge erledigt, die im dunkeln abgewickelt werden mu\u00dften, um das Gesetz zu umgehen, wenn nicht gar zu brechen. \u00bbUnd warum brauche ich ein zweites M\u00e4dchen?\u00ab Er erz\u00e4hlte ihr alles, was sie f\u00fcr diesen Job wissen mu\u00dfte. Und was den Hintergrund dieser Aktion anging, so tischte er ihr ein L\u00fcgengespinst auf. \u00bbWann bekomme ich die Kohle?\u00ab \u00bbDie H\u00e4lfte vorher. Die restlichen zweieinhalbtausend, sobald ich das Paket in H\u00e4nden halte. Du bezahlst die Kollegin von deinem Geld. Gib ihr h\u00f6chstens zweihundert.\u00ab Sie stand wieder vor dem Fernseher, und das flimmernde, st\u00e4ndig wechselnde bunte Licht von der Mattscheibe umspielte eine Partie ihres K\u00f6rpers wie ein Strahlenkranz. Pl\u00f6tzlich klopfte sie nerv\u00f6s mit einem Fu\u00df auf den Boden. \u00bbWas ist in der Kiste?\u00ab \u00bbIch habe dir doch schon gesagt, es ist besser f\u00fcr dich, wenn du das nicht wei\u00dft.\u00ab \u00bbUnd wenn Schnee darin ist?\u00ab \u00bbNein, nichts dergleichen. Kein Heroin und keine anderen Drogen.\u00ab Er verzog das Gesicht. \u00bbPia, ich habe dir doch schon erkl\u00e4rt, da\u00df es etwas mit Industriespionage zu tun hat. Der Mann, der dir das Paket \u00fcberreicht, hat einiges aus der Forschungsabteilung seiner Firma entwendet. Er h\u00e4ndigt mir Unterlagen und Computerb\u00e4nder \u00fcber die neuesten Entwicklungen seines Hauses aus.\u00ab Doug erz\u00e4hlte ihr die ganze erfundene Geschichte noch einmal. \u00bbDa stimmt doch was nicht\u00ab, erkl\u00e4rte sie. Er seufzte und zuckte die Achseln. \u00bbIch glaube nicht, da\u00df du die ganze Wahrheit erfahren m\u00f6chtest.\u00ab Sie stand eine ganze Minute schweigend da, klopfte nur unentwegt mit dem Fu\u00df und starrte an Doug vorbei auf die Wand. \u00bbSch\u00f6n\u00ab, sagte sie schlie\u00dflich, \u00bbselbst wenn Drogen in dem Paket sein sollten und die Bullen mich deswegen festnageln wollten, kann ich immer noch erkl\u00e4ren, da\u00df ich von nichts gewu\u00dft h\u00e4tte. Wird vielleicht nicht ganz angenehm f\u00fcr mich, aber&#8230; Doch, es wird gehen.\u00ab \u00bbKeine Drogen\u00ab, sagte Doug noch einmal. \u00bbF\u00fcnftausend&#8230;\u00ab \u00bbExakt.\u00ab \u00bbOkay\u00ab, erkl\u00e4rte sie mit pl\u00f6tzlicher Entschlossenheit. \u00bbBotenm\u00e4dchen Pia steht zu deiner Verf\u00fcgung.\u00ab \u00bbIch rufe dich in etwa einer Woche an, um dir Zeitpunkt und Ort zu nennen\u00ab, sagte er und half ihr in den Mantel. Als sie die T\u00fcr hinter sich zugezogen hatte und er allein war, begann er laut zu lachen. Alles klappte wie am Schn\u00fcrchen. Er w\u00fcrde seinen Plan durchf\u00fchren. Doug war in Hochstimmung und trank seinen zweiten Scotch, als das Telefon l\u00e4utete. Er warf einen raschen Blick auf die Uhr. Viertel nach eins. Doug griff nach dem H\u00f6rer und setzte sich aufrecht hin. \u00bbJa?\u00ab \u00bbMr. Walters?\u00ab Er erkannte die Stimme sofort. Lee Ackridge! \u00bbJa?\u00ab \u00bbIch habe gr\u00fcndlich \u00fcber diese Computergeschichte nachgedacht, \u00fcber die wir diskutiert haben.\u00ab \u00bbIch auch\u00ab, antwortete Powell. Er wu\u00dfte genau, was jetzt kommen w\u00fcrde. Er stellte das Glas auf dem Nachttisch ab, hob dann die Flasche und schenkte noch einmal ein. Schlie\u00dflich gab es etwas zu feiern. \u00bbTut mir leid, da\u00df ich dich so sp\u00e4t noch st\u00f6re\u00ab, sagte Lee. \u00bbAber ich wu\u00dfte, da\u00df ich kein Auge zukriegen w\u00fcrde, solange ich dir nicht zusagt h\u00e4tte. Ich bin an der Sache interessiert, sehr interessiert sogar. Kannst du morgen vormittag zu mir kommen? Es gibt da noch ein paar Kleinigkeiten, die wir klarstellen sollten.\u00ab \u00bbJa, so gegen zehn?\u00ab \u00bbPa\u00dft mir ausgezeichnet.\u00ab \u00bbDann bis morgen.\u00ab \u00bbDa w\u00e4re noch eine Sache\u00ab, sagte Ackridge. Lee klang so eigenartig, da\u00df das L\u00e4cheln auf Dougs Mund augenblicklich erstarb. \u00bbWas ist denn?\u00ab \u00bbMeine Flamme ist zur\u00fcckgekehrt, als du noch hier warst, und hat alles mitangeh\u00f6rt.\u00ab \u00bbWas f\u00fcr eine Flamme?\u00ab \u00bbNa, die Frau, mit der ich hier zusammenlebe\u00ab, antwortete Lee. \u00bbNun, wie dem auch sei, sie will mitmachen.\u00ab \u00bbAusgeschlossen. Das ist nur etwas f\u00fcr uns beide\u00ab, sagte Powell hart. Er wollte keine Frau dabeihaben. \u00bbEigentlich bin ich ja v\u00f6llig deiner Meinung\u00ab, fuhr Lee fort. Eigenartigerweise schien er jetzt in besserer Stimmung zu sein als am sp\u00e4ten Nachmittag. \u00bbAber wenn ich so etwas auch nur andeute, werde ich gleich als Macho gebrandmarkt. Deshalb&#8230; Nun, es sieht ganz so aus, als m\u00fc\u00dften wir meine Partnerin mitmachen lassen. Und wenn das nicht geht, bin ich leider auch nicht dabei.\u00ab \u00bbDas meinst du doch wohl nicht im Ernst, oder?\u00ab \u00bbIch f\u00fcrchte, doch.\u00ab Powell verzog das Gesicht und sch\u00fcttelte heftig den Kopf, ehe ihm einfiel, da\u00df Ackridge ihn ja nicht sehen konnte. \u00bbHerr des Himmels, ich wei\u00df absolut nichts \u00fcber sie. Hat sie was auf dem Kasten, oder ist sie auf den Kopf gefallen? Kann man ihr vertrauen, oder ist sie ein Klatschweib? Entschuldige bitte, aber du wei\u00dft, was ich meine.\u00ab \u00bbWei\u00dft du noch, wie wir \u00fcber den Mittelsmann gesprochen haben?\u00ab erkl\u00e4rte Lee. \u00bb\u00dcber unseren alten Kameraden Dunio? Du hast gesagt, sobald er mitmacht, k\u00f6nnten wir ihm hundertprozentig vertrauen, denn dann m\u00fcsse er seine Interessen sch\u00fctzen, und damit auch die unseren. Nun, dasselbe d\u00fcrfte f\u00fcr meine Partnerin gelten. Sobald sie einsteigt, kann man, k\u00f6nnen wir auf sie bauen.\u00ab \u00bbVerfluchte Schei\u00dfe\u00ab, murmelte Powell. \u00bbUnd \u00fcber deinen Anteil brauchst du dir keine Gedanken zu machen\u00ab, sagte Lee rasch. \u00bbEs bleibt immer noch bei der alten Abmachung: f\u00fcnfzig Prozent f\u00fcr dich und f\u00fcnfzig Prozent f\u00fcr mich. Ich gebe ihr von meinem Anteil etwas ab.\u00ab \u00bbDas ist nicht das Problem. Vielmehr st\u00f6rt mich der Umstand, da\u00df eine Frau beteiligt sein soll.\u00ab Jetzt war es heraus. Aber Doug konnte nicht aus seiner Haut. Er hatte nie allzuviel von Frauen gehalten, aber seit dem Krieg waren sie f\u00fcr ihn nur noch zweitklassige Wesen. \u00bbWenn es dir nicht pa\u00dft\u00ab, erkl\u00e4rte Lee und nahm allen Mut zusammen, \u00bbdann m\u00fcssen wir das Projekt eben abbrechen. Du kannst danach tun, was dir beliebt. Und keine Bange, von mir erf\u00e4hrt keiner ein Sterbensw\u00f6rtchen.\u00ab Doug z\u00f6gerte. \u00bbOkay, dann eben eine Partie zu dritt.\u00ab \u00bbFein\u00ab, sagte Lee. \u00bbDann bis morgen um zehn.\u00ab \u00bbBis zehn.\u00ab Powell h\u00e4ngte ein. Nach dem Gespr\u00e4ch mit Ackridge war Doug ganz und gar nicht mehr in Hochstimmung. Alles war so gut angelaufen, genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Und jetzt das. Er w\u00fcrde den ganzen Plan \u00e4ndern m\u00fcssen, weil jetzt die verdammte Frau dabeisein wollte. Herrgott noch mal, begriff Lee denn nicht, wie exakt und umsichtig man bei dieser Sache vorgehen mu\u00dfte? War ihm denn nicht klar, da\u00df sie sich keinen Fehler erlauben durften? Schon bei der geringsten Panne w\u00fcrden sie bis an ihr Lebensende ins Loch wandern. Einen Moment lang hatte er ernsthaft den Gedanken erwogen, Lee fallenzulassen. Wenn sein alter Kumpel sich jetzt schon so anstellte, w\u00e4re es vielleicht das beste, sich einen neuen Partner zu suchen. Nein, das war ausgeschlossen. Er w\u00fcrde zuviel Zeit mit der Suche nach einem Ersatzmann verlieren, gar nicht zu reden von der Zeit, die dabei draufging, ihn auf Herz und Nieren zu \u00fcberpr\u00fcfen. Und im Grunde genommen gab es nur Lee, auf den Doug sich verlassen konnte. Verdammt! Verdammt! Verdammt! Eine Frau! Er starrte auf den Fernseher, ohne etwas zu sehen. Er trank in dieser Nacht entschieden zuviel Scotch. Nach einer Weile f\u00fchlte er sich allm\u00e4hlich besser. Ob das nun am reichlichen Alkohol lag oder ob er wieder einen dieser merkw\u00fcrdigen Stimmungsumschw\u00fcnge durchmachte, die ihn seit dem Krieg h\u00e4ufiger plagten, wu\u00dfte er nicht zu entscheiden. Also gut. Nun war eine Frau im Team. Eine solche Entwicklung hatte er vorher nicht bedacht. Aber sei es drum, er war immer noch derjenige, der bei diesem Vorhaben die F\u00e4den zog. Auch eine Frau konnte ihn von dieser Position nicht verdr\u00e4ngen. Au\u00dferdem hatte Lee sich einverstanden erkl\u00e4rt. Und Lee w\u00fcrde sicher auf sie achtgeben. Er w\u00fcrde ihr schon ihre Grenzen aufzeigen, sonst w\u00e4re er doch wohl gar nicht erst auf die Idee gekommen, sie mitmachen zu lassen. Alles w\u00fcrde gut werden. Ein exzellenter Plan. Eine mindestens perfekte Ausf\u00fchrung. Bei diesem Punkt angekommen, erkannte Doug einen weiteren Vorteil. Von nun an brauchte er \u00fcberhaupt kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, da\u00df er Lee angelogen hatte. Ackridge glaubte ja, sie w\u00fcrden niemals die Daten einer fremden Macht aush\u00e4ndigen. Aber Powell hatte bereits Kontakt zu bestimmten Herren aufgenommen. Ob sie nun das geforderte L\u00f6segeld von der US-Regierung erhielten oder nicht, Doug wollte die Geheiminformationen auf jeden Fall einem ausl\u00e4ndischen Agenten verkaufen. Eingedenk all der gemeinsamen Erlebnisse, all der Zeit in den Gr\u00e4ben, im Dschungel und in den St\u00e4dten Vietnams, hatte sich Doug nicht besonders wohl gef\u00fchlt, den alten Freund bel\u00fcgen zu m\u00fcssen. Andererseits war die L\u00fcge unumg\u00e4nglich gewesen. Doug hatte gewu\u00dft, da\u00df Lee bei einem solchen Coup mitmachen w\u00fcrde, durch den er endlich zu Geld kommen k\u00f6nnte. Aber er kannte Ackridge gut genug, um zu wissen, da\u00df er niemals so etwas wie Landesverrat in Erw\u00e4gung ziehen w\u00fcrde. Au\u00dferdem war dabei f\u00fcr Lee nichts zu gewinnen. Nein, f\u00fcr Lee nicht, aber f\u00fcr Doug&#8230; Ja, Powell f\u00fchlte sich jetzt wirklich besser. Warum hatte Lee auch seine Flamme in die Sache hineinziehen m\u00fcssen? Sicher, Doug war nicht ganz fair zu seinem alten Kumpel gewesen. Aber jetzt hatte sich ja gezeigt, da\u00df auch Lee ihm gegen\u00fcber nicht fair sein wollte. Das war doch so, oder etwa nicht? Was mu\u00dfte Ackridge auch einen solchen Mist anrichten! Powell zog sich aus, schaltete den Fernseher ab und legte sich aufs Bett. Der Alkohol umnebelte sein Gehirn. Er nahm nur noch den restlichen Parfumduft von Pia wahr. Der Raum fing an, sich um ihn zu drehen. Dein Vater ist elendig umgekommen. Deine Mutter ist am Suff gestorben. \u00bbLeider nein\u00ab, murmelte er. \u00bbSie sind noch nicht tot. Aber das, was ich vorhabe, wird f\u00fcr sie noch viel schlimmer sein als der Tod.\u00ab Wenn er den Coup durchgezogen hatte, w\u00fcrden sie immer noch am Leben sein; aber sie w\u00fcrden sich w\u00fcnschen, lieber tot zu sein. Sie w\u00fcrden alles verlieren, was sie liebten und was ihnen etwas bedeutete. Die vornehmen Kreise Washingtons w\u00fcrden das Ehepaar Powell schneiden, w\u00fcrden es nicht mehr wahrnehmen. Aller Respekt, alle W\u00fcrde, alle M\u00f6glichkeit, weiteren Reichtum anzuh\u00e4ufen., das alles w\u00fcrden sie verlieren. Ihre Macht und ihr Einflu\u00df w\u00e4ren danach keinen Cent mehr wert. Sobald er die Daten seinem Kontaktmann ausgeh\u00e4ndigt hatte, w\u00fcrden die USA zwar auch alles verlieren, aber f\u00fcr Doug war es viel wichtiger, da\u00df der General und Loretta dann am Boden zerst\u00f6rt w\u00e4ren. Und sie d\u00fcrften sich in dem zweifelhaften Ruhm sonnen, die Eltern des gr\u00f6\u00dften Verbrechers dieses Jahrhunderts zu sein. Doug w\u00fcrde nat\u00fcrlich den Datendiebstahl zugeben und alle Verantwortung f\u00fcr die Zerst\u00f6rung seines Landes auf sich nehmen. Und mit diesem Gest\u00e4ndnis w\u00fcrde er auch das Schicksal des Generals besiegeln. L\u00e4chelnd schlief Doug ein.<\/p>\n<p class=\"calibre3\">6<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Paul Freneau w\u00e4re nie auf den Gedanken gekommen, sich als Kriminellen zu sehen. Nach au\u00dfen hin war er ein gewissenhafter, hart arbeitender und erfolgreicher junger Mann, der sich auf dem Weg nach oben befand. Er war zweiunddrei\u00dfig und arbeitete jetzt im achten Jahr als Dolmetscher bei den Vereinten Nationen. Mit einem franz\u00f6sischen Vater und einer spanischen Mutter &#8211; beide waren Ende der drei\u00dfiger Jahre in die USA eingewandert -war Freneau f\u00fcr eine solche Stellung pr\u00e4destiniert. Sein Gehalt erlaubte ihm ein h\u00fcbsches Apartment in Manhattan. Er fuhr einen teuren Wagen, kleidete sich geschmackvoll und zeigte sich gern mit aparten, luxuri\u00f6sen Sch\u00f6nheiten. Jedes zweite Jahr g\u00f6nnte er sich einen einmonatigen Urlaub in Europa. Ungl\u00fccklicherweise hatte er schon bald feststellen m\u00fcssen, da\u00df sich dieser Lebensstil allein vom Dolmetschergehalt nicht aufrechterhalten lie\u00df. Immerhin lag sein Apartment in einem der teuersten Blocks auf der East Sixtyfourth Street. Immerhin war sein Wagen ein Mark IV. Immerhin trug er nur Couture aus dem Hause Bill Blass. Immerhin kamen seine Freundinnen aus den besten Familien. Wenn er nach Europa flog, dann nat\u00fcrlich nur erster Klasse. Und er hatte noch nie ein Hotel oder ein Restaurant gemieden, weil die Preise sich dort am oberen Ende der Skala bewegten. Doch zu seinem Gl\u00fcck hatte er schon nach einem Jahr Dolmetschert\u00e4tigkeit bei der UNO entdeckt, da\u00df er sein Gehalt durch kleine Dienste f\u00fcr die Delegierten und Botschaftsangeh\u00f6rigen aufbessern konnte. Meistenteils \u00fcberbrachte er delikate Botschaften &#8211; normalerweise zwischen zwei ausl\u00e4ndischen W\u00fcrdentr\u00e4gern, die auf privater Ebene in Kontakt bleiben und sich \u00fcber Themen unterhalten wollten, bei denen sie in der \u00d6ffentlichkeit als unvers\u00f6hnliche Gegenparte auftreten mu\u00dften. Gelegentlich n\u00e4herte sich ihm auch ein US-B\u00fcrger &#8211; Gesch\u00e4ftsleute, Politiker und andere, die ein bestimmtes Interesse verfolgten &#8211; damit er f\u00fcr sie einem UN-Delegierten, den sie nicht pers\u00f6nlich aufsuchen oder anrufen konnten, etwas mitteilte oder \u00fcberbrachte. Personen aller Art wandten sich an Freneau, und f\u00fcr Eingeweihte war Freneau l\u00e4ngst so etwas wie eine unentbehrliche Institution geworden. Freneau war diskret und zuverl\u00e4ssig. Die Dienste, die er auszuf\u00fchren hatte, waren delikat, aber mit wenig Arbeit verbunden. Und er erhielt daf\u00fcr mehr Geld, als er in seinem Beruf je verdienen konnte. In der ersten Zeit, als er Anfragen, Mahnungen, Warnungen, Tips und gelegentlich sogar kodierte Nachrichten \u00fcberbracht hatte, hatte Freneau oft genug um seine Sicherheit f\u00fcr Leib und Leben gef\u00fcrchtet. Er selbst wu\u00dfte, da\u00df er nur als Bote arbeitete, keineswegs aber Nachrichtenhandel oder gar Spionage betrieb. Doch wie w\u00fcrden das andere sehen? Und was w\u00fcrde das FBI von seinen Aktivit\u00e4ten halten? Die meisten Personen, die sich ihm n\u00e4herten, waren Repr\u00e4sentanten von Nationen, die man kaum als Feinde der Vereinigten Staaten ansehen konnte. Engl\u00e4nder, Franzosen, Italiener, Schweden, Japaner, Griechea.. Im Laufe der Zeit liefen erkleckliche Summen bei ihm ein. Diese Arbeit n\u00e4hrte durchaus ihren Mann. Freneau begriff, da\u00df er einer FBI-Untersuchung ruhigen Gewissens zusehen konnte. Niemand konnte ihm Spionage oder Sabotage oder was sonst auch immer vorwerfen. Freneau war nicht mehr und nicht weniger als einer der M\u00e4nner im Hintergrund, die mithalfen, die Scharniere der internationalen Diplomatie zu \u00f6len. Von da an hatte er kein schlechtes Gef\u00fchl mehr bei seiner Nebent\u00e4tigkeit. Er machte sich auch keine Sorgen mehr um sein Leben. Von da an schlief er wieder ruhig und tief. Um sechs Uhr am Morgen des 27. Dezembers weckte ihn das Telefon aus seinem ruhigen und tiefen Schlaf. Er hob ab und meldete sich mit seinem Namen. Die Stimme am anderen Ende klang leise und kalt. \u00bbKennen Sie einen Mr. Tsaitzew?\u00ab \u00bbIlja? Nat\u00fcrlich kenne ich den.\u00ab \u00bbWenn Sie ihn heute sehen, teilen Sie ihm bitte mit, da\u00df Dan Walters sich gemeldet hat.\u00ab Paul schob sich mit einer seiner schmalen H\u00e4nde die Haare von den Augen und unterdr\u00fcckte ein G\u00e4hnen. \u00bbGern. Ist das alles? Soll ich ihm nur mitteilen, da\u00df Sie sich gemeldet haben?\u00ab \u00bbNein, da w\u00e4re noch etwas. Sagen Sie ihm, da\u00df ich mein Team zusammenhabe.\u00ab \u00bbDa\u00df Sie Ihr Team zusammenhaben\u00ab, wiederholte Freneau. Er war nicht im mindesten neugierig oder verwirrt. Schlie\u00dflich war er es gewohnt, Botschaften zu \u00fcbermitteln, die f\u00fcr ihn nicht den geringsten Sinn ergaben, aber denen eine Menge zu sagen hatten, f\u00fcr die sie bestimmt waren. Er wiederholte die Nachricht von Walters nur, um sicherzugehen, da\u00df er auch alles richtig verstanden hatte und Tsaitzew die Botschaft ordnungsgem\u00e4\u00df \u00fcberbringen konnte. \u00bbGanz genau\u00ab, lobte Walters. \u00bbVielen Dank.\u00ab \u00bbVerzeihen Sie bitte\u00ab, sagte Paul rasch, bevor sein Gespr\u00e4chspartner einh\u00e4ngen konnte. \u00bbWas ist denn?\u00ab \u00bbIch m\u00f6chte Ihnen nat\u00fcrlich keinen Vorwurf machen, doch wenn Sie in Zukunft auf meine Dienste zur\u00fcckkommen m\u00f6chten, dann rufen Sie bitte etwas sp\u00e4ter an, ja? Wissen Sie, ich pflege gew\u00f6hnlich nicht vor sieben Uhr drei\u00dfig aufzustehen.\u00ab Ein Klicken ert\u00f6nte. Die Leitung war unterbrochen. Das war Freneaus erster Kontakt mit Walters\/Powell. Es war auch sein einziger Kontakt mit ihm. Schlie\u00dflich war Paul nicht mehr als ein kleiner \u00d6ltropfen im gewaltigen R\u00e4derwerk der Vereinten Nationen. Auch Roy Genelli erwachte um sechs Uhr. Ihn hatte jedoch weder ein Telefonklingeln noch ein Wecker aus dem Schlaf gerissen. Genelli wachte jeden Morgen an jedem Tag der Woche um sechs Uhr auf. Dazu brauchte er weder Wecker noch einen Telefondienst. Eine innere Uhr beendete um diese Zeit seinen Schlaf. W\u00e4hrend seiner ersten f\u00fcnf Jahre im Dienst des B\u00fcros, als Genelli die Routine- und Drecksarbeit eines FBI-Anf\u00e4ngers erledigen mu\u00dfte, hatte es weder Ordnung noch System in seinem Leben gegeben. Er hatte keine festen Arbeitszeiten, sondern mu\u00dfte st\u00e4ndig verf\u00fcgbar sein, um sich jemandem an die Fersen zu heften, einer Spur nachzugehen, rasch zu einem Einsatzort zu gelangen, jemanden zu stellen. Doch meistenteils mu\u00dfte er nur warten, auf den n\u00e4chsten Zug des Verd\u00e4chtigen, auf neue Befehle oder wenn er jemanden, der sich nicht zeigen wollte, observierte. Nicht selten hatte er eine ganze Nacht lang kein Auge zutun k\u00f6nnen. Und auch in Zeiten, wenn es nicht so hektisch zuging, wenn er sich nicht wieder eine ganze Nacht um die Ohren schlagen mu\u00dfte, hatte er nie zu regelm\u00e4\u00dfigen Schlafzeiten finden k\u00f6nnen. Vor f\u00fcnfzehn Jahren dann war er bef\u00f6rdert worden, und im Lauf der weiteren Arbeit war es ihm immer mehr gelungen, Routine in sein Leben zu bringen und einen normalen Arbeitstag einzurichten. Sobald es ihm m\u00f6glich war, machte er es sich zur Gewohnheit, abends um zweiundzwanzig Uhr ins Bett zu gehen. Eine so fr\u00fche Schlafenszeit kam ihm nach den Anf\u00e4ngerjahren wie ein unglaublicher Luxus vor. Diese Einschlafzeit hatte er sich ebenso zur festen Regel gemacht wie das Aufwachen um sechs. Heute war er Special Assistant f\u00fcr den Leiter des Middle-Eastern-District und konnte in dieser Position seinen Tagesablauf weitestgehend selbst bestimmen. Es mu\u00dfte schon sehr dick kommen, da\u00df die ihm liebgewordene Routine durcheinandergeriet. Wie an jedem Tag stieg Genelli sofort aus dem Bett. Er steckte die F\u00fc\u00dfe in die Pantoffeln und zog sich einen verschlissenen Morgenmantel \u00fcber. Er verknotete den Stoffg\u00fcrtel vor dem Bauch. Er hatte w\u00e4hrend der Weihnachtsfeiertage gearbeitet, war f\u00fcr andere M\u00e4nner eingesprungen, die das Fest bei ihrer Familie verbringen wollten. Nun hatte er drei Tage freibekommen. Genelli arbeitete oft an Feiertagen. Zum einen war es an solchen Tagen ruhig und \u00fcbersichtlich. Weniger Personen wurden festgenommen, und neue F\u00e4lle lie\u00dfen stets bis nach den Feiertagen auf sich warten. Zum anderen machten neun oder zehn Arbeitsstunden den ersten Weihnachtsfeiertag weniger einsam. Roy Genelli war jetzt zweiundvierzig. Er war nie eine Ehe eingegangen. Genelli war jedoch weder schwul, noch verachtete er Frauen, und er war nicht so verklemmt, da\u00df er sich in weiblicher Gesellschaft unbehaglich f\u00fchlte. Er war einen Meter f\u00fcnfundsiebzig gro\u00df und mit seinen neunzig Kilogramm etwas \u00fcbergewichtig, aber keineswegs fett. Normalerweise trug er einen braunen Stra\u00dfenanzug, dessen Farbe mit der seiner Haare und Augen harmonierte. Auf den ersten Blick fand sich an ihm nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Doch auf den zweiten Blick entdeckte man an ihm eine gewisse Attraktivit\u00e4t. Er hatte h\u00e4ufiger Verabredungen mit Frauen, und gelegentlich ging er auch mit einer ins Bett. Doch bislang war keine darunter gewesen, die er ein zweites Mal sehen wollte. Obwohl er sich zu bestimmten Zeiten einsam f\u00fchlte, hatte er grunds\u00e4tzlich nichts gegen sein Junggesellendasein einzuwenden. Er kam mit seinem Leben zurecht, und mehr verlangte er gar nicht. Er nahm die Brille vom Nachttisch, setzte sie auf und blinzelte, um den letzten Schlaf aus seinen Augen zu zwingen. In diesem Moment rappelte der Wecker. Obwohl er sich darauf verlassen konnte, da\u00df die innere Uhr ihn weckte &#8211; in den letzten zehn Jahren hatte er nicht ein einziges Mal verschlafen -, pflegte Genelli jeden Abend den Wecker aufzuziehen. Es handelte sich dabei nicht um eine dumme Angewohnheit, sondern dies war Ausdruck seiner Gr\u00fcndlichkeit. Genelli war ein au\u00dferordentlich gr\u00fcndlicher Mensch. Fast nie verga\u00df oder \u00fcbersah er etwas. Er ging hinunter in die K\u00fcche und briet sich Eier und Speck. Er nahm das Fr\u00fchst\u00fcck im E\u00dfzimmer am Tisch vor dem gro\u00dfen Fenster zu sich. Sein kleines Haus befand sich in einem ruhigen Block der G-Street, wurde von \u00e4hnlichen H\u00e4usern flankiert und lie\u00df sich von zwei alten Ulmen, die nun schon seit Jahrzehnten den Abgasen trotzten, vor einem Einblick von der Stra\u00dfe sch\u00fctzen Sein Haus war beileibe kein Palast, aber er f\u00fchlte sich hier wohl. In den letzten Jahren hatte er sein Zuhause immer mehr als Zufluchtsort angesehen. W\u00e4hrend er a\u00df, betrachtete er die Ulmen und dachte daran, wie er an der Arbeit im B\u00fcro die Lust verloren hatte. Vor zwanzig Jahren hatte er seine T\u00e4tigkeit als FBI-Beamter als etwas Aufregendes, Spannendes angesehen. Und er hatte das Gef\u00fchl gehabt, etwas Wichtiges zu tun. Doch in der letzten Zeit&#8230; Man erstickte in Routinearbeit, um eine wasserdichte Anklage gegen einen Dealer zusammenzuzimmern, der Heroin von Montreal aus ins Land schmuggelte. Hatte man endlich alles zusammen, schnappte man den Burschen und lie\u00df ihn f\u00fcr zwanzig Jahre einsperren. Und dann? Keine Woche nach seiner Verhaftung trat ein anderer an seine Stelle und \u00fcbernahm die Montreal &#8211; Connection. Solange die Fixer kein sauberes Heroin oder Methadon von der Regierung erhielten, besorgten sie sich ihren Stoff eben in der Unterwelt. Genelli kam es so vor, als w\u00fcrde er mit jedem Schritt, den er hier vorankam, dort einen zur\u00fcckfallen. Und wenn es kein Gro\u00dfdealer war, den man festnageln wollte, dann einer, der Pornofilme auf den Markt brachte. Oder es galt, die Aktivit\u00e4ten irgendwelcher selbsternannter Stadt-Guerillas zu \u00fcberwachen, oder die einer anderen suspekten politischen Gruppe oder Sekte. Die Arbeit bedr\u00fcckte Genelli immer mehr. Niemand k\u00fcmmerte sich darum, etwas gegen die wirklichen Verbrechen zu tun. Wie heuchlerisch war es doch, sich um ein paar Dealer, Fixer und politisch Verwirrte zu k\u00fcmmern, als w\u00fcrde man damit der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen&#8230; Als er sein Fr\u00fchst\u00fcck beendet hatte, trug er das benutzte Geschirr in die K\u00fcche und sp\u00fclte es. Wenn ein Mann schon keine Familie hat, sagte sich Genelli, dann sollte er sich wenigstens seiner Karriere widmen. Aber nach zwanzig Jahren Dienst kam er zwangsl\u00e4ufig zu dem Schlu\u00df, da\u00df er es nicht sehr weit gebracht hatte. Durfte er sich eingestehen, da\u00df er sein Leben verschwendet hatte? Aber mit zweiundvierzig Jahren, in denen man nichts anderes getan hatte, als Bulle zu spielen, stand einem nicht sehr viel f\u00fcr einen Neuanfang in einer anderen Branche offen. W\u00e4hrend er das Besteck abtrocknete, fragte er sich, wie lange es her war, da\u00df er zum letzten Mal an einem wirklich lohnenden Fall gearbeitet hatte. F\u00fcnf Jahre? Guter Gott, nein, es war viel l\u00e4nger her. Acht Jahre? Neun? Zehn? Nein, noch weiter zur\u00fcck. Elf? Zw\u00f6lf? Erschrocken stellte er fest, da\u00df vierzehn Jahre seit der Mordserie von Zilinski und ROSS vergangen waren&#8230; Zw\u00f6lf Morde und achtzehn Raub\u00fcberf\u00e4lle gingen auf ihr Konto. Die Jagd hatte Genelli durch sechsundzwanzig Bundesstaaten gef\u00fchrt. Die Nachforschungen und die Verfolgung hatten seine ganze Begabung und all seinen Grips erfordert. Es konnte kein Zweifel bestehen, das war sein letzter herausfordernder Fall gewesen. Vierzehn Jahre! Bei allem, was recht war, er w\u00fcnschte sich kein neues Blutvergie\u00dfen a la Zilinski und ROSS, bei dem unschuldige Menschen auf furchtbare Weise ihr Leben verloren hatten. Aber irgend etwas Interessantes mu\u00dfte doch noch kommen.. Wenn er noch lange seine Beamten den Pornographen hinterherjagen mu\u00dfte, w\u00fcrde sein Gehirn an Langeweile eingehen, w\u00fcrde er sich lieber eine Kugel durch den Kopf jagen. Nein, so wollte er sich nicht unterkriegen lassen. Lieber wollte er in den vorgezogenen Ruhestand eintreten. Er k\u00f6nnte heute noch die K\u00fcndigung einreichen. Zwanzig aufregende Jahre standen ihm dann mindestens bevor. Er k\u00f6nnte es auch noch so lange aushallen, bis er f\u00fcnfundzwanzig Dienstjahre zusammen hatte. Dann winkte ihm eine fettere Pension. Es war die bittere Wahrheit, der man sich am besten nie stellte, aber Roy Genelli konnte an diesem Morgen nicht anders, als sich einzugestehen, da\u00df er nie wieder die Gelegenheit erhalten w\u00fcrde, an einem spannenden und interessanten Fall zu arbeiten. Er go\u00df sich eine zweite Tasse Kaffee ein und machte sich nun erheblich gr\u00fcndlichere Gedanken \u00fcber die M\u00f6glichkeiten, die einem zweiundvierzigj\u00e4hrigen Ex-Polizisten offenstehen k\u00f6nnten. Silvester DER DIEBSTAHL<\/p>\n<p class=\"calibre3\">7<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Am Nachmittag des 31. Dezember bestiegen Lee und Carrie einen Zug nach Philadelphia, wo sie Doug Powell am Bahnhofsausgang zur Thirtieth Street treffen sollten. Sie trafen ihn. Powell nahm ihnen den einzigen Koffer ab und f\u00fchrte sie durch die Schwingt\u00fcren hinaus. \u00bbIch habe einen Wagen gemietet\u00ab, erkl\u00e4rte er. Es war drau\u00dfen zu kalt, um stehenzubleiben und miteinander zu reden. Kein W\u00f6lkchen zeigte sich am Himmel, aber ein eisiger Wind raste durch die Stra\u00dfen. Carrie dr\u00e4ngte sich an Lee, und so folgten sie Doug zu seinem ein Jahr alten Chevrolet Impala. Powell stellte das Gep\u00e4ck in den Kofferraum. Alle drei nahmen vorn Platz. Carrie sa\u00df zwischen den M\u00e4nnern. Doug steuerte den Wagen. Lee warf nach beiden Seiten Blicke auf die hohen grauen Geb\u00e4ude, die an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern aufragten, und sagte: \u00bbHier sieht es ja genauso aus wie bei uns in New York. Eigenartig, Philadelphia kam mir immer als der furchtbarste Ort im ganzen Land vor.\u00ab \u00bbIn sp\u00e4testens einer Woche, wenn unsere Finger vom Geldz\u00e4hlen weh tun\u00ab, antwortete Powell, \u00bbwirst du in deinem Herzen ein warmes Fleckchen f\u00fcr Philadelphia einrichten.\u00ab Lee lie\u00df den Blick noch einmal \u00fcber die H\u00e4user streifen. \u00bbKann ich mir nicht vorstellen. Wo fahren wir denn jetzt hin?\u00ab \u00bbIns Hotel.\u00ab Doug beschleunigte, um noch bei Gelb durchzukommen und trat kurz darauf auf die Bremse, weil der Verkehr stockte. Neben dem gro\u00dfen Powell und fest eingepackt in ihren Fellmantel wirkte Carrie noch kleiner und zerbrechlicher als sonst. Sie schob den Kopf hin und her, bis sie das Kinn aus dem Schal befreit hatte, und sagte dann: \u00bbMir ist gerade etwas eingefallen, worauf ich schon viel fr\u00fcher h\u00e4tte kommen sollen.\u00ab Powell sah sie von der Seite an. Er hatte sich noch immer nicht mit dem Gedanken angefreundet, da\u00df eine Frau an seiner Unternehmung mitwirken sollte. \u00bbWas ist dir denn eingefallen?\u00ab wollte Lee wissen. Sie blinzelte, als unvermittelt helles Sonnenlicht durch die Wind- Schutzscheibe eindrang. \u00bbWas ist, wenn jemandem der Wagen auff\u00e4llt? Sch\u00f6n, warum sollte er jemandem auffallen? Aber nur einmal angenommen, jemand in der Universit\u00e4t wird auf den Wagen aufmerksam. Wenn die Polizei mit ihren Nachforschungen beginnt, wird der Betreffende sich doch sofort an die Beamten wenden.\u00ab \u00bbKein Problem\u00ab, brummte Doug. \u00bbIch habe bei Hertz einen falschen Namen und eine falsche Adresse angegeben. Ein gewisser Daniel Walters hat den Wagen gemietet.\u00ab \u00bbIch dachte immer, so etwas sei kaum m\u00f6glich?\u00ab wunderte sich Lee. Doug l\u00e4chelte in sich hinein. \u00bbIch habe einen ganzen Satz Papiere auf den Namen Walters.\u00ab Der Wagen brach nach rechts aus und \u00fcberholte rasch einen Omnibus. \u00bbAlles dabei: Versicherungsnummer, F\u00fchrerschein, ordentlich ausgestellt vom Staat Virginia, Geburtsurkunde und sogar einen Pa\u00df.\u00ab Carrie sah Lee fragend an. \u00bbWo hast du denn so etwas bekommen?\u00ab wollte Lee wissen. \u00bbBei Dunio.\u00ab \u00bbDu scheinst ja mehr Kontakt zu ihm zu haben, als ich nach unserem ersten Gespr\u00e4ch dachte.\u00ab \u00bbNachdem man dich wegen deiner Verwundung nach Hause verschifft hatte, war ich noch ein paar Monate in Nam. Und im Sch\u00fctzengraben lernt man einen Kameraden durch und durch kennen. Davon abgesehen kann man sich, ob nun im Krieg oder im Frieden, mit einem Mann wie Dunio schnell gut verstehen.\u00ab Lee sch\u00fcttelte verbl\u00fcfft den Kopf. \u00bbUnd zus\u00e4tzlich zu seinen anderen Aktivit\u00e4ten ist Dunio auch noch Dokumentenf\u00e4lscher?\u00ab \u00bbNein, nat\u00fcrlich nicht. Aber er kennt jemanden, der so etwas ausgezeichnet besorgt. Gro\u00dfer Gott, er kennt Dutzende solcher Kr\u00e4fte, vermutlich in jeder Stadt einen, in der er h\u00e4ufiger zu tun hat&#8230; New York, San Francisco, Tokio, Singapur, Hongkong, Paris, London&#8230;\u00ab Er bremste, weil die Ampel auf Rot umgesprungen war. Er sah Lee an. \u00bbIch habe f\u00fcr Dunio ein paar Jobs in Asien erledigt, nachdem du nach Hause geschickt worden warst und unsere Kompanie nach Saigon zur\u00fcckverlegt worden war. Dort haben wir uns \u00fcbrigens auch kennen- und sch\u00e4tzengelernt. Bevor es f\u00fcr mich in die Heimat zur\u00fcckging, habe ich ihn gebeten, mir ein paar falsche Papiere zu besorgen.\u00ab \u00bbUnd das hat er dann auch getan?\u00ab \u00bbWorauf du dich verlassen kannst\u00ab, grinste Powell. \u00bbAber warum wolltest du sie damals haben?\u00ab Der Mann am Steuer zuckte die Achseln. \u00bbIch dachte mir damals, so was kannst du immer mal gebrauchen. Ich habe mich seitdem darum gek\u00fcmmert und lasse die Papiere immer fristgerecht verl\u00e4ngern.\u00ab \u00bbAber vor drei Jahren hatten Sie doch wohl noch nicht vor, einen solchen Coup zu starten?\u00ab fragte Carrie. \u00bbWer wei\u00df, vielleicht war die Idee gerade im hintersten Winkel meines Kopfes geboren worden\u00ab, l\u00e4chelte Powell. Die Ampel zeigte Gr\u00fcn. Der Impala brauste los. Am 27. und auch am 28. Dezember hatte Doug im Sheraton-Hotel in der Innenstadt von Philadelphia angerufen und jeweils ein Zimmer bestellt. Beim ersten Anruf hatte er ein Doppelzimmer f\u00fcr eine Nacht auf den Namen Mr. und Mrs. Daniel Walters gebucht. Am 28. hatte er ein Einzelzimmer f\u00fcr sich gebucht und dabei seinen richtigen Namen angegeben. Jetzt, um sechzehn Uhr am letzten Tag des Jahres, betraten Lee und Carrie das Sheraton Und trugen sich mit Powells falschen Papieren ein. Sie erhielten ein komfortables und gepflegtes Doppelzimmer im zehnten Stock. Powell selbst wollte f\u00fcnfzehn Minuten sp\u00e4ter ins Hotel kommen. Er hatte den beiden erkl\u00e4rt, er w\u00fcrde sich unter einem neuen Falschnamen eintragen, aber damit hatte er wieder gelogen. Lee und Carrie w\u00e4re es nie in den Sinn gekommen, da\u00df ihr Komplize durchaus beabsichtigte, eine Spur zu hinterlassen. Als der Page gegangen war, trat Carrie ans einzige Fenster des Zimmers, zog die Vorh\u00e4nge zur\u00fcck und blickte hinaus auf die Stadt. Lee betrachtete sie. Sie trug einen langen schwarzen Rock und dar\u00fcber einen blauen Sweater, der hervorragend zu ihren Augen pa\u00dfte. Sie sah einfach wunderbar aus. Z\u00fcrn ersten Mal seit Wochen versp\u00fcrte Lee ein Ziehen im Unterleib. Wenn ihnen noch genug Zeit blieb, k\u00f6nnte er es diesmal schaffen, dessen war er sich ziemlich sicher. Aber Doug w\u00fcrde sich jeden Augenblick melden. Und dann w\u00fcrden sie drei sich hier zusammensetzen und den Plan ein letztes Mal durchgehen. Ohne sich umzudrehen, fragte Carrie leise: \u00bbHast du nicht auch den Eindruck, da\u00df mit dem Burschen etwas nicht stimmt?\u00ab \u00bbMit Doug?\u00ab \u00bbJa.\u00ab \u00bbWie meinst du das?\u00ab \u00bbIch kann es nicht erkl\u00e4ren&#8230;\u00ab Er erhob sich aus dem Sessel neben dem Telefon und stellte sich neben sie ans Fenster. \u00bbEr ist sicher nerv\u00f6s, genau wie wir.\u00ab \u00bbNein, das ist nicht nur Nervosit\u00e4t\u00ab, beharrte sie. \u00bbSeit unserem letzten Treffen kommt er mir nicht ver\u00e4ndert vor.\u00ab \u00bbMag sein. Aber er kam mir schon eigenartig vor, als ich euch beide in unserer Wohnung belauscht habe. Ist dir aufgefallen, da\u00df er weder dir noch mir in die Augen sehen kann? Und dann diese Stimmungsschwankungen. Alle paar Minuten f\u00e4llt er von ganz oben nach ganz unten und wieder zur\u00fcck. Du mu\u00dft nur sein Gesicht beobachten. In einem Moment grinst er wie ein Honigkuchenpferd, und im n\u00e4chsten glaubt man, er w\u00fcrde in Tr\u00e4nen ausbrechen. Er ist so&#8230; so&#8230;\u00ab \u00bbDenk doch daran, unter welchem Druck wir stehen. Er vermutlich noch viel st\u00e4rker als wir.\u00ab \u00bbDas hat sicher eine Menge damit zu tun\u00ab, sagte sie. \u00bbIch m\u00f6chte dich aber trotzdem bitten, ein Auge auf ihn zu haben.\u00ab Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. \u00bbDu m\u00f6chtest am liebsten aussteigen, nicht wahr?\u00ab \u00bbNein, nicht, wenn du dabeibleibst.\u00ab \u00bbWir k\u00f6nnen beide immer noch gehen.\u00ab \u00bbNein\u00ab, sagte sie fest. \u00bbAber es w\u00fcrde trotzdem nichts schaden, wenn du anf\u00e4ngst, ihn zu beobachten.\u00ab<\/p>\n<p class=\"calibre3\">8<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Carrie sa\u00df wieder in der Mitte im Chevrolet und versuchte nicht an all das zu denken, was jetzt schiefgehen konnte. Sie starrte auf die dunkle Stra\u00dfe voraus, auf die wechselnden Ampellichter und auf die R\u00fcckstrahler der Autos vor ihnen. Und sie lauschte mit einem Ohr dem Gerede Powells, der, seitdem sie das Hotel verlassen harter, \u00fcber alles sprach, was ihm wohl gerade durch den Sinn ging. Jetzt fing er an, vom Zielort dieses Abends zu quasseln. Die Langhorn-Universit\u00e4t war 1848 auf einem vom Staat geschenkten Areal von 500 Hektar gegr\u00fcndet worden. Sie ragte als Oase der Sch\u00f6nheit und des Friedens aus der \u00d6dnis des Vororts hervor. Der Campus lag zehn Meilen n\u00f6rdlich von Philadelphia und war mit kleinen W\u00e4ldchen von Ulmen, Eichen, Ahornb\u00e4umen, Birken und Weiden best\u00fcckt. Sechsundzwanzig Wohnheime boten mehr als genug Platz f\u00fcr die neuntausend eingeschriebenen Studenten. W\u00e4hrend der Impala nach Norden rollte und die Stadtgrenze hinter sich lie\u00df, rasselte Doug endlos Fakten, Daten und Anekdoten \u00fcber die Geschichte der Universit\u00e4t herunter. Er redete so schnell, da\u00df seine Worte ineinander \u00fcbergingen und man M\u00fche hatte, seinen Ausf\u00fchrungen zu folgen. Carrie h\u00f6rte ihm nur halb zu, warf aber immer mal wieder einen Blick auf seine Miene, weil sie dort eine Erkl\u00e4rung zu finden hoffte. Soweit sie \u00fcberhaupt etwas von seinem Gerede mitbekommen hatte, glaubte sie nicht, da\u00df irgend etwas davon f\u00fcr ihr Vorhaben, die geheimsten Pentagon-Daten zu stehlen, von Bedeutung war. Anscheinend wollte Doug nur die Zeit totschlagen. Vielleicht mu\u00dfte er selbst Dampf ablassen. Oder er wollte sie und Lee ablenken, damit sie nicht beim letzten Nachdenken ins Gr\u00fcbeln gerieten und kalte F\u00fc\u00dfe bekamen. Je l\u00e4nger Carrie mit Powell zusammen war, desto besser durchschaute sie ihn. Dennoch war sie nicht weiter als bis unter die Oberfl\u00e4che gelangt. Zu seinem wirklichen Geheimnis, zu dem mysteri\u00f6sen Drang in ihm, der sie so oft fr\u00f6steln lie\u00df, war sie noch nicht vorgesto\u00dfen. Seit 1964, fuhr Powell fort, sei Langhorn eines der f\u00fchrenden Zentren der Welt f\u00fcr Computerforschung, Entwicklung und Theorie. Durch eine weitere Schenkung der Regierung war am nordwestlichen Rand des Campus das Recard-Institut f\u00fcr Computerwissenschaften entstanden. Ein bedeutender Anteil der Gelder f\u00fcr Errichtung, Einrichtung und Verwaltung des Instituts war vom Verteidigungsministerium gekommen. Computer waren vielleicht nicht die Feldherren der Zukunft, aber zumindest die wichtigsten Berater aller Strategen. Das Verteidigungsministerium legte nat\u00fcrlich Wert darauf, da\u00df die amerikanischen Computer in ihrer Bandbreite denen in China und der Sowjetunion immer um mindestens eine Nasenl\u00e4nge voraus waren. So lieferte das Pentagon auch reichlich Mittel und konnte dabei einen weiteren Vorteil genie\u00dfen: Wenn in eine Forschungsanstalt die Gelder str\u00f6men, kommen die besten Akademiker des Landes von ganz alleine. In den vergangenen zwanzig Jahren, auch schon vor der Gr\u00fcndung des Recard-Instituts, hatten sich \u00fcber hundert Wissenschaftler in Langhorn mit Pentagon-Programmen zu Waffenforschung und entwicklung besch\u00e4ftigt. Vielleicht w\u00fcrden Psychologen darin eine Trotzhaltung gegen die immer weiter anwachsende antimilitaristische Stimmung in der Bev\u00f6lkerung sehen. Carrie bemerkte, da\u00df Dougs Mundwinkel herabhingen und er eine grimmige Miene machte. Er starrte mit gl\u00e4nzenden Augen geradeaus, so als s\u00e4he er etwas wirklich Aufregendes auf dem Highway. Zum vierten Mal erz\u00e4hlte Powell jetzt, da\u00df er sich kurz nach seiner R\u00fcckkehr aus Vietnam in Langhorn eingeschrieben hatte, um hier Computerwissenschaften zu studieren. Und f\u00fcr den Coup heute Nacht hatte er sich den hiesigen Terminal, der eine Au\u00dfenstelle des Pentagon-Computers war, ausgesucht, weil er diese Anlage noch gut in Erinnerung hatte. Nat\u00fcrlich bestand hier ein geringes Risiko, auch noch nach zwei Jahren von jemandem gesehen und wiedererkannt zu werden. Doch dieser Nachteil wurde leicht von seiner Vertrautheit mit der Umgebung aufgewogen. W\u00e4hrend Powell weiterquasselte, warf Carrie einen Blick auf ihren Freund, erhaschte seine Aufmerksamkeit und zeigte ihm mit ihrer Miene, wie sehr ihr Powells endloses Gerede auf den Geist ging. Lee l\u00e4chelte verst\u00e4ndnisvoll. Er beugte sich zu ihr und k\u00fc\u00dfte sie sanft auf die Wange. Carrie wu\u00dfte, da\u00df er sich um Doug keine Sorgen machte und die innere Anspannung f\u00fcr das Verhalten seines alten Kriegskameraden verantwortlich machte. Aber Carrie wu\u00dfte auch, da\u00df mehr als nur das dahintersteckte. Was ging nur in diesem eigenartigen Mann vor? Ein privates Problem? Etwas, wor\u00fcber er wohl nie sprechen w\u00fcrde? Oder besch\u00e4ftigte er sich insgeheim mit etwas, was weitreichende Konsequenzen haben k\u00f6nnte, wom\u00f6glich sich sogar auf Lee und sie auswirkte? Sie am Ende in den Untergang f\u00fchren k\u00f6nnte? Um Punkt zweiundzwanzig Uhr drei\u00dfig bog der Impala in die Ox Lane ein, eine vornehme Wohnstra\u00dfe, die am nordwestlichen Campusrand entlangf\u00fchrte und nat\u00fcrlich auch am Recard-Institut vorbeilief. Die Universit\u00e4t zu ihrer Linken erhob sich auf sanften H\u00fcgeln, sie lag hinter B\u00e4umen und unter dem Schatten der Nacht verborgen. Zur Rechten dr\u00e4ngten sich alte Villen zur Phalanx. Ja, genauso hatte Doug es beschrieben. Und so weit war alles nach Plan verlaufen. Doch zu ihrer gro\u00dfen \u00dcberraschung waren alle freien Pl\u00e4tze links und rechts der Ox Lane mit parkenden Autos zugestellt. Weit mehr Wagen, als hier Menschen wohnen konnten. \u00bbWas ist denn hier los?\u00ab wollte Lee wissen. Carrie entdeckte die Ursache sofort. Mit beunruhigter Miene deutete sie auf ein Geb\u00e4ude am Ende des ersten Blocks, eine mehrgeschossige Villa inmitten eines umz\u00e4unten, park\u00e4hnlichen Gartens. Aus allen Fenstern des Hauses drang Licht, und die portal\u00e4hnliche T\u00fcr stand trotz der eisigen Nacht weit offen. F\u00e4cherartig verbreitete sich bernsteinfarbenes Licht von der T\u00fcr\u00f6ffnung und beschien matt die schneebedeckte Zufahrt. \u00bbEine Silvesterparty!\u00ab entfuhr es Lee. Er wandte sich \u00e4ngstlich an Doug, der im Schrittempo \u00fcber die Ox Lane rollte. \u00bbM\u00fcssen wir jetzt den ganzen Plan umwerfen?\u00ab \u00bbNun&#8230; eigentlich h\u00e4tte ich damit rechnen sollen.\u00ab Er brachte den Wagen mitten auf der Stra\u00dfe zum Stehen. \u00bbDie meisten von diesen altehrw\u00fcrdigen Villen werden von Langhorn-Leuten bewohnt, von Professoren, Dekanen und hohen Tieren in der Verwaltung. Nat\u00fcrlich ist immer einer von denen an der Reihe, Silvester eine gro\u00dfe Party zu geben.\u00ab Er beobachtete ein junges Paar, das umst\u00e4ndlich aus einem geparkten Wagen stieg, um die Abendgarderobe nicht zu zerknittern, und sich dann Hand in Hand auf den Weg zum hellerleuchteten Haus an der Ecke machte. \u00bbIch glaube nicht, da\u00df daraus ein Problem f\u00fcr uns erw\u00e4chst\u00ab, schlo\u00df Powell. Vermutlich bestand wirklich kein Grund zur Panik, sagte sich Carrie. Aber sie glaubte auch zu wissen, da\u00df Powell jetzt, da sie so weit gekommen waren, seinen Plan nicht mehr aufgeben w\u00fcrde, komme, was wolle, er w\u00fcrde nicht davon ablassen. Selbst wenn das Institut von einem Polizeikordon umgeben gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte Doug noch einen Weg gesucht, um an den Computer zu gelangen. \u00bbVielleicht ist das sogar ganz gut f\u00fcr uns\u00ab, bemerkte Lee. \u00bbDie Party gibt uns Schutz. Niemand wird ans Fenster rennen, um nachzusehen, was wir hier drau\u00dfen treiben. Man wird uns f\u00fcr Partyg\u00e4ste halten, die sich irgendeinen Silvesterschabernack erlaubt haben oder feuchtfr\u00f6hlich den Heimweg antreten.\u00ab \u00bbWo ist das Institut?\u00ab fragte Carrie. Powell zeigte auf ein viergeschossiges Geb\u00e4ude mit gro\u00dfen, rechteckigen Fenstern. \u00bbDa dr\u00fcben.\u00ab Das Recard stand drei\u00dfig Meter von der Stra\u00dfe versetzt und erhob sich direkt gegen\u00fcber der Villa, in der man ins neue Jahr hineinfeiern wollte. \u00bbDas gef\u00e4llt mir nicht\u00ab, sagte Carrie. \u00bbEs mu\u00df Ihnen ja auch nicht gefallen\u00ab, antwortete Powell barsch. \u00bbAlles, was Sie zu tun haben, ist, hier im Wagen zu warten und uns ungest\u00f6rt unsere Arbeit machen zu lassen.\u00ab Sie setzte zu einer geharnischten Entgegnung an, als Lee ihre Hand nahm und fest dr\u00fcckte. \u00bbWird schon schiefgehen\u00ab, fuhr Doug fort. \u00bbWir beide haben schon Schlimmeres \u00fcberstanden, nicht wahr? Gott sei mein Zeuge, wir haben es gelernt, auf uns aufzupassen.\u00ab Dann schien er zu bedauern, da\u00df er die Frau angefahren hatte, und er f\u00fcgte hinzu: \u00bbSehen Sie doch, die Leute sind alle betrunken. Und das ist ja auch ihr gutes Recht. Warum sonst geht man auf eine Silvesterparty, wenn nicht, um sich vollaufen zu lassen? An einem solchen Abend trinkt doch jeder ein oder zwei Gl\u00e4ser zuviel. Selbst wenn uns jemand von diesen Herrschaften sehen sollte, w\u00fcrde er sich morgen nicht mehr an uns erinnern. Au\u00dferdem ist es kalt, und die Leutchen werden sich tunlichst im Haus aufhalten. Und was tun sie dort? Sie feiern. Aber kaum einer wird auf die Idee kommen, stundenlang aus dem Fenster zu starren, um herauszufinden, ob in dieser Nacht jemand ins Recard einsteigen will. M\u00e4nnlein und Weiblein sind dort. Und was tun M\u00e4nnlein und Weiblein, wenn sie zusammen sind? Sie br\u00fcsten sich voreinander, scharwenzeln umeinander herum, flirten, was das Zeug h\u00e4lt, und versuchen, einander zu verf\u00fchren..\u00ab Carrie seufzte. \u00bbWir wollen endlich beginnen. La\u00dft uns die Sache hinter uns bringen, damit wir endlich von hier fort k\u00f6nnen.\u00ab \u00bbDaf\u00fcr w\u00e4re ich auch\u00ab, stimmte Lee zu. Doug entdeckte kurz darauf f\u00fcnfzig Meter von der Villa entfernt auf der rechten Stra\u00dfenseite eine Parkl\u00fccke zwischen einem Volkswagen und einem Thunderbird. Er setzte den Chevrolet r\u00fcckw\u00e4rts hinein, stellte die R\u00e4der gerade, schaltete die Scheinwerfer aus und lie\u00df den Motor an. Ein geisterhafter Schein von den weit auseinander stehenden Stra\u00dfenlaternen durchdrang das Fahrzeuginnere. Das Licht war zu matt, um ihre Gesichter hervortreten zu lassen. Passanten h\u00e4tten schon an die Fensterscheibe herantreten m\u00fcssen, um einen der Insassen zu erkennen. \u00bbHast du das Werkzeug?\u00ab fragte Powell leise. Lee hob eine schwarze Tasche hoch, die er zwischen den F\u00fc\u00dfen auf dem Boden abgestellt hatte. Er stellte sie auf seinen Scho\u00df und lie\u00df den Schnappverschlu\u00df aufspringen. Er holte zwei Revolver heraus, zwei Colt Diamondbacks, Kaliber 38. Den einen reichte er Doug, den anderen schob er sich in die Manteltasche. Carrie hatte die Waffen schon fr\u00fcher gesehen, als Powell in ihr Hotelzimmer gekommen war. Doch jetzt in der Nacht und im fahlen Laternenlicht, das nur schwach von den schwarzen L\u00e4ufen reflektiert wurde, kamen sie ihr wie Todesbringer aus der H\u00f6lle vor. Sie fragte sich, ob es nicht ein gro\u00dfer Fehler von ihr gewesen war, Lee in seiner Absicht zu best\u00e4rken, bei Dougs Unternehmen mitzumachen. Sie hatte ihm tats\u00e4chlich gesagt, es sei das beste f\u00fcr ihn. Powell bemerkte trotz der Dunkelheit ihre Furcht. \u00bbMachen Sie sich keine Sorgen\u00ab, erkl\u00e4rte er mit unerwarteter Freundlichkeit. \u00bbWir werden sicher nicht in die Situation kommen, sie einsetzen zu m\u00fcssen.\u00ab \u00bbWarum lassen Sie die Dinger dann nicht zur\u00fcck?\u00ab fragte sie sch\u00e4rfer als beabsichtigt. \u00bbWeil jeder Wachmann uns auslachen w\u00fcrde, wenn wir ihn mit blo\u00dfen H\u00e4nden bedrohten\u00ab, antwortete Powell. \u00bbErst der Anblick von Revolverl\u00e4ufen wird ihn dazu bringen, nichts Dummes zu versuchen.\u00ab Lee bef\u00f6rderte eine Schachtel mit Patronen aus der Tasche. Er und Doug luden die Waffen. \u00bbEs ist Zeit\u00ab, sagte Powell. Er schob seinen Revolver ebenfalls in die Manteltasche, stieg aus und warf die T\u00fcr hinter sich zu. Lee z\u00f6gerte noch einen Moment. Dann beugte er sich zu Carrie. \u00bbIch kann mir vorstellen, was du jetzt denkst. Du fragst dich, in was wir da blo\u00df hineingeraten sind.\u00ab Sie bi\u00df sich auf die Lippe und nickte dann. \u00bbBeunruhige dich bitte nicht. Du hattest schon ganz recht mit der Bemerkung, da\u00df wir eine solche Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen d\u00fcrfen.\u00ab Sie k\u00fc\u00dfte ihn auf den Mund. \u00bbIch w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte mit dir dort hineingehen.\u00ab \u00bbDoug und ich k\u00f6nnen allein rascher, leiser und effektiver vorgehen\u00ab, entgegnete er leise. \u00bbWir tun im Grunde nichts anderes, als unsere milit\u00e4rische Ausbildung im Zivilleben einzusetzen. Keine Bange, Schatz, du kommst noch fr\u00fch genug zum Zuge.\u00ab \u00bbDann mach, da\u00df du fortkommst\u00ab, brummte sie. \u00bbDu darfst deinen Freund nicht warten lassen. Bring die Sache hinter dich und komm dann so schnell wie m\u00f6glich zu mir zur\u00fcck.\u00ab Er k\u00fc\u00dfte sie und kniff zum Abschied ein Auge zu, als er die T\u00fcr \u00f6ffnete. Beim Aussteigen packte er die Tasche. Eiskalter Wind blies zu Carrie hinein. Weil Lee beide H\u00e4nde voll hatte, schlo\u00df sie die T\u00fcr hinter ihm. Das tr\u00fcbe Innenlicht des Wagens verlosch, und Carrie mu\u00dfte sich wieder mit dem noch schw\u00e4cheren Licht der Stra\u00dfenlaternen begn\u00fcgen. Sie war ganz allein. Sie rutschte hinter das Steuer und beobachtete, wie die beiden M\u00e4nner sich auf der Stra\u00dfe trafen und dann quer \u00fcber den Campus von Langhorn liefen. Sie zeigten keine \u00fcbertriebene Eile, marschierten aber z\u00fcgig, wie sie das wohl noch vom Milit\u00e4r gewohnt waren. Wahrscheinlich wollten sie nicht auffallen. Jeder Renner oder Schleicher w\u00e4re in dieser Nacht der allgemeinen Fr\u00f6hlichkeit einem zuf\u00e4lligen Beobachter merkw\u00fcrdig vorgekommen. Carrie sagte sich, da\u00df sie h\u00f6chstwahrscheinlich die einzige war, die den beiden einen zweiten Blick nachsandte, wenn sie \u00fcberhaupt von jemandem bemerkt wurden. Dennoch durften die beiden M\u00e4nner sich nicht darauf verlassen, auch weiterhin unbeobachtet zu bleiben. So hatten sie ihre Kleidung darauf abgestellt, an einem solchen Abend wie alle auszusehen: Jeans, dicke, aber kurze Winterm\u00e4ntel, lange Schals. Auf den ersten Blick h\u00e4tte sie jeder f\u00fcr Studenten gehalten, die eine Party aufsuchen wollten oder aus irgendeinem anderen Grund die Ferien nicht zu Hause verbrachten. Nach zwei oder drei Sekunden stapften sie schon \u00fcber das schneebedeckte Gras auf dem Campus. Der Schatten nahm sich ihrer an, legte seine Falten und T\u00fccher \u00fcber sie, verschluckte sie. Gut hundert Meter vom Recard entfernt hatten sie den Campus betreten. Sie umrundeten das Geb\u00e4ude, um auf die der Ox Lane abgewandte Seite zu gelangen. Drei Laternen beleuchteten den Weg zum Computerzentrum. Carrie sp\u00e4hte durch die Nacht. Sie hoffte, Lee zu entdecken, wenn er in einen Lichtkegel der Laternen trat. Doch die beiden waren zu lange an der Front gewesen, um sich in der Dunkelheit ausmachen zu lassen. Carrie sah lange nichts mehr von ihnen. Sie \u00fcberblickte die Stra\u00dfe. Kein Wagen in Sicht. Offenbar waren alle Party gaste eingetroffen. Sie verschob den Seitenspiegel, um den Weg zu betrachten, den sie gekommen waren. Keine Scheinwerfer, keine Passanten. Nur Dunkelheit, in der die Stra\u00dfe und die B\u00fcrgersteige verschwanden. Jetzt begann f\u00fcr sie die lange Wartezeit. Sie lie\u00df ihre Gedanken treiben, und die kehrten bald, wie von einem Magneten angezogen, zum 26. Dezember zur\u00fcck. Zum zweiten Weihnachtsfeiertag und der seltsamen Unterhaltung zwischen Lee und Powell, die sie durch einen Zufall mitangeh\u00f6rt hatte. Carrie hatte einen furchtbaren Schrecken bekommen, als die M\u00e4nner schon recht bald auf Dougs Plan zu sprechen gekommen waren. Powell wu\u00dfte, wie er Lee zu nehmen hatte, und bedr\u00e4ngte ihn nicht, sondern \u00fcberlie\u00df es den Gedanken des Freundes, sich an die fantastischen Aussichten zu gew\u00f6hnen. Carrie hatte aber einen noch gr\u00f6\u00dferen Schock erlebt, als ihr wenig sp\u00e4ter zu Bewu\u00dftsein gekommen war, da\u00df auch sie dieses Vorhaben faszinierend fand. Sie pre\u00dfte sich an die Wand im dunklen Wohnzimmer und war nur wenige Zentimeter vom Eingang zur K\u00fcche entfernt. Sie kam sich pl\u00f6tzlich wie ein unartiges kleines M\u00e4dchen vor, das die Eltern belauscht. Und dann war sie kein kleines M\u00e4dchen mehr. Sie kam sich vor wie bei den Schw\u00e4rmereien ihrer Pubert\u00e4tsjahre, w\u00e4hrend Dougs perfektes Verbrechen in ihre Gedanken einsank. Gott, Powell schien an alles gedacht und seinen Plan bis ins letzte Detail ausget\u00fcftelt zu haben&#8230; Danach hatten sie und Lee noch stundenlang in der K\u00fcche gesessen und \u00fcber diese Angelegenheit debattiert. Beide mu\u00dften zu ihrer gro\u00dfen \u00dcberraschung feststellen, welch kriminelle Energie in ihnen verborgen war, wie bedenkenlos sie an einer Verschw\u00f6rung dieser ungeheuerlichen Gr\u00f6\u00dfenordnung teilnehmen wollten. Nun, Tage sp\u00e4ter war es soweit. Carrie wunderte sich immer noch \u00fcber sich selbst, als pl\u00f6tzlich die Beifahrert\u00fcr aufgerissen wurde und jemand in unertr\u00e4glicher Fr\u00f6hlichkeit ins Wageninnere br\u00fcllte: \u00bbHallo! Wen haben wir denn da?\u00ab Carrie fuhr zusammen und registrierte als erstes die kalte Nachtluft, die sie in einem Schwall traf. Dann erblickte sie einen schmalen, hellblonden Mann. Er war Ende drei\u00dfig, beugte sich in den Wagen und grinste sie mit der bl\u00f6den Miene eines schwer Angetrunkenen an. Geplatzte \u00c4derchen zeigten sich in seinen blauen Augen. Seine Haare waren ein einziger Wirrwarr. Er trug einen dreiteiligen Anzug, hatte sich aber die Weste und den Hemdkragen aufgekn\u00f6pft. Die Krawatte baumelte ihm vom Hals. Er erinnerte sie an eine Filmszene mit Red Skelton, in der der Bl\u00f6delkomiker einen Besoffenen gemimt hatte. \u00bbWas machen Sie denn so allein in einer solchen Nacht?\u00ab gr\u00f6lte er und lachte, als h\u00e4tte er einen guten Witz gemacht. Er \u00f6ffnete die Beifahrert\u00fcr weiter und w\u00e4re fast auf den Sitz gefallen. \u00bbSie sollten lieber im Haus sein. Da geht n\u00e4mlich gerade die Post ab!\u00ab Carries Blick fuhr rasch \u00fcber den dunklen Campus und kehrte dann zu dem St\u00f6renfried zur\u00fcck. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie mu\u00dfte ihn so schnell wie m\u00f6glich loswerden. Aber wie brachte man einen stark Alkoholisierten dazu, zu gehen? \u00bbSie meinen doch wohl nicht die Party dort dr\u00fcben, oder?\u00ab begann sie vorsichtig. \u00bbKlar, wo ist denn hier sonst noch was los?\u00ab \u00bbIch habe mich dort zu Tode gelangweilt\u00ab, erkl\u00e4rte sie. Er verschluckte sich, stie\u00df auf und blinzelte mehrmals, so als h\u00e4tte er erhebliche M\u00fche, ihre Worte zu begreifen. \u00bbHaben Sie langweilig gesagt?\u00ab \u00bbGenau, und Sie scheinen nicht anders dar\u00fcber zu denken, sonst w\u00e4ren Sie ja nicht auch nach drau\u00dfen gegangen\u00ab, entgegnete sie. \u00bbWar mir blo\u00df zu hei\u00df da drinnen\u00ab, lallte er und winkte mit einer ausladenden Armbewegung zum Haus. Er hatte M\u00fche, dabei sein Gleichgewicht nicht zu verlieren. \u00bbDa drinnen ist es so hei\u00df wie in einem Backofen. Ich mu\u00dfte einfach raus, sonst war&#8217; ich erstickt.\u00ab Seine Miene, die eben noch v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis ausgedr\u00fcckt hatte, verzog sich jetzt zu einem schiefen L\u00e4cheln. Schwankend bem\u00fchte er sich, einen Blick auf die R\u00fccksitze zu werfen. \u00bbHaben Sie sich jemanden angelacht? Jemanden abgeschleppt? Hab&#8217; ich Sie vielleicht mitten in einem lustigen Spielchen gest\u00f6rt?\u00ab Er war voll, nur wenig davon entfernt, sturzbesoffen zu sein. Der leichteste Fehler von ihr konnte ihn dazu bewegen, sich auf eine endlose Debatte oder ein launiges Gespr\u00e4ch einzulassen, sich geradezu dazu eingeladen zu f\u00fchlen. Vielleicht war es am besten, wenn sie gar nichts mehr sagte. Vielleicht w\u00fcrde er dann nach einer Weile frustriert abziehen. \u00bbOh\u00ab, brummte er, \u00bbich scheine Sie wirklich gest\u00f6rt zu haben. Tut mir leid. Tut mir so, so leid. Wie kann ich das wiedergutmachen?\u00ab Sein Gesicht zerfiel in ein Dutzend Sorgenfalten. \u00bbVerdammt, da\u00df mir so etwas auch immer wieder passieren mu\u00df. Blo\u00df, weil ich meine verdammte Klappe nie halten kann. Es tut mir wirklich furchtbar leid, ich wollte Ihnen ganz gewi\u00df nicht zu nahe treten.\u00ab Carrie starrte stur geradeaus auf den Thunderbird, der direkt vor dem Chevrolet parkte. \u00bbDenken Sie blo\u00df nicht, da\u00df ich Sie anmachen wollte, nein, ganz bestimmt nicht. Und wenn Sie diesen Eindruck gewonnen haben sollten, m\u00f6chte ich mich von ganzem Herzen daf\u00fcr entschuldigen..\u00ab Seine Stimme erstarb. Er l\u00f6ste eine Hand von er T\u00fcr und rieb sich \u00fcber das Gesicht. Dabei verlor er den Halt und landete auf dem Beifahrersitz. Kurz lichtete sich seine Miene auf, und er dachte daran, die T\u00fcr zuzuziehen. \u00bbEinen Moment mal, mein Herr!\u00ab fuhr Carrie ihn an und lie\u00df von ihrer Taktik des Schweigens ab, die in diesem Fall sowieso fehl am Platz war. \u00bbNicht! Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch!\u00ab Er ri\u00df sch\u00fctzend die H\u00e4nde vors Gesicht, so als erwarte er Schl\u00e4ge. \u00bbIch kann doch nicht einfach abhauen und Sie mit dem Eindruck zur\u00fccklassen, ich sei ein Schuft! Ich kann Sie doch nicht in dem Glauben lassen, ich sei blo\u00df nach drau\u00dfen gekommen, um Sie auf ganz plumpe Weise anzumachen, nicht wahr? Ich habe schlie\u00dflich einen Ruf zu verlieren..\u00ab Er r\u00fclpste laut. \u00bbOh, Verzeihung!\u00ab murmelte er und verzog das Gesicht, weil er sauer auf sto\u00dfen mu\u00dfte. \u00bbGeben Sie mir wenigstens eine Minute, damit ich Ihnen alles erkl\u00e4ren kann. Eine Minute, die m\u00fcssen Sie mir schon zubilligen!\u00ab \u00bbSie brauchen mir nichts zu erkl\u00e4ren&#8230;\u00ab \u00bbNicht b\u00f6se sein!\u00ab rief er, hob wieder die H\u00e4nde vors Gesicht und rutschte dabei ein St\u00fcck tiefer in den Sitz. \u00bbBitte, geben Sie mir eine Chance!\u00ab Seine H\u00e4nde fielen kraftlos auf die Knie. Kurz darauf waren sie wieder in der Luft und massierten seine Schl\u00e4fen mit einer Ausdauer, als suche er dort nach winzigen Splittern. \u00bbDavon abgesehen f\u00fcrchte ich, ich krieg keinen&#8230;\u00ab Er unterbrach sich und lachte schallend. \u00bbNein, nein, ich komme nicht mehr hoch, wollte ich sagen&#8230;\u00ab \u00bbH\u00f6ren Sie bitte&#8230;\u00ab \u00bbNein, ich kann wirklich nicht!\u00ab beharrte er. \u00bbZumindest in den n\u00e4chsten Minuten nicht. Ich brauch&#8217; &#8216;ne kleine Verschnaufpause, um meinen alten Kopf wieder in Ordnung zu bringen.\u00ab Nein, sie brauchte keine Angst zu haben, da\u00df er ihr zu nahe treten w\u00fcrde. Er war viel zu voll, um sie mit Gewalt zu etwas zwingen zu wollen. Trotzdem mu\u00dfte sie ihn loswerden, bevor Lee und Doug mit ihrem Raubgut zur\u00fcckkehrten. Sie trug immer noch den langen Rock und den Sweater, und dar\u00fcber einen Mantel mit Pelzkragen. Damit w\u00e4re sie vermutlich als Partygast gerade noch durchgegangen. Aber Doug und Lee hatten Jeans und buntkarierte Hemden an. Selbst einem Betrunkenen, wie ihrem ungebetenen Gast, w\u00e4re es eigenartig vorgekommen, was zwei solche M\u00e4nner in einer Gesellschaft von Professoren und akademischen W\u00fcrdentr\u00e4gern verloren hatten. \u00bbSind Sie auch ganz bestimmt nicht w\u00fctend auf mich?\u00ab fragte er und sah sie von unten an. \u00bbNein.\u00ab \u00bbPrima! Da bin ich aber froh.\u00ab Seine Finger stellten die Massage ein. Jetzt verschr\u00e4nkte er sie ineinander und lie\u00df die Gelenke knacken. \u00bbIch hei\u00dfe \u00fcbrigens Wilbur Harttle\u00ab, erkl\u00e4rte er. \u00bbUnd wie hei\u00dfen Sie?\u00ab Carrie z\u00f6gerte. \u00bbIch garantiere Ihnen, da\u00df ich nichts von Ihnen will\u00ab, beschwor Harttle sie. \u00bbNun kommen Sie, sagen Sie mir schon Ihren Namen.\u00ab Carrie holte tief Luft. \u00bbGrace Kelly.\u00ab Der Mann glotzte sie an. \u00bbGenau so wie der alte Filmstar?\u00ab Er sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbDas ist ja gelungen.\u00ab \u00bbJa, denke ich auch\u00ab, sagte Carrie. Sie begriff, da\u00df sie ihn kaum verscheuchen konnte. Panik stieg in ihr auf.<\/p>\n<p class=\"calibre3\">9<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Der Wind fuhr wie ein Hexenbesen \u00fcber das Land und zerrte an den nackten \u00c4sten. \u00bbWie Halloween\u00ab, dachte Lee. Die beiden lagen auf dem Boden und achteten nicht auf die zwei Zentimeter dicke Schneeschicht unter ihnen. Sie lagen im tiefen Schatten, obwohl es ein St\u00fcck weiter den H\u00fcgel hinauf noch dunkler war. Kein Wachmann, der einen Blick aus einem Fenster des Recard werden w\u00fcrde, k\u00f6nnte sie entdecken. Von ihrem Standort aus wirkte die dem Campus zugewandte Seite des Computerzentrums wie ein schwer befestigtes Fort. \u00bbNun mach dir nicht ins Hemd\u00ab, sagte sich Lee, als ihm bewu\u00dft geworden war, welche Bilder ihm da in den Sinn kamen. Nat\u00fcrlich gab es Wege und M\u00f6glichkeiten, in das Geb\u00e4ude zu gelangen. Selbstverst\u00e4ndlich waren damit nicht die vier Glast\u00fcren des Haupteingangs gemeint. Denn die waren verschlossen und wurden au\u00dferdem beleuchtet; sehr gut beleuchtet sogar. Er und Doug wollten durch eines der langen, rechteckigen Fenster im Parterre ins Geb\u00e4ude gelangen. Nur aus wenigen von ihnen kam Licht, und selbst hinter diesen hielt sich niemand auf. \u00bbHast du irgendwo jemanden gesehen?\u00ab fragte Doug leise. \u00bbMeinst du in den beleuchteten R\u00e4umen?\u00ab \u00bbJa.\u00ab \u00bbNein, niemanden.\u00ab \u00bbIch auch nicht.\u00ab Die \u00c4ste ratterten wie Skelette am Galgen. \u00bbWarum willst du das wissen?\u00ab fragte Lee. \u00bbDenkst du, der Nachtw\u00e4chter hat uns bemerkt und bereits ein Maschinengewehr und eine Bazooka gegen uns in Stellung gebracht?\u00ab In Vietnam hatten sie sich vor einem Gefechtseinsatz stets pessimistische oder grausame Witzchen erz\u00e4hlt. Damit l\u00f6sten sie die Anspannung in sich und verhinderten, da\u00df sie so verkrampften, bis sie nicht mehr klar denken konnten. \u00bbVielleicht hat er ja auch ein Feldgesch\u00fctz aufgetrieben, mit dem er uns die K\u00f6pfe wegpusten will.\u00ab \u00bbKann man nie wissen\u00ab, brummte Doug kurz angebunden. Er schien nicht in der Stimmung f\u00fcr bl\u00f6de Witzchen zu sein. W\u00e4hrend er auf dem Bauch lag und der Schnee seine Kleidung durchn\u00e4\u00dfte, dachte Lee zitternd an den entscheidenden Unterschied zwischen dieser Unternehmung und den Eins\u00e4tzen im Krieg: In S\u00fcdostasien hatten sie sich gr\u00f6\u00dferen Gefahren ausgesetzt. Doch in Vietnam hatten sie die Kameraden gehabt und Befehle befolgt. Hier hingegen stand niemand auf ihrer Seite. Sie hatten nur sich beide, und ansonsten stand alles und jeder gegen sie. \u00bbEs ist soweit\u00ab, raunte Powell. \u00bbGehen wir nach Plan vor?\u00ab \u00bbJa, wir gehen genau nach Plan vor.\u00ab Doug zog die Knie an und stand mit einem Satz auf den F\u00fc\u00dfen. Er rannte kaum h\u00f6rbar \u00fcber die vierzig Meter offenen Gel\u00e4ndes, die ihn von der Fassade trennten. Dann kauerte er sich unter das linke einer Dreiergruppe von Fenstern. Nun sprang Lee hoch und kauerte sich schlie\u00dflich rechts von Powell auf den Boden. Vorsichtig schob er sein Gesicht hoch und sp\u00e4hte durch die Scheibe. Keine Vorh\u00e4nge oder Jalousien behinderten seine Sicht; letztere war n\u00e4mlich hochgezogen. Doch der Raum hinter dem Fenster lag in vollkommener Dunkelheit und gab nichts von seinen Geheimnissen preis. \u00bbDie Tasche!\u00ab fl\u00fcsterte Doug. Seine Stimme war leiser als der Wind. Lee stellte sie zwischen ihnen auf den Boden und \u00f6ffnete sie. Powell w\u00fchlte im Inhalt herum und holte schlie\u00dflich einen Gummisauger, eine Rolle Isolierband und einen billigen Glasschneider von zwanzig Zentimeter L\u00e4nge heraus. Er legte die drei Gegenst\u00e4nde vor sich in den Schnee und sah dann auf seine Armbanduhr. \u00bbZehn vor elf\u00ab, murmelte er. \u00bbWenn es elf ist, sind wir drin. Mit ein bi\u00dfchen Gl\u00fcck d\u00fcrften wir eine halbe Stunde nach Mitternacht alles hinter uns haben und wieder drau\u00dfen sein.\u00ab Lee nickte. Er \u00fcberblickte den Campus. Er erwartete, \u00fcberall Uniformierte zu entdecken, die ihre Gewehre auf sie angelegt hatten. Aber der Campus war immer noch menschenleer. Nat\u00fcrlich bestand das Risiko, da\u00df sie jetzt schon entdeckt w\u00fcrden, bevor sie \u00fcberhaupt auch nur in die N\u00e4he des Terminals gekommen waren. Wenn die motorisierte Universit\u00e4tspolizei sich gerade jetzt zu einer Streife entschlo\u00df oder von einem Rundgang durch die Wohnheime der m\u00e4nnlichen Studenten auf dem H\u00fcgel dort kam, k\u00f6nnte sie gar nicht anders, als Doug und Lee zu entdecken. Die Campusstra\u00dfe f\u00fchrte so nahe an dieser Seite des Recard-Geb\u00e4udes vorbei, da\u00df die Polizisten schon blind und taub sein m\u00fc\u00dften, um die beiden Eindringlinge zu \u00fcbersehen. Lee starrte so lange in die Schatten, bis er schon Bewegungen auszumachen glaubte, wo nichts war. (Kniete da nicht jemand hinter den drei dicht beieinander stehenden Birken? &#8211; Lag da nicht ein gro\u00dfer Mann jenseits des Stra\u00dfenrandes?) Einmal glaubte er sogar, den Schatten eines Streifenwagens zu erkennen, der sich mit ausgeschalteten Lichtern \u00fcber den H\u00fcgel n\u00e4herte. Die Insassen hatten ihre Waffen gezogen und richteten sie auf die M\u00e4nner am Fenster. Lee schlo\u00df die Augen. Er hatte sich jetzt um genug andere Dinge zu k\u00fcmmern. Da konnte er solche Hirngespinste nicht gebrauchen. Wieder glaubte er, mitten in der Halloween-Nacht unterwegs zu sein. Er wandte dem Campusgel\u00e4nde den R\u00fccken zu und beobachtete Dougs Bem\u00fchungen an der Fensterscheibe. Powell pre\u00dfte den Gummisauger an die geeignete Stelle auf der zweieinhalb Meter hohen Glasscheibe. Dann ritzte er mit dem Glasschneider die Scheibe dicht am Metallrahmen auf. In der klirrenden K\u00e4lte waren seine Finger wie bet\u00e4ubt. Er machte links vom Sauger einen gut einen Meter langen Schnitt und verband dann die beiden vertikalen Schnitte mit einem horizontalen \u00fcber dem Sauger. Zum Schlu\u00df ritzte er die Scheibe am unteren Rahmen einen Meter weit auf. &gt;Wo hat Doug diese Technik gelernt?&lt; fragte sich Lee. &gt;Ganz bestimmt nicht in der Armee, und erst recht nicht auf dem College. Geh\u00f6rte das vielleicht, wie so viele andere Dinge, zu dem, was er Dunio abgeschaut hatte? Geh\u00f6rte so etwas zu den F\u00e4higkeiten, die ein Schmuggler beherrschen mu\u00dfte? Wie hatte Doug eigentlich zu Dunio gestanden? Hatten sie sich nur ein paarmal unterhalten, oder war er gar sein Assistent gewesen? &lt;Powell lie\u00df den Glasschneider in den Schnee fallen und griff wieder in die mitgef\u00fchrte Tasche. Er entnahm ihr eine Flasche aus Aluminium, die mit einer D\u00fcse aus dem gleichen Metall versehen war. \u00bbS\u00e4ure\u00ab, erkl\u00e4rte er Lee. \u00bbSie greift die Silikat-Molek\u00fcle in den Schnitten an, die ich eben gemacht habe. Mit diesem Zeugs stelle ich sicher, da\u00df die Schnitte ganz durchgehen.\u00ab Lee war so verbl\u00fcfft, da\u00df er nur nicken konnte. Powell hielt die Flasche so, da\u00df weder er noch Lee etwas von der S\u00e4ure ins Gesicht bekommen konnten, und spr\u00fchte dann die Fl\u00fcssigkeit s\u00e4uberlich \u00fcber alle vier Schnittlinien. Endlich stellte er die Aluminiumflasche ab und wartete eine Minute. Nun packte er den Stiel des Gummisaugers, zerrte daran und brach schlie\u00dflich ein \u00fcber einen Quadratmeter gro\u00dfes St\u00fcck Glas aus der Scheibe. Er legte das St\u00fcck weit von sich entfernt auf den Boden, damit er nicht aus Versehen darauftreten w\u00fcrde. \u00bbDoppelfenster\u00ab, fl\u00fcsterte er mehr zu sich selbst und klopfte mit dem Zeigefinger auf die Innenscheibe. \u00bbIch dachte, du kennst dich hier aus!\u00ab entfuhr es Lee. \u00bbHast du denn nicht mit so etwas gerechnet?\u00ab Powell nickte langsam. \u00bbDoch, nat\u00fcrlich. Hier m\u00fcssen wir sehr vorsichtig sein. Die zweite Scheibe ist mit einem Alarmsystem best\u00fcckt. Siehst du den d\u00fcnnen Draht, der \u00fcber alle vier Rahmenseiten verl\u00e4uft? Da kann ich nicht einfach drauflosschneiden.\u00ab \u00bbWird es lange dauern?\u00ab \u00bbNein, mach dir dar\u00fcber mal keine Sorgen.\u00ab Lee brach den Vorsatz, den er sich eben gestellt hatte. Er drehte sich um und starrte auf den n\u00e4chtlichen Campus. Noch immer war niemand zu sehen. Lee zitterte. Das Schaudern war jedoch mehr inwendig als auf seiner Haut. Powell war soweit und brach ein St\u00fcck Glas aus der zweiten Scheibe. Es war nicht ganz so gro\u00df wie das aus der ersten. Er legte es wieder weit von sich entfernt auf den Boden und l\u00f6ste den Gummisauger. Der n\u00e4chste Schritt stand bevor. Lee stieg vorsichtig durch die L\u00fccken und befand sich endlich im Recard &#8211; Institut. Der Temperaturunterschied war so gro\u00df, da\u00df er gleich in Schwei\u00df ausbrach. Die Luft hier roch nach Kreidestaub und Bohnerwachs. Er nahm die Tasche entgegen, die Doug ihm hereinreichte. Dann trat er einen Schritt zur\u00fcck, um den gro\u00dfen Mann einsteigen zu lassen. Lange Sekunden sprach keiner von ihnen ein Wort. Die hochgezogene Jalousie ratterte im Wind, der jetzt durch die Fensterl\u00f6cher fuhr. Lee glaubte im ersten Moment, jemand feuere in n\u00e4chster N\u00e4he eine Maschinenpistole ab. Er packte die Schnur und zog die Jalousie hoch, bis sie in ihrer Verankerung hing. Dort konnte der Wind sie nicht mehr sehr stark bewegen. Nun war wieder alles still. Lee lauschte, wie sein Herzschlag sich langsam wieder beruhigte. \u00bbKomm, wir m\u00fcssen weiter\u00ab, dr\u00e4ngte Powell kaum h\u00f6rbar. Er zog eine d\u00fcnne Taschenlampe aus seinem Mantel. Er hatte die ohnehin schon kleine Linse zu drei Vierteln mit Isolierband \u00fcberklebt. Als er sie einschaltete, drang nur ein bleistiftdicker Lichtstrahl aus der Lampe. Er lie\u00df ihn \u00fcber W\u00e4nde und Schr\u00e4nke wandern. Sie befanden sich in einem gr\u00f6\u00dferen Raum, der ein Dutzend Zeichentische nebst ebenso vielen St\u00fchlen, Papierk\u00f6rben und kleinen Schr\u00e4nken enthielt, in denen die Zeichenutensilien untergebracht waren. \u00dcber jedem Tisch hing von der Decke eine Lampe. Dar\u00fcber hinaus fand sich hier das Pult des Lehrers, eine gro\u00dfe Tafel und all die sonst \u00fcbliche Einrichtung einer Zeichenklasse. \u00bbHier wird Computer-Design unterrichtet\u00ab, erkl\u00e4rte Powell leise. \u00bbUnd hier \u00fcben sie sich auch im Konstruktionszeichnen. Ich erinnere mich gut an diesen Raum. Wenn wir durch die T\u00fcr gekommen sind, m\u00fcssen wir uns nach links wenden. Der Raum des Wachmanns liegt in derselben Richtung in der Eingangshalle.\u00ab \u00bbUnd wenn er gerade seine Runde macht?\u00ab fragte Lee. \u00bbWenn er sich gerade in einem anderen Stockwerk befindet?\u00ab \u00bbDann warten wir, bis er zur\u00fcckkommt.\u00ab Doug schaltete die Taschenlampe aus und marschierte auf die T\u00fcr zu. Lee hielt ihn auf: \u00bbWarte, die Masken.\u00ab Powell blieb stehen und griff in die Innentasche seines Mantels. Lee zog ebenfalls seine Maske heraus. Es war eine ganzgesichtige Koboldfratze, die Carrie vor zwei Tagen in einem Kost\u00fcmladen in Manhattan gekauft hatte. Lee trug engsitzende Schweinslederhandschuhe, und mit diesen hatte er einige M\u00fche, sich die Gummimaske \u00fcber den Kopf zu ziehen. Endlich kam er auf die Idee, wenigstens die Werkzeugtasche abzustellen. Nach zwei Minuten des Zerrens, Ringens und Schiebens sa\u00df die Maske endlich. Von nun an hatte jeder Atemzug einen starken Beigeschmack von Latex. \u00bbIch mu\u00df noch mal die Taschenlampe einschalten\u00ab, verk\u00fcndete Doug. \u00bbDenn ich wei\u00df nicht, ob die Augenl\u00f6cher richtig sitzen.\u00ab Als der d\u00fcnne Lichtstrahl erschien, betrachtete Lee den Freund und wurde mit einer grinsenden Vampirmaske konfrontiert, aus deren Mundwinkel zwei lange Z\u00e4hne ragten. \u00bbEs ist tats\u00e4chlich Halloween\u00ab, l\u00e4chelte er. \u00bbWas hast du gesagt?\u00ab fragte Powell. \u00bbVergi\u00df es, es war nicht wichtig.\u00ab Doug schaltete die Taschenlampe aus. Seine Gummiz\u00e4hne leuchteten in der Dunkelheit gr\u00fcn und unheimlich. Lee \u00f6ffnete die T\u00fcr des Klassenzimmers. Sie schlichen durch den Korridor, Lee an der linken und Doug an der rechten Wand entlang. Sie sahen sich sorgf\u00e4ltig um. Niemand au\u00dfer ihnen hielt sich hier auf. Nur die mittlere der drei Neonr\u00f6hren an der Decke brannte. Das Licht flackerte, aber es reichte f\u00fcr die beiden aus, sich hier zurechtzufinden. Sie wandten sich nach links und liefen jetzt nebeneinander. Beide hielten den Revolver feuerbereit hoch. Man h\u00e4tte sie f\u00fcr einh\u00e4ndige W\u00fcnschelruteng\u00e4nger halten k\u00f6nnen, die sich zusammengetan haben, um gemeinsam ihrer Sache nachzugehen. Sie waren noch gut zehn Meter von der Eingangshalle entfernt, als sich pl\u00f6tzlich zu ihrer Linken eine T\u00fcr \u00f6ffnete und der Wachmann in die Halle marschierte. Er war ein gro\u00dfer Mann, hatte aber h\u00e4ngende Schultern und einen nicht zu \u00fcbersehenden Bauch. Er war Ende f\u00fcnfzig, und seine beste Zeit lag sicher drei\u00dfig Jahre zur\u00fcck. Der Mann trug eine blaue Uniform und eine Kappe in derselben Farbe. An seiner linken Seite hing ein Pistolenholster. Er war so \u00fcberrascht, die beiden M\u00e4nner zu erblicken, da\u00df ihm als erstes nichts Besseres einfiel, als den Mund aufklappen zu lassen. \u00bbKeine Bewegung\u00ab, fuhr Powell ihn an und n\u00e4herte sich ihm mit erhobenem Revolver. Der Lauf der Waffe war auf den Bauch des Nachtw\u00e4chters gerichtet. Der Mann taumelte ein, zwei Schritte zur\u00fcck und streckte in einem Reflex die Hand nach seiner Waffe aus. Doch er besann sich rasch eines Besseren und hob z\u00f6gernd beide H\u00e4nde. \u00bbGuter Junge\u00ab, lobte Doug. \u00bbWas immer ihr Komiker auch im Sinn haben m\u00f6gt\u00ab, keuchte der W\u00e4chter, \u00bbihr kommt damit nicht durch!\u00ab Powell brach in schallendes Gel\u00e4chter aus. Lee f\u00fcrchtete schon, der Freund sei hysterisch geworden.<\/p>\n<p class=\"calibre3\">10<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Lee begriff, da\u00df der Wachmann weder dumm war noch so untrainiert, wie er auf den ersten Blick gewirkt hatte. Trotz seines Bierbauchs und den h\u00e4ngenden Wangen machte er jetzt einen brutalen und gef\u00e4hrlichen Eindruck. Seine Augen wurden halb von ledrigen Fleischfalten begraben, und um den Mund zogen sich harte Z\u00fcge. Davon abgesehen wirkte er \u00fcberheblich und machte Miene, sich nicht irgendwelchen maskierten Clowns zu ergeben. Typen wie er wurden in High-School-Footballmannschaften als Knochentreter und r\u00fccksichtslose St\u00fcrmer eingesetzt, waren in der Armee die schlimmsten Schleifer und geh\u00f6rten in Polizeiuniform zu denjenigen, die ihre Umwelt schikanieren. Wenn Doug und Lee ihn falsch anpackten, w\u00fcrde er bestimmt nicht z\u00f6gern, den Helden zu spielen. Als Powell die Pistole aus dem Holster des W\u00e4chters zog, fragte Lee: \u00bbWie hei\u00dfen Sie?\u00ab Der Mann starrte auf seine Pistole in Dougs Hand. Seine Augen funkelten b\u00f6se, als er brummte: \u00bbRickart.\u00ab \u00bbUnd der Vorname?\u00ab wollte Lee wissen. Der W\u00e4chter verzog das Gesicht. \u00bbJohn.\u00ab Lee sah ihm direkt in die Augen. \u00bbJohn, ich wei\u00df, da\u00df Sie zu den M\u00e4nnern geh\u00f6ren, die eine Situation wie diese nicht leicht zu akzeptieren bereit sind. Sie haben es noch nie zugelassen, da\u00df jemand \u00fcber Sie hinwegtrampelt. In diesem Augenblick sind Sie stinkw\u00fctend auf uns und auf sich selbst. Doch leider ist das alles nun einmal geschehen, und wir wollen uns bem\u00fchen, das Beste daraus zu machen.\u00ab Lee bemerkte zu seiner Erleichterung, da\u00df seine Worte langsam Eindruck auf den W\u00e4chter machten. \u00bbNiemand wird Sie f\u00fcr einen Versager halten, blo\u00df weil wir Sie entwaffnet haben. Sehen Sie es doch einfach so: Wir sind in der \u00dcberzahl, sind mit doppelt so vielen Revolvern hierher gekommen. \u00ab Allm\u00e4hlich l\u00f6ste sich die Spannung in Johns K\u00f6rper und auf seinem Gesicht. Die Bl\u00e4sse auf seinem Gesicht verging, und der harte Blick seiner Augen schw\u00e4chte sich deutlich ab. \u00bbSind wir zum Kaffeekr\u00e4nzchen hergekommen?\u00ab fragte Powell sarkastisch. \u00bbNur die Ruhe, Freund\u00ab, sagte Lee rasch. \u00bbDie Zeit l\u00e4uft uns davon!\u00ab sagte Doug. \u00bbNein, bis jetzt l\u00e4uft alles bestens.\u00ab Der W\u00e4chter mu\u00dfte vor ihnen hergehen, und sie dirigierten ihn in einen kleinen Abstellraum ohne Fenster, in dem sich allerlei Hausmeisterwerkzeuge befanden. Dort mu\u00dfte er sich mitten auf den Boden legen. Er wurde umrahmt von gro\u00dfen Plastikflaschen voller Reinigungsmittel, L\u00f6sungsmittel und Bodenwachsen. W\u00e4hrend Powell die Waffe auf den Mann richtete, band Lee ihm mit dem Isolierband die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken zusammen. Dann zog er dem W\u00e4chter Schuhe und Str\u00fcmpfe aus und fesselte ihm die Fu\u00dfgelenke. \u00bbAlles klar\u00ab, erkl\u00e4rte Lee. \u00bbDu kannst jetzt los.\u00ab \u00bbDu wei\u00dft, wo du mich findest, sobald du hier alles erledigt hast?\u00ab fragte Doug zur Sicherheit. Aber er wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern fuhr gleich fort: \u00bbIm ersten Stock.\u00ab Damit verschwand er. Rickart lag auf seinem wohlgepolsterten Bauch. Lee band ihm ein zweites Mal die H\u00e4nde und achtete jetzt darauf, da\u00df der Gefangene sie nicht l\u00f6sen konnte. \u00bbEntweder habt ihr beide schon zuviel getrunken\u00ab, brummte der Mann, \u00bboder ihr m\u00fc\u00dft komplett wahnsinnig sein!\u00ab \u00bbVermutlich\u00ab, gestand Lee leise. \u00bbWas gibt es an einem Ort wie diesem denn schon, was einen solchen Aufwand rechtfertigen k\u00f6nnte?\u00ab Lee gab ihm keine Antwort. Doch in Rickart war die Neugier erwacht, und die wollte er unbedingt befriedigen. \u00bbIch meine, hier gibt es keine Kasse. Zumindest in diesem Geb\u00e4ude nicht. Und Pelze, Juwelen und \u00e4hnliches sucht man hier auch vergebens. Was k\u00f6nnte einen Einbrecher hierherlocken?\u00ab Lee band ein gro\u00dfes St\u00fcck Isolierband um die Unterschenkel des Mannes, um ihn daran zu hindern, durch Rucken und Zerren der Unterschenkel die Fessel an seinen F\u00fc\u00dfen zu l\u00f6sen und wom\u00f6glich sogar zu zerrei\u00dfen. Rickart war immer noch von Neugier geplagt, und unz\u00e4hlige Fragen gingen ihm durch den Kopf. \u00bbSie beide kommen mir immer weniger wie zwei Studenten vor, die sich einen Silvesterspa\u00df erlauben wollten und deshalb hier eingedrungen sind.\u00ab \u00bbDa liegen Sie ganz richtig, John\u00ab, antwortete Lee. \u00bbSolche dummen Streiche pflegen wir nicht zu spielen. Wir m\u00f6gen alles m\u00f6gliche sein, bestimmt aber keine Vandalen.\u00ab Der Wachmann verdrehte den Kopf und rollte mit den Augen, bis er ein St\u00fcck von der Koboldmaske erblicken konnte. \u00bbAber wer sind Sie dann? Und was wollen Sie hier?\u00ab \u00bbIm Augenblick will ich nicht mehr und nicht weniger, als Sie zu knebeln und dann zu meinem Freund im ersten Stock zu eilen. Versprechen Sie mir bitte, nicht zu versuchen, mich zu bei\u00dfen, ja?\u00ab Rickart gefiel diese Vorstellung f\u00fcr einen Moment, dann aber meldete sich sein Verstand zu Wort und erkl\u00e4rte, da\u00df er dabei nur verlieren konnte, da\u00df er seine Lage nur verschlechtern konnte, wenn er jetzt anfing, sich zu wehren. Er starrte auf die Augenl\u00f6cher in der Koboldmaske. Lee versiegelte ihm mit vier Klebebandstreifen den Mund. In einem Monolog, der kein Ende nehmen wollte, erkl\u00e4rte Wilbur Harttle, da\u00df er ordentlicher Professor f\u00fcr Englische Literatur an der Universit\u00e4t von Langhorn sei, da\u00df er ein alter Herr bei der angesehensten Burschenschaft am Campus sei, da\u00df er als Berater bei der Studentenzeitung dieser Universit\u00e4t t\u00e4tig sei. Dar\u00fcber hinaus erfuhr Carrie: Er war neununddrei\u00dfig, war mit einer frigiden Hexe namens Mary Ellen verheiratet, war bereits viermal in Europa gewesen, fuhr einen Jaguar 2+2, f\u00fcr den er seit seiner Jugend geschw\u00e4rmt und f\u00fcr den er sich so krummgelegt hatte, da\u00df ihm fast das R\u00fcckgrat zerbrochen war, und er war momentan so voll wie tausend Mann. \u00bbAber ich glaube, Sie sind nicht betrunken\u00ab, lallte er. \u00bbSie sehen sogar so aus, als h\u00e4tten Sie den ganzen Abend noch keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen.\u00ab Ihre Abstinenz schien auf ihn wie eine pers\u00f6nliche Kr\u00e4nkung zu wirken. \u00bbIch habe tats\u00e4chlich noch nichts getrunken\u00ab, antwortete Carrie k\u00fchl, w\u00e4hrend sie in Gedanken fieberhaft nach einer M\u00f6glichkeit suchte, den Kerl loszuwerden. \u00bbNa, da wundert es mich aber nicht, wenn Ihnen die Party langweilig vorgekommen ist\u00ab, erkl\u00e4rte er \u00fcbergangslos leutselig. Er streckte ungelenk einen Arm aus, um ihr auf die Schulter zu klopfen. Sie zog sich so weit von ihm zur\u00fcck, wie es ihr nur irgend m\u00f6glich war. Er schien ihren Widerwillen nicht zu bemerken, denn er r\u00fcckte noch n\u00e4her heran. \u00bbWarum gehen wir zwei H\u00fcbschen nicht wieder ins Haus und genehmigen uns zwei gute, altmodische Wodka-Martinis?\u00ab \u00bbNein, vielen Dank.\u00ab \u00bbNa, nun kommen Sie schon\u00ab, grinste er bl\u00f6dsinnig, verhakte seine Finger in ihrem Mantel\u00e4rmel und zog an ihr. \u00bbIch m\u00f6chte wirklich nicht!\u00ab Er beugte sich \u00fcber sie und glotzte sie im fahlen Licht b\u00f6se an. \u00bbEhrlich, Grace, soll ich Ihnen was sagen?\u00ab \u00bbTun Sie, was Sie nicht lassen k\u00f6nnen.\u00ab \u00bbIch glaube, Sie m\u00f6gen mich nicht.\u00ab Sie wollte ihm gerade erkl\u00e4ren, da\u00df sie ihn f\u00fcr einen feinen und netten Mann hielt, den jede Frau gern kennenlernen wollte, als ihr einfiel, da\u00df sie ihn jetzt vielleicht aus dem Wagen bekommen k\u00f6nnte. \u00bbWenn Sie die Wahrheit h\u00f6ren wollen\u00ab, antwortete sie, \u00bbSie sind nicht im mindesten mein Typ.\u00ab \u00bbWu\u00dft ich&#8217;s doch!\u00ab sagte er zerknirscht. \u00bbSie sind immer noch sauer auf mich, weil ich Ihnen eben ungewollt zu nahe getreten bin.\u00ab Er r\u00fclpste laut und entschuldigte sich gleich daf\u00fcr. \u00bbAber ich schw\u00f6re Ihnen bei allem, was mir heilig ist, da\u00df ich Ihnen nicht zu nahe treten wollte!\u00ab \u00bbDas ist es nicht\u00ab, sagte Carrie m\u00fcde. \u00bbEs ist nur so, da\u00df ich Trinker nicht mag. Nicht mehr und nicht weniger.\u00ab Harttle nickte heftig. \u00bbGeht mir ganz genauso, ehrlich! Ich&#8230; Moment mal! Sie halten mich doch wohl nicht f\u00fcr einen Trinker?\u00ab \u00bbSind Sie das denn nicht?\u00ab fragte sie schnippisch. \u00bbAber ganz im Gegenteil!\u00ab widersprach er in aller Ernsthaftigkeit. \u00bbDoch dieses Silvester, wo ein wirklich verfluchtes Jahr hinter mir liegt&#8230; Gott sei Dank, da\u00df es vor\u00fcber ist. Schlimmer kann es kaum noch kommen!\u00ab Verbl\u00fcfft lie\u00df er ihren \u00c4rmel los, schien sich zu wundern, wo seine Hand pl\u00f6tzlich herkam. W\u00e4hrend er die Hand noch betrachtete, schaltete er mit der anderen das Autoradio ein. \u00bbWas machen Sie denn da?\u00ab \u00bbPscht!\u00ab Er suchte so lange, bis er einen Kanal mit traditioneller Tanzmusik gefunden hatte. \u00bbHe! H\u00f6ren Sie das? Das ist Guy Lombardo! Wann h\u00f6rt man schon mal den guten alten Guy Lombarde, au\u00dfer an einem Silvesterabend? Den Rest vom Jahr n\u00e4hen sie ihm die Lippen zu, legen ihm zwei Pennies auf die Augen und schieben ihn in seinen Sarg zur\u00fcck.\u00ab Er lachte nicht \u00fcber seinen Witz, sondern summte ein paar Takte mit. \u00bbAn Silvester darf man niemandem vorwerfen, er sei ein Trinker, blo\u00df weil er mehr als ein Gl\u00e4schen trinkt. Herrgott, an Silvester verwandelt sich jeder in einen Trinker.\u00ab Sie schaffte es einfach nicht, ihn w\u00fctend zu machen. Er geh\u00f6rte offenbar zu dem Typ von Trinker, der nach reichlichem Alkoholgenu\u00df nicht aggressiv wurde, sondern am liebsten die ganze Welt umarmt h\u00e4tte. \u00bbWie war&#8217;s mit einem T\u00e4nzchen?\u00ab \u00bbWas?\u00ab \u00bbEin T\u00e4nzchen!\u00ab Er setzte sich halbwegs aufrecht hin und grinste. \u00bbWir k\u00f6nnten die T\u00fcren \u00f6ffnen, das Radio bis hinten aufdrehen und dann auf dem B\u00fcrgersteig tanzen.\u00ab \u00bbIch glaube nicht, da\u00df ich das m\u00f6chte\u00ab, erkl\u00e4rte Carrie. \u00bbAber wenn es Sie so dr\u00e4ngt, das Tanzbein zu schwingen, sollten Sie besser zur Party zur\u00fcckkehren.\u00ab \u00bbAch was!\u00ab rief er und sackte wieder zusammen. \u00bbBei Ihnen gef\u00e4llt es mir viel besser. Gut, dann tanzen wir nicht. Dann sitzen wir eben hier zusammen und unterhalten uns.\u00ab \u00bbWird Mary Ellen sich nicht fragen, wo Sie abgeblieben sind?\u00ab startete Carrie einen neuen Versuch. \u00bbWer?\u00ab \u00bbIhre Frau.\u00ab \u00bbAch, die.\u00ab \u00bbJa, genau die.\u00ab Er lachte schallend. \u00bbSoll die alte Kuh sich doch nur fragen, wo ich abgeblieben bin! Ist mir so was von egal! Tut ihr sicher ganz gut, wenn sie sich mal Sorgen um mich macht! Vielleicht begreift sie dann endlich einmal, da\u00df ich mich nicht wie einen alten Schuh behandeln lassen will!\u00ab Einige Monate nachdem Lee die Psychotherapie begonnen hatte, meinte Dr. Slatvik bei einer Sitzung, da\u00df durchaus ein Zusammenhang zwischen Lees Impotenz und dem \u00fcberm\u00e4chtigen Gef\u00fchl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, das er oft genug in Vietnam erlebt hatte, bestehen k\u00f6nnte. Unbewu\u00dft habe er sich seitdem als Spielfigur gesehen, die nach den Launen eines Spielers, auf den er nicht die geringste Einflu\u00dfm\u00f6glichkeit habe, \u00fcber das Brett hin und her geschoben werde. Sein Eintritt in die &gt;Veterans Against the War&lt; und seine h\u00e4ufige Teilnahme an Friedensdemonstrationen seien nichts weiter als ein Versuch, die unheimlichen M\u00e4chte, die sein Leben beherrschten, abzusch\u00fctteln und gleichzeitig die Kontrolle \u00fcber sich selbst zur\u00fcckzugewinnen. Dummerweise h\u00e4tten weder die VAW noch die Demonstrationen bislang etwas bewirken k\u00f6nnen; schlie\u00dflich sei der Krieg ja noch im Gange. Somit sah Lee wiederum sein Tun als fruchtlos an, und das Gef\u00fchl der Hilflosigkeit in ihm fand neue Nahrung. Vielleicht &#8211; so Slatvik damals &#8211; wenn er neues Vertrauen in seine eigene F\u00e4higkeit gewinnen w\u00fcrde, sein Leben zu meistern, w\u00fcrde er feststellen, da\u00df seine Impotenz nicht un\u00fcberwindlich war. Als Lee die T\u00fcr der Abstellkammer schlo\u00df, in der der gebundene und geknebelte Wachmann lag, wuchsen Selbstvertrauen und Machtgef\u00fchl ein wenig in Lee. Zum ersten Mal seit vielen Jahren erlebte Lee Ackridge wieder ein Gef\u00fchl von Pers\u00f6nlichkeit und eigener W\u00fcrde. Er l\u00e4chelte unter der Gummimaske, als er \u00fcber die Haupttreppe zum ersten Stock hinaufeilte. Oben angekommen, entdeckte er eine halbge\u00f6ffnete T\u00fcr, auf der ein Schild verk\u00fcndete: DATENZUGANG VERBINDUNG ZUM VERTEIDUGUNGSMINISTERIUM: \u00d6FFENTLICH ZUG\u00c4NGLICHE DATEN DER US-REGIERUNG Nur f\u00fcr geschulte Operators Nur RICS-Projekte Lee schob die T\u00fcr auf und gelangte in einen Raum, der zehn mal zehn Meter ma\u00df. Eigenartigerweise roch die Luft hier drinnen nach Keller; das lag vielleicht daran, da\u00df der Raum \u00fcber kein einziges Fenster verf\u00fcgte. Die Decke war niedrig und mit viereckigen und por\u00f6sen wei\u00dfen Schallschutzplatten beklebt. Alle vier W\u00e4nde waren von Aktenschr\u00e4nken voller Programmkarten, Listen und Verzeichnissen von B\u00e4ndern, Computerkonsolen, Monitoren und den neuesten Teleprinter-Modellen bedeckt. Lee kam sich vor wie im unterirdischen Kommandostand in einem Atomkriegsfilm. \u00bbHast du dich ausreichend um unseren lieben Freund John Rickart gek\u00fcmmert?\u00ab fragte Doug. Er sa\u00df auf einem drehbaren Schreibtischsessel vor einer der Konsolen. Als Lee hereingekommen war, hatte er sich mit dem Stuhl umgedreht, um seinen alten Kumpel anzusehen. \u00bbDer macht uns keinen \u00c4rger.\u00ab Powell lachte. \u00bbEr h\u00e4tte uns liebend gern am Arsch gepackt. Kompliment \u00fcbrigens, wie du ihn angegangen bist. Sehr gut war das. Wenn es nach mir gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte ich ihm die Flausen schon ausgetrieben. Aber vermutlich h\u00e4tte es dann auch einiges Blutvergie\u00dfen gegeben. Und das w\u00e4re unserer Sache nicht sehr dienlich gewesen.\u00ab Lee nickte. \u00bbDu kannst deine Maske ruhig abnehmen\u00ab, erkl\u00e4rte Doug und grinste breit. Er hatte sich sein Vampirgesicht bereits vom Kopf heruntergezogen. Es baumelte an einem Gummiband vor seiner Kehle. Die Fangz\u00e4hne wirkten so, als wollten sie jeden Moment in seine Brust sto\u00dfen. Lee zog sich die Maske vom Kopf. \u00bbKomm her\u00ab, forderte Powell ihn auf, \u00bbich will dir etwas zeigen.\u00ab Lee durchquerte den Raum, bis er neben Dougs Sessel vor der Prim\u00e4r- Konsole stand. \u00bbWas ist denn los?\u00ab \u00bbKeine Bange. Alles ist perfekt! Alles l\u00e4uft super!\u00ab Powells strahlende Miene l\u00f6ste bei Lee Besorgnis aus. Was wie Begeisterung aussehen sollte, \u00e4hnelte vielmehr dem Wahnsinn. Behalte ihn im Auge, hatte Carrie Lee gewarnt. Hatte sie diesen Zug an Powell bereits vorher bemerkt? Unsinn, er hatte in Vietnam elf Monate an der Seite dieses Mannes verbracht. Mehr noch, Doug war sein bester Freund gewesen. Powell war h\u00f6chstens etwas nerv\u00f6s. Und das war ja auch nicht weiter verwunderlich. \u00bbIch habe eine Verbindung zum Pentagon-Computer hergestellt\u00ab, erkl\u00e4rte Doug. Ein warmer Schauer der Erregung str\u00f6mte durch Lee. \u00bbIch m\u00f6chte es dir einmal kurz demonstrieren\u00ab, fuhr Powell fort. \u00bbWas denn demonstrieren?\u00ab Doug zeigte auf einen Spiralblock, der aufgeschlagen auf der Arbeitsfl\u00e4che neben dem Konsolen-Panel lag. \u00bbIch habe mich der Daten des Recard-Institutes bedient und bin dabei ein wenig das nichtklassifizierte Material durchgegangen. Sind ein paar ganz spa\u00dfige Sachen darunter.\u00ab Lee verstand nicht, warum sie ihre Zeit mit nicht geheimgehaltenen Daten verschwendeten, die ohnehin jedermann zur Verf\u00fcgung standen. Sie waren doch in dieses Institut eingebrochen, um an die wirklichen Topsecrets zu kommen. \u00bbSpa\u00dfig? Was meinst du damit?\u00ab Powell r\u00e4usperte sich, bevor er antwortete: \u00bbDas Pentagon-Computersystem verf\u00fcgt \u00fcber eine Einrichtung, mit der es seine Schaltkreise zwecks Funktions\u00fcberpr\u00fcfung durchchecken kann. So vermag es unter anderem, zwei Millionen Einheiten in weniger als drei Sekunden zu \u00fcberpr\u00fcfen. Das ist nichts Besonderes. Jeder bessere Computer ist ebenfalls dazu in der Lage.\u00ab Er hielt die Finger \u00fcber einige Dutzend Tasten der Konsole ausgestreckt. Er wirkte wie ein Schreibmaschinenk\u00fcnstler, der im n\u00e4chsten Sekundenbruchteil mit seiner Arbeit beginnen will. Allerdings trug ein Sekret\u00e4r normalerweise keine Handschuhe bei der Arbeit. \u00bbDoch das Pentagonsystem vermag dar\u00fcber hinaus auch die Theorie und Praxis hinter seinem Design und seiner Konstruktion zu analysieren. Anders ausgedr\u00fcckt&#8230; na gut, ich will es einmal volkst\u00fcmlich ausdr\u00fccken: Dieses System kann sich sowohl selbst untersuchen, und zwar auf Herz und Nieren, als sich auch selbst eine Heilkur verschreiben. Seine Datenb\u00e4nke sind voller Programme, die mit der Analyse seines eigenen Tuns, seiner Funktionen, seiner Zugangsm\u00f6glichkeiten, seiner Verl\u00e4\u00dflichkeit, seiner Belastbarkeit und so weiter angef\u00fcllt sind&#8230;\u00ab \u00bbOkay\u00ab, sagte Lee, \u00bbich glaube, ich verstehe. Man kann ihm also Fragen \u00fcber ihn selbst stellen.\u00ab \u00bbGanz genau\u00ab, best\u00e4tigte Doug. \u00bbNun&#8230; ich habe eben das Programm abgerufen, bei dem es um die Verl\u00e4\u00dflichkeit des Computers bei Ausgabe und Verbreitung von Topsecret-Informationen geht. Als ich noch am Recard studierte, haben ein paar M\u00e4dchen aus meiner Klasse dieses Programm entwickelt. Nat\u00fcrlich ist es nicht klassifiziert und kann daher von uns abgerufen werden.\u00ab Powell zeigte auf drei Bildschirme mit einem Durchmesser von drei\u00dfig Zentimetern, die \u00fcber der Konsole in der Wand eingelassen waren. \u00bbMeine Fragen erscheinen auf dem linken Bildschirm, die Antworten des Computers erscheinen auf dem mittleren.\u00ab \u00bbIch verstehe nicht ganz, was dieses Programm mit unserem Plan zu tun hat\u00ab, bemerkte Lee. \u00bbDu hast doch gesagt, es sei nicht klassifiziert, also jedermann zug\u00e4nglich.\u00ab \u00bbBetrachte es einfach als h\u00fcbsche kleine Einstimmung auf unsere Arbeit\u00ab, grinste Doug. \u00bbDann la\u00df mal sehen.\u00ab Powell warf einen Blick in den Spiralblock und pr\u00e4gte sich die Abruffolge ein. Dann dr\u00fcckten seine wartenden Finger die entsprechenden Tasten. Auf dem linken Bildschirm tauchten helle, wei\u00dfe Buchstaben vor einem etwas diffusen gr\u00fcnen Hintergrund auf: HALSEY-BRETT ANFRAGE 33\/4\/5692\/22 ALLGEMEINE ANFRAGE NACH SICHERHEITS DATEN Fast im selben Augenblick, als das letzte Wort auf dem linken Bildschirm erschien, leuchtete in ebensolchen Buchstaben auf dem mittleren Bildschirm die Antwort auf, die nur aus einem Wort bestand: PROCCED \u00bbNun zu unserer ersten Frage\u00ab, freute sich Doug. Er dr\u00fcckte etliche Tasten, l\u00f6schte damit die Anfrage und gab einen neuen Text ein. Links leuchteten Buchstaben auf: WIE HOCH IST M\u00d6GLICHKEIT UND WAHRSCHEINLICHKEIT DASS NICHT AUTORISIERTE PERSONEN AN KLASSIFIZIERTES MATERIAL VOM PENTAGON-COMPUTER GELANGEN K\u00d6NNEN? Die Antwort war kurz, aber deutlich: M\u00d6GLICHKEIT 00,00001 WAHRSCHEINLICHKEIT ZERO Powell sah Lee an und lachte laut: \u00bbDer Bursche ist sich seiner ziemlich sicher, was?\u00ab Er wandte sich wieder dem mittleren Bildschirm zu. \u00bbNa ja, es ist schlie\u00dflich nicht ein Fehler der armen Maschine. Sie ist durch die Konzeptionen der Menschen limitiert, die sie programmiert haben.\u00ab Er dr\u00fcckte ein paar Tasten, und die Bildschirme waren wieder leer. Dann erschien auf dem linken ein neuer Text: WELCHE SICHERHEITSVORKEHRUNGEN RECHTFERTIGEN DIESE WERTE F\u00dcR M\u00d6GLICHKEIT UND WAHRSCHEINLICHKEIT? Lee mu\u00dfte sich eingestehen, da\u00df ihn die erste Antwort des Computers etwas entmutigt hatte. Nach dessen Auskunft war es ausgeschlossen, da\u00df nicht sicherheits\u00fcberpr\u00fcfte Personen an klassifizierte Daten gelangen konnten. Das Interesse in ihm war jedoch geweckt, und so verfolgte er jetzt aufgeregt, was als Antwort auf dem mittleren Schirm erschien: LISTE DER SICHERHEITSVORKEHRUNGEN START LISTE: ITEMS 12 ITEM 1: SICHERHEITSDATEN SIND GELAGERT IN SEPARATEN B\u00c4NKEN DIE SICH VON DENEN F\u00dcR NICHT KLASSIFIZIERTE DATEN UNTERSCHEIDEN ITEM 2: SICHERHEITSDATEN SIND NICHT ZUG\u00c4NGLICH PER EINGABE IM SELBEN BIN\u00c4REN CODE DER ZUGANG ZU NICHT KLASSIFIZIERTEN DATEN ERM\u00d6GLICHT. \u00bbKommst du mit?\u00ab erkundigte sich Doug. \u00bbSo ziemlich\u00ab, murmelte Lee. Der mittlere Bildschirm gl\u00fchte eine Sekunde lang und wurde dann leer. Ein neuer Text begann dann in der obersten Zeile: LISTE DER SICHERHEITSVORKEHRUNGEN: FORTSETZUNG LISTE: ITEMS 34 ITEM 3: ZUGANG ZU SICHERHEITSDATEN IST CODIERT BESITZ DES CODES IST BEGRENZT AUF NEUN PERSONEN DIE F\u00dcR DATEN ALLER KLASSIFIZIERUNGEN \u00dcBERPR\u00dcFT SIND ITEM 4: PENTAGON SYSTEM IST AUSGESTATTET MIT BLOCKER DER ALS ALARM WIRKT WENN SICHERHEITSDATEN ANGEFRAGT WURDEN OHNE VORHERIGE EINGABE DES RICHTIGEN CODES. Nach dem Erscheinen der letzten Zeile hielt sich die Message noch sechs Sekunden, bevor sie automatisch erlosch. Dann tauchten erneut Buchstaben auf dem mittleren Schirm auf. \u00bbDas geht wohl noch bis morgen fr\u00fch so weiter\u00ab, sagte Powell. Er tippte ein paar Tasten, und schon waren die Bildschirme wieder leer. Dann gab Doug eine neue Anfrage in den Computer ein, auf die er eine Antwort erwarten durfte. WIE VIELE ITEMS ENTH\u00c4LT LISTE DER SICHERHEITSVORKEHRUNGEN? Die Antwort erfolgte im n\u00e4chsten Augenblick: LISTE DER SICHERHEITSVORKEHRUNGEN ENTH\u00c4LT 24 ITEMS. Powell l\u00e4chelte in sich hinein. Als er sprach, redete er weniger zu seinem Freund, als vielmehr zu der Anlage: \u00bbAber heute nacht nutzt dir kein einziges dieser vierundzwanzig Items.\u00ab Er machte die Schirme leer und stellte seine erste Frage noch einmal: WIE HOCH IST M\u00d6GLICHKEIT UND WAHRSCHEINLICHKEIT DASS NICHT AUTORISIERTE PERSONEN AN KLASSIFIZIERTES MATERIAL VOM PENTAGON-COMPUTER GELANGEN K\u00d6NNEN? Wie erwartet gab der mittlere Schirm exakt dieselbe Antwort wie beim ersten Mal: M\u00d6GLICHKEIT 00,00001 WAHRSCHEINLICHKEIT ZERO \u00bbIch komme mir vor, als w\u00fcrde ich Gott selbst herausfordern\u00ab, sagte Lee. Wenn diese kleine Demonstration auf ihn als Aufmunterung und Einstimmung hatte wirken sollen, so war das gr\u00fcndlich gescheitert. Lee hatte so gut wie alles Selbstvertrauen wieder verloren, das er vor kurzem erst erworben und dankbar genossen hatte. Powell schaltete die Bildschirme ab. \u00bbLa\u00df dich davon blo\u00df nicht bange machen. Die vierundzwanzig Sicherheits vorkehrungen sind nicht das Schwarze unter dem Fingernagel wert, wenn die falsche Person in den Besitz des Codes gelangt ist.\u00ab Er grinste sardonisch. \u00bbUnd heute ist es soweit. Heute besitzt die falsche Person den Code.\u00ab Lee wischte sich mit der Hand \u00fcber das Gesicht und zuckte unwillk\u00fcrlich zusammen, als seine Finger das tote Gewebe auf der rechten Wange ber\u00fchrten. Er hatte den Geruch der Gummimaske in der Nase, so als tr\u00fcge er sie immer noch vor dem Gesicht. \u00bbWas hatte denn das mit der Blockade zu bedeuten, die als Alarm wirken soll?\u00ab \u00bbWenn wir die ausl\u00f6sen, geht der Alarm in Washington los, aber nicht hier\u00ab, erkl\u00e4rte Doug. \u00bbAber dar\u00fcber brauchst du dir wirklich keine Gedanken zu machen. Wir l\u00f6sen die Blockade nicht aus, denn wir haben den Code.\u00ab \u00bbNa sch\u00f6n\u00ab, sagte Lee. \u00bbSo weit sind wir also gekommen. Dann wollen wir auch weitermachen.\u00ab \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich\u00ab, knurrte Powell. Er blickte wieder auf die Konsole und faltete einen Zettel auseinander, den er vorher in der Hemdtasche getragen hatte. Das Blatt enthielt die Informationen, die er aus dem Code-Buch seines Vaters abgeschrieben hatte. Er z\u00f6gerte dann nicht mehr lange und begann damit, die Worte einzutippen. \u00bbAchte auf die B\u00e4nder!\u00ab Zur Linken von Lee befanden sich vier Rollen Magnetb\u00e4nder. Sie waren aufrecht in einer Plastikkiste mit gl\u00e4serner Front angebracht, die die Ausma\u00dfe eines K\u00fchlschranks besa\u00df. Alle vier Rollen standen still. Powell zog die H\u00e4nde von der Tastatur zur\u00fcck. Rings um sie beide erwachte der Raum zum Leben. Klicken, Klacken und k\u00fcnstliche, elektronische Ger\u00e4usche. Die erste Rolle fing an, sich zu drehen. Doug tippte wieder ein. Die zweite Rolle drehte sich. Dann die dritte. Powell erhob sich ruckartig aus seinem Sessel und ri\u00df sich den dicken Wintermantel vom Leib. \u00bbGeht es jetzt los?\u00ab wollte Lee wissen. \u00bbKommen jetzt die klassifizierten Daten?\u00ab \u00bbDas siehst du doch selbst?\u00ab \u00bbWie, mehr war nicht dabei?\u00ab Powell lachte. \u00bbIch habe dir doch erz\u00e4hlt, da\u00df es ganz einfach sein w\u00fcrde. Das Material erreicht uns \u00fcber eine Transferlinie direkt aus dem Pentagon. Ein Band \u00fcberspielt seine Daten auf ein anderes, nicht mehr und nicht weniger.\u00ab \u00bbAber schrillen denn jetzt nicht in Washington alle Alarmglocken?\u00ab \u00bbWenn wir irgendeinen Alarm ausgel\u00f6st h\u00e4tten, w\u00fcrden die Daten l\u00e4ngst nicht mehr zu uns str\u00f6men. Und du kannst dich ja mit eigenen Augen davon \u00fcberzeugen, wie flei\u00dfig sich die Rollen drehen. In jeder Minute kommen Tausende und aber Tausende wertvolle Informationen zu uns.\u00ab \u00bbIch werd&#8217; verr\u00fcckt!\u00ab \u00bbNein\u00ab, widersprach Powell, \u00bbdu wirst reich. Wir begehen das moderne Verbrechen der modernen Zeit schlechthin. Wir begehen den Raub\u00fcberfall der Zukunft: Mit der Hilfe eines Computers stehlen wir Daten von einem anderen. Dazu brauchen wir keinerlei Schu\u00dfwaffen, und auf alle Formen von physischer Gewalt k\u00f6nnen wir ebenfalls verzichten.\u00ab \u00bbWir m\u00fcssen immer noch an das L\u00f6segeld gelangen\u00ab, erinnerte Lee ihn. \u00bbDu kennst doch meinen Plan\u00ab, entgegnete Powell. \u00bbEr ist ausget\u00fcftelt und gut, und bis jetzt hat alles zur vollsten Zufriedenheit funktioniert. Du kannst also davon ausgehe n, da\u00df auch bei den n\u00e4chsten Stufen alles glattgeht.\u00ab Lee Ackridge nickte. Zum zweiten Mal an diesem Tag konnte er l\u00e4cheln. Um Mitternacht verdreifachte sich der L\u00e4rm im Haus an der Ecke. Einige bliesen aus Leibeskr\u00e4ften in Kindertuten und Partyschlangen. Die anderen br\u00fcllten durcheinander oder lachten schrill. Der Radau \u00fcbert\u00f6nte die Ger\u00e4usche aus dem Radio. Dann stimmten die Partyg\u00e4ste das traditionelle Aula Lang Syne an. Wilbur Harttle, der seit beinahe f\u00fcnf Minuten kein Wort mehr gesprochen hatte, schien wie aus einem Schlummer zu erwachen und starrte wie blind durch die Windschutz Scheibe. \u00bbWassen los?\u00ab fragte er. \u00bbMitternacht\u00ab, gab Carrie knapp, aber pr\u00e4zise Auskunft. \u00bbNa und?\u00ab \u00bbDie Jahreswende. Sie verstehen?\u00ab Sie betete in Gedanken darum, da\u00df er nicht wieder einschlafen w\u00fcrde. Wenn er seinen Rausch ausschlief, gab es f\u00fcr sie keine Hoffnung mehr, ihn irgendwie aus dem Wagen zu komplimentieren. Er schlug sich mehrmals auf die Wangen und machte eine verbl\u00fcffte Miene. Dann r\u00e4usperte er sich. \u00bbWas sagt man dazu? Frohes neues Jahr, Grace Kelly!\u00ab Er versuchte unbeholfen, sie zu k\u00fcssen, sackte aber auf halbem Weg auf seinem Sitz zusammen. \u00bbHuch!\u00ab machte er, und zwei Sekunden sp\u00e4ter gab er nur noch lautes Schnarchen von sich. Carrie lie\u00df besorgt den Blick \u00fcber den Campus schweifen. Von Powell und Lee war nichts zu sehen. Das Recard-Institut lag gr\u00f6\u00dftenteils im Dunkeln und machte einen friedvollen Eindruck. Sie schob sich ein St\u00fcck unter dem Steuer hervor, damit sie sich direkter an Harttle wenden konnte. Sie packte ihn an dem Revers seines Mantels und r\u00fcttelte leicht daran. \u00bbWilbur? H\u00f6ren Sie mich? Es tut mir leid, aber Sie k\u00f6nnen hier nicht schlafen!\u00ab Wilbur lie\u00df sich nicht im mindesten beeindrucken. Verdammt noch mal! Sie sagte sich, da\u00df sie ihn in dem Moment, als er hereingefallen und auf den Sitz geplumpst war, gleich wieder h\u00e4tte hinauswerfen sollen. Sie h\u00e4tte damit drohen sollen, da\u00df sie um Hilfe schreien, laut br\u00fcllen werde, jemand wolle sie vergewaltigen, M\u00f6rder oder \u00e4hnliches&#8230; alles m\u00f6gliche, wenn es nur half, ihn loszuwerden. Aber das lie\u00df sich hinterher immer leicht sagen. Au\u00dferdem hatte sie Angst davor gehabt, durch ihre Rufe einen solchen Aufruhr zu verursachen, da\u00df die Leute zusammengestr\u00f6mt w\u00e4ren. Und das w\u00e4re Powells Plan nun wirklich nicht zutr\u00e4glich gewesen. Wie dem auch sei, nun hatte sie Wilbur am Hals. \u00bbKomm schon, Junge!\u00ab Sie sch\u00fcttelte ihn nun heftiger. \u00bbWachen Sie auf! Verdammt, es ist mir bitterernst damit!\u00ab Harttle murmelte etwas, hielt die Augen aber geschlossen. Sein Unterkiefer wurde wieder schlaff und hing herab. Wenn er nicht geschnarcht h\u00e4tte, h\u00e4tte er eine t\u00e4uschend echte Leiche abgegeben. Carrie lie\u00df seinen Mantel los und verlegte sich darauf, ihm wieder und wieder links und rechts ins Gesicht zu schlagen. Als er immer noch nicht aufwachen wollte und sogar anfing, lauter und dr\u00f6hnender zu schnarchen, gab Carrie ihre Zur\u00fcckhaltung auf und schlug mit aller Kraft zu. Sie versetzte ihm einige Hiebe, die trotz der Handschuhe auf ihrer Haut brannten. \u00bbUm Gottes willen, machen Sie endlich die Augen auf!\u00ab zischte sie ihm ins Ohr. Wilbur glitt nur ein St\u00fcck den Sitz hinunter. Was konnte sie jetzt noch tun? Ihn einfach hier liegenlassen, bis Powell und Lee zur\u00fcckkehrten? Oder versuchen, ihn hinauszuhieven und auf der Stra\u00dfe zu lassen? Und wenn Harttle im ung\u00fcnstigsten Moment aufwachte und die beiden M\u00e4nner entdeckte? W\u00fcrde er sich an ihre Gesichter erinnern und der Polizei eine genaue Beschreibung geben? Aber wenn Powell, sobald er bemerkte, da\u00df es einen unerw\u00fcnschten Zeugen gab, diese Sache nicht dem Zufall \u00fcberlassen wollte? W\u00fcrde er Harttle umbringen und so die Gefahr, die von dem Betrunkenen ausging, eliminieren? Ja, Powell w\u00fcrde ihn kaltbl\u00fctig ermorden, sagte sie sich. Im Gegensatz zu ihr oder Lee kannte Powell in kritischen Situationen keine Skrupel. Wom\u00f6glich gefiel es ihm sogar, Menschen abzuschlachten. \u00bbWilbur\u00ab, versuchte sie es noch einmal, \u00bbich mag Sie nicht besonders. Aber ich will mein Gewissen auch nicht mit Ihrem gewaltsamen Ende belasten.\u00ab Wilbur l\u00e4chelte im Schlaf. Sie blickte besorgt zum Haus an der Ecke. Ein knappes Dutzend Personen war in den Garten gekommen, um dort Raketen und anderes Feuerwerk anzuz\u00fcnden. Doch diese Leute blieben im Garten. Niemand verlie\u00df das Gel\u00e4nde. Auf dem Campus war alles dunkel. Nichts regte sich dort. \u00bbAlso gut\u00ab, sagte sie sich entschlossen. Sie wu\u00dfte jetzt, was sie zu tun hatte. Carrie lie\u00df den Motor an, stieg aus dem Wagen und schlo\u00df leise die T\u00fcr hinter sich. Sie bemerkte kaum die frostige Nachtluft, die ihr ins Gesicht bi\u00df. Rasch lief sie um den Impala herum, durchstie\u00df die wei\u00dfen Abgaswolken aus dem Auspuff und \u00f6ffnete endlich die Beifahrert\u00fcr. Wilbur Harttle schnarchte noch immer selig. Sie griff nach seinem Jackenrevers und zog und zerrte an ihm, bis sie ihn an den Rand des Sitzes bugsiert hatte. Sie atmete tief ein, ri\u00df mit aller Kraft an ihm und sprang behende zur\u00fcck, als er in den Schnee plumpste und dort auf die Seite rollte. Pl\u00f6tzlich ri\u00df er die Arme hoch und schlug damit durch die Luft, als wolle er einen imagin\u00e4ren Feind abwehren. Er murmelte etwas Unverst\u00e4ndliches und rollte dann auf den R\u00fccken. Er hatte die ganze Zeit nicht aufgeh\u00f6rt zu schnarchen. \u00bbGro\u00dfer Gott!\u00ab murmelte sie. Tr\u00e4nen standen in ihren Augen. Sie beugte sich \u00fcber ihn, schob ihre H\u00e4nde unter seine Achselh\u00f6hlen hindurch und verschr\u00e4nkte die Finger vor seiner Brust. Sie m\u00fchte sich ab, ihn fortzuziehen. Er kicherte und machte Schmatzger\u00e4usche, wachte aber nicht auf. Als sie ihren Griff etwas verlagerte und alle Kraft zusammennahm, konnte sie ihn leichter durch den Schnee zerren. sie schaffte ihn etwa f\u00fcnfzehn Meter vom Impala fort und lie\u00df ihn dann los, um nach Luft zu schnappen. Kleine Sterne tanzten vor ihren Augen. Im Garten des Hauses an der Ecke schafften die G\u00e4ste immer neue Schachteln mit Feuerwerksk\u00f6rpern herbei. Sie f\u00fchrten sich auf wie kleine Kinder. Niemand von ihnen fand die Zeit, nach Carrie und ihrem Tun zu schauen. Carrie hielt beide Seite der Ox Lane im Auge. Niemand. Keiner war um diese Zeit auf der Stra\u00dfe. Sie holte tief Luft und rollte Harttle dann vom Gras und Schnee auf den B\u00fcrgersteig. Hier w\u00fcrde ihn bestimmt jemand entdecken, bevor er erfroren w\u00e4re. \u00bbTut mir leid, Wilbur\u00ab, fl\u00fcsterte sie, \u00bbaber mehr kann ich beim besten Willen nicht f\u00fcr Sie tun.\u00ab Ihre Brust schmerzte. Das Blut rauschte ihr wie ein Wasserfall in den Ohren. Sie m\u00fchte sich mit steifen Beinen zum Wagen zur\u00fcck und stieg ein. W\u00e4hrend Lee die sechs Magnetb\u00e4nder in die Pappschachtel packte, die er aus der Besenkammer mitgebracht hatte, gab Doug die L\u00f6segeldforderung in den Teleprinter zur Computeranlage des Pentagon ein. Powell lachte triumphierend, als er sich endlich erhob. Er schob den Schreibtischsessel aus dem Weg und m\u00fchte sich umst\u00e4ndlich in den Mantel. \u00bbBist du soweit?\u00ab \u00bbHast du denn alles durchgegeben?\u00ab fragte Lee zur\u00fcck. \u00bbJetzt, wo es vorbei ist, sp\u00fcre ich keine Erleichterung. Du etwa?\u00ab \u00bbNur ein bi\u00dfchen.\u00ab \u00bbStell dir vor: In eben dieser Sekunde sitzt jemand im Pentagon vor dem richtigen Bildschirm und bekommt unsere L\u00f6segeldforderung zu lesen. Vermutlich wird der Bursche seinen Augen nicht trauen. Aber sobald er sich von seinem ersten Schrecken erholt hat, wird er gegenchecken und nach der Quelle dieser Botschaft suchen. Ich sch\u00e4tze, in einer halben Stunde trampeln hier Hundertschaften von Bullen herum. Und in einer Stunde findet man hier mehr FBI-Beamte als B\u00e4ume.\u00ab \u00bbJa\u00ab, sagte Lee, \u00bbin diesem Augenblick geht es wohl los.\u00ab Sie machten sich nicht die M\u00fche, die Lichter zu l\u00f6schen. Sie liefen die Haupttreppe hinunter und gelangten dann \u00fcber den Flur in das Klassenzimmer, durch dessen Fenster sie ins Recard-Institut eingebrochen waren. Sie stiegen durch die L\u00f6cher in den beiden Scheiben aus. Die Nacht war noch so kalt und schwarz wie vor anderthalb Stunden. \u00bbHalloween. Das mu\u00df Halloween sein\u00ab, dachte Lee, w\u00e4hrend sie geduckt zur Ox Lane liefen. Doug hatte keine Angst gezeigt. Er hatte nicht ein einziges Mal \u00fcber die Schulter geblickt. Auch war er nie stehengeblieben, wie Lee das h\u00e4ufiger getan hatte, um nach etwaigen Verfolgern zu lauschen. Er war sich seiner verdammt sicher. Als sie den Rand des Campus erreichten, blieben sie im Schatten eines Baumes stehen, um ein Auto auf der Ox Lane passieren zu lassen. Dann rannten sie zum Impala. Carrie sah ihnen entgegen. Sie k\u00fc\u00dfte Lee auf seine gesunde linke Wange und betrachtete dann kurz die sechs B\u00e4nder in der Schachtel, die er in den H\u00e4nden hielt. \u00bbIhr habt es also geschafft!\u00ab sagte sie. \u00bbJa, wir haben es geschafft\u00ab, best\u00e4tigte Lee mit etwas gemischten Gef\u00fchlen. \u00bbO Mann, Schwester, und wie wir es geschafft haben!\u00ab brummte Doug. \u00bbUnd wie war es bei dir?\u00ab wollte Lee wissen. \u00bbHat es irgendwelche Schwierigkeiten gegeben?\u00ab Carrie l\u00e4chelte. \u00bbBei mir? Woher denn? Ich habe hier nur herumgesessen und auf euch gewartet.\u00ab<\/p>\n<p class=\"calibre3\">11<\/p>\n<p class=\"calibre3\">In seinem Bett in seinem Stadthaus in der G-Street in Washington hatte Roy Genelli gerade einen wunderbaren Traum. Es ging um ein Familientreffen. Anscheinend war es seine Familie, die hier zusammengekommen war. Aber da waren haufenweise Verwandte, von denen er noch nie etwas geh\u00f6rt hatte. Man hatte sich am Rande eines malerischen Waldes in Neuengland getroffen. Lange Picknicktische waren unter den Zweigen aufgebaut. Sie waren mit wei\u00dfen Decken belegt, und darauf t\u00fcrmten sich die unterschiedlichsten Speisen. Jemand hatte ein Fa\u00df Bier mitgebracht, und Coke ruhte k\u00e4stenweise in breiten Wannen voller Eis. Alle Generationen waren hier vertreten&#8230; Genelli spazierte von einem zum anderen, unterhielt sich hier \u00fcber Baseball und dort \u00fcber Politik, tratschte \u00fcber andere Verwandte und diskutierte \u00fcber seine Arbeit. Hin und wieder erz\u00e4hlte er \u00fcber Kinofilme oder das Fernsehprogramm&#8230; Alle machten einen heiteren und vergn\u00fcgten Eindruck. Alle waren sich nah, und alle mochten einander&#8230; Und dann verstummte schlagartig jedes Gespr\u00e4ch, als in einem Picknickkorb das Telefon klingelte. Das Telefon klingelte wieder und zerschnitt den sch\u00f6nen Traum. Genellis letzter Gedanke war, warum jemand unbedingt zu einem Picknick ein Telefon mitgebracht hatte&#8230; Er richtete sich verschlafen in seinem Bett auf und nahm den H\u00f6rer ab. \u00bbHallo.\u00ab \u00bbRoy?\u00ab \u00bbJa, ich bin&#8217;s.\u00ab \u00bbPeterson.\u00ab Mit vollem Namen Gardner Peterson. Er war der einzige Mann, den Roy kannte, der es vorzog, von sich selbst mit seinem Nachnamen zu sprechen. \u00bbWas kann ich f\u00fcr Sie tun, Mr. Peterson?\u00ab Roy hielt die Augen geschlossen und hoffte wider alle Vernunft, auf diese Weise nicht aufzuwachen. \u00bbHabe ich Sie aus dem Bett geholt?\u00ab Als Special Assistant direkt dem Supervisor des Middle-Eastern-District im Federal Bureau of Investigation unterstellt, arbeitete Genelli mit Gardner Peterson zusammen. Seit beinahe f\u00fcnfzehn Jahren sahen sich die beiden t\u00e4glich, hatten t\u00e4glich miteinander zu tun. Dennoch bestand zwischen ihnen keinerlei Beziehung, die \u00fcber das reinste Arbeitsverh\u00e4ltnis hinausging; sie hatten noch nicht einmal nach dem Dienst in irgendeiner Bar ein Glas zusammen getrunken. In all der Zeit hatte Peterson nie seinen Special Assistant zu Hause angerufen. Doch heute, mitten in der Nacht und inmitten eines der sch\u00f6nsten Tr\u00e4ume, die Roy sich vorstellen konnte&#8230; Der Bl\u00f6dmann mu\u00dfte einen verdammt guten Grund f\u00fcr seinen Anruf haben, sonst&#8230; \u00bbRoy? Sind Sie noch dran?\u00ab \u00bbJa, Sir\u00ab, antwortete Genelli. Er \u00f6ffnete die Augen und beugte sich im Bett weit genug vor, um einen Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch werfen zu k\u00f6nnen. Das Leuchtzifferfenster zeigte 1.10 an. Morgens? Nat\u00fcrlich morgens, wann denn sonst? \u00bbRoy&#8230;\u00ab \u00bbIch liege seit ein paar Stunden im Bett. Tut mir leid, ich bin noch nicht ganz da. Verzeihen Sie bitte, wenn..\u00ab \u00bbIst schon okay\u00ab, erkl\u00e4rte Peterson. \u00bbLassen Sie sich Zeit. Ich bin schon froh, Sie \u00fcberhaupt erwischt zu haben Ich hatte halb bef\u00fcrchtet, Sie w\u00e4ren wom\u00f6glich auf irgendeiner Silvesterparty versackt.\u00ab Die Erleichterung in seiner Stimme war nicht zu \u00fcberh\u00f6ren. \u00bbKeine Party, Sir. Schlie\u00dflich habe ich morgen Dienst.\u00ab \u00bbAm Neujahrstag?\u00ab Peterson mu\u00dfte wohl selbst gefeiert haben, sonst h\u00e4tte er sich nicht \u00fcber die Arbeitsgewohnheiten seines Mitarbeiters gewundert. \u00bbIch arbeite doch immer an Feiertagen\u00ab, erkl\u00e4rte Genelli. Er legte rasch eine Hand auf den Mund, um ein G\u00e4hnen zu unterdr\u00fccken. \u00bbJa, nat\u00fcrlich\u00ab, sagte Peterson Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann atmete der Supervisor tief ein. Er erinnerte Roy an einen Mann, der gerade ins tiefe Ende eines Swimmingpools springen will. \u00bbH\u00f6ren Sie, Roy, Sie sollten sich lieber gleich anziehen. Ein Wagen ist schon unterwegs. In f\u00fcnf oder zehn Minuten m\u00fc\u00dfte er dasein.\u00ab Die letzten Reste des Traums wehten davon wie ein bi\u00dfchen Nebel im Morgenwind. Genelli war von einem Moment auf den anderen hellwach. Ihm war klar, da\u00df etwas sehr Ungew\u00f6hnliches vorgefallen sein mu\u00dfte. Peterson hatte nicht nur gegen ein ungeschriebenes Gesetz versto\u00dfen und seinen Special Assistant zu Hause angerufen. Genelli war auch noch nie die Ehre zuteil geworden, von einem Chauffeur abgeholt zu werden. \u00bbWas ist denn passiert, Sir?\u00ab \u00bbEine Katastrophe\u00ab, antwortete Peterson und klang \u00fcberhaupt nicht komisch oder ironisch. \u00bbIch m\u00f6chte, da\u00df Sie in einem Fall, der gerade bekannt geworden ist, als mein Stellvertreter wirken.\u00ab \u00bbIch habe um achtzehn Uhr das B\u00fcro verlassen, Sir\u00ab, sagte Roy. \u00bbUnd bis dahin hatte sich nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches ereignet&#8230;\u00ab \u00bbIch wei\u00df\u00ab, unterbrach ihn der Supervisor. \u00bbDie ganze Angelegenheit hat sich erst vor vierzig Minuten ereignet.\u00ab Vor vierzig Minuten? W\u00e4hrend seiner zwanzigj\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit beim FBI hatte es Genelli noch nicht erlebt, da\u00df bereits vierzig Minuten nach Bekanntwerden eines Vorfalls Gro\u00dfalarm ausgegeben worden war. Nein, halt, eine Ausnahme hatte es gegeben: die Ermordung von John F. Kennedy. An jenem Tag waren die Beamten bereits zwanzig Minuten nach dem ersten Telefonanruf aus Dallas unterwegs gewesen. Was mochte heute geschehen sein? Hatte jemand den jetzigen Pr\u00e4sidenten ermordet? \u00bbIch wei\u00df selbst noch nicht hundertprozentig, was passiert ist\u00ab, erkl\u00e4rte Peterson. \u00bbIch hielt mich auf einer Silvesterparty auf, als der Chef mich anrief. Das war vor zwanzig oder f\u00fcnfundzwanzig Minuten. Davon abgesehen handelt es sich offensichtlich um einen Fall, \u00fcber den ich Ihnen am Telefon ganz gewi\u00df keine Auskunft geben darf. Nicht einmal Details darf ich Ihnen nennen.\u00ab Er wirkte besorgter, als Roy ihn je erlebt hatte. \u00bbDer Fahrer wird Sie gleich abholen und zu einem Mr. Ives bringen. Der setzt Sie dann \u00fcber alles ins Bild, was Sie wissen m\u00fcssen.\u00ab \u00bbWo steckt denn dieser Ives?\u00ab fragte Roy. \u00bbBei uns im B\u00fcro?\u00ab \u00bbNein\u00ab, antwortete Peterson hart. \u00bbUnd ich m\u00f6chte Ihnen auch nicht sagen, wo er sitzt. Nicht am Telefon.\u00ab Himmeldonnerwetter noch mal, was war denn los? \u00bbSir, Sie d\u00fcrfen mir noch nicht einmal sagen, wohin ich gebracht werde?\u00ab entfuhr es Genelli. \u00bbJa, genau so verh\u00e4lt es sich. Ach, \u00fcbrigens, der Fahrer steht Ihnen so lange zur Verf\u00fcgung, wie Sie ihn ben\u00f6tigen.\u00ab Genelli verzog das Gesicht. \u00bbDanke, Sir.\u00ab \u00bbWir sehen uns sp\u00e4ter.\u00ab Die Verbindung war unterbrochen. Genelli h\u00e4ngte ein, trat die Decken weg und kletterte aus dem Bett. Er zog rasch den Pyjama aus und fummelte \u00e4rgerlich am Hoseng\u00fcrtel. Stand vielleicht ein neuer Zilinski-Ross-Fall an? Er rasierte sich, spritzte sich Wasser ins Gesicht und zog sich an. Das Ganze dauerte nicht l\u00e4nger als viereinhalb Minuten. Im begehbaren Schrank nahm er seine Dienstwaffe aus dem Fach. Sie war nicht geladen, aber darum konnte er sich im Wagen k\u00fcmmern. Er zog sich das Schulterholster \u00fcber und schob die 38er hinein. Dann suchte er sich ein Jackett aus. Er schob eine kleine Schachtel Patronen in die Tasche. Als er die Stufen hinuntergegangen war und die Haust\u00fcr \u00f6ffnete, wartete der Chauffeur mit dem Wagen schon am B\u00fcrgersteig. Roy glitt auf den R\u00fccksitz und zog die T\u00fcr hinter sich zu. \u00bbMr. Genelli?\u00ab erkundigte sich der Fahrer. Er war jung, blond und breitschultrig. Solche FBI-Agenten sah man vorzugsweise in Filmen, in der Wirklichkeit jedoch h\u00f6chst selten. \u00bbJa, ich hei\u00dfe Genelli.\u00ab \u00bbIch hei\u00dfe Plover.\u00ab \u00bbAngenehm.\u00ab Der Fahrer r\u00fcckte, l\u00e4chelte und sah nach vorn. Er warf den Gang ein, startete, trat das Gaspedal durch. Eine Gummispur blieb auf dem Asphalt zur\u00fcck. Genelli rang um sein Gleichgewicht, w\u00e4hrend der Wagen \u00fcber die G Street raste. Schlie\u00dflich gelang es ihm, sich zum Fahrer vorzubeugen. \u00bbWohin fahren wir?\u00ab \u00bbZum Pentagon\u00ab, antwortete der Fahrer. \u00bbMehr wei\u00df ich leider auch nicht, Sir.\u00ab \u00bbDa wissen Sie immer noch mehr als ich\u00ab, brummte Genelli.<\/p>\n<p class=\"calibre3\">1. Januar, 2.00 Uhr &#8211; 2. Januar, 16.00 Uhr ERNSTFALL<\/p>\n<p class=\"calibre3\">12<\/p>\n<p class=\"calibre3\">Am Portal des Pentagon stand Genelli vor zwei mit Gewehren bewaffneten Marines. Der gr\u00f6\u00dfere von beiden erkl\u00e4rte dem FBI-Beamten: \u00bbWir sollen Sie zu Colonel Theodore Ives bringen, Sir. Er befindet sich in der Computerabteilung.\u00ab \u00bbFein\u00ab, antwortete Roy. Die harten Sohlen ihrer Stiefel knarrten synchron \u00fcber die auf Hochglanz polierten B\u00f6den. Sie marschierten so rasch, da\u00df Genelli, der deutlich kleiner war als die Marines, gr\u00f6\u00dfte M\u00fche hatte, mit ihnen Schritt zu halten. Roy mu\u00dfte sich zweimal mit seiner Dienstmarke ausweisen. Gleich bei der ersten Kontrolle nahm man seine Dienstwaffe in Verwahrung. Am zweiten Kontrollpunkt h\u00e4ndigte man ihm eine Reihe von Hausausweisen f\u00fcr bestimmte Zonen aus. Er h\u00e4ngte sich die Kette mit den Plastikkarten um den Hals. Bevor Genelli den Aufzug betreten durfte, der ihn in die unterirdischen Ebenen des Pentagon bef\u00f6rdern sollte, mu\u00dfte er sich ein weiteres Mal ausweisen, seine Unterschrift leisten und sich von einer Polaroidkamera ablichten lassen. Er l\u00e4chelte nicht f\u00fcr die Fotografie und tat es damit den beiden Wachsoldaten am Aufzug gleich, die die ganze Zeit \u00fcber keine Miene verzogen. Seine beiden ersten Begleiter traten mit ihm in den Fahrstuhl. Die Fahrt nach unten verlief in Schweigen. Nach einem l\u00e4ngeren Marsch \u00fcber makellos gereinigte G\u00e4nge f\u00fchrte man Roy vor Colonel Theodore Ives. Dieser befand sich in einem Raum, wie Genelli ihn noch nicht gesehen hatte. Ives war einundsechzig und trug das sandfarbene Haar im B\u00fcrstenschnitt. Seine Augen waren so grau wie eine Bleistiftmine. Er trug eine schlichte, khakifarbene Uniform, deren einziger Schmuck das Rangabzeichen war. Er wirkte k\u00fchl und rational, obwohl es nicht zu \u00fcbersehen war, da\u00df er unter Stre\u00df stand. Wenn das leichte Zucken in seinen Mundwinkeln nicht gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte man glauben k\u00f6nnen, nicht einem Menschen, sondern einem Roboter gegen\u00fcberzustehen. Der Raum, in dem Ives sich befand, war f\u00fcr Genelli noch wesentlich interessanter als der Mann selbst. \u00dcberall befanden sich Computeranlagen in allen Gr\u00f6\u00dfen. In verwirrender Vielfalt und ohne erkennbares Muster blinkten Lichterketten auf und ab. Ganze Batterien von Konsolen und Bildschirmen waren an den W\u00e4nden angebracht. Von Druckern, hochmodernen Schreibmaschinen, Funkger\u00e4ten und anderen Kommunikationsmitteln ganz zu schweigen. Und \u00fcber allem lag das st\u00e4ndige Rattern und Klappern der Anlagen. Mehrere bequeme Schreibtischsessel standen herum. Hier h\u00e4tte man einige Dutzend Techniker und andere Mitarbeiter unterbringen k\u00f6nnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte man jedoch, aufgrund der Krise, die meisten Techniker fortgeschickt. Ives hielt sich hier lediglich mit zwei Mitarbeitern auf. \u00bbWieviel wissen Sie \u00fcber die Geschichte?\u00ab kam der Colonel sofort zur Sache. \u00bbAbsolut nichts\u00ab, antwortete Genelli. Ives lie\u00df seiner Miene nicht anmerken, was er davon hielt. Er f\u00fchrte Genelli durch den halben Raum in eine Nische, in der sich ein Sofa, einige St\u00fchle, ein Kartentisch und eine Kaffeemaschine befanden. \u00bbIch werde versuchen, Ihnen die Geschichte so darzulegen, da\u00df auch ein Laie sie verstehen kann.\u00ab Ohne den FBI-Mann \u00fcberhaupt zu fragen, ob er Kaffee wollte, steckte Ives zwei M\u00fcnzen in die Maschine und stellte dann zwei gef\u00fcllte Becher auf den Tisch. \u00bbUm es kurz zu machen, wir stehen vor dem gr\u00f6\u00dften Sicherheitseinbruch in der Geschichte der USA. Nein, in der Geschichte der Welt.\u00ab Genelli blies \u00fcber seinen Kaffee. Dampf stieg ihm in die Nase. \u00bbWir haben es mit dem raffiniertesten und verheerendsten Fall von Spionage zu tun, der je gegen dieses Land gerichtet wurde.\u00ab Ives klang keineswegs melodramatisch. Vermutlich war er zu keiner Form von emotionaler Erregung f\u00e4hig. Er erz\u00e4hlte einfach die Wahrheit, so wie er sie sah. \u00bbIch darf Ihren Worten entnehmen, da\u00df jemand aus dem Haus diese Spionageattacke initiiert hat\u00ab, sagte Genelli. \u00bbAndernfalls l\u00e4ge die Sache jetzt in den H\u00e4nden der CIA oder des milit\u00e4rischen Abwehrdienstes DIA.\u00ab \u00bbNein, diese beiden k\u00fcmmern sich ebenfalls darum\u00ab, widersprach der Colonel. \u00bbDie Agenten des DIA suchen in diesem Moment bereits dieses Geb\u00e4ude ab. Jedermann, der irgend etwas mit dieser Ebene oder jeder anderen im Haus zu tun hat oder in der letzten Zeit zu tun hatte, wird verh\u00f6rt. Wird leise und unauff\u00e4llig, aber gr\u00fcndlich befragt. Und bei der CIA brennen auch schon alle Lampen. Sehr viele und sehr wichtige Daten sind gestohlen worden. Die CIA hat alle ihre Sp\u00fcrhunde in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, wer irgendwo dort drau\u00dfen in der Welt darauf wartet, die Daten aus den H\u00e4nden der Diebe in Empfang zu nehmen.\u00ab \u00bbUnd mir bleibt es \u00fcberlassen, die Diebe zu finden?\u00ab \u00bbDas sollten Sie wirklich ernsthaft versuchen, Mr. Genelli\u00ab, erkl\u00e4rte Ives. \u00bbSonst haben wir alle es hinter uns.\u00ab Roy stellte die Tasse ab, aus der er nur einen winzigen Schluck genommen hatte. \u00bbDann erz\u00e4hlen Sie mir doch die ganze Geschichte.\u00ab Kurz und b\u00fcndig, aber aufschlu\u00dfreich erkl\u00e4rte der Colonel dem FBI-Beamten, was es mit dem Computersystem des Pentagon und den verschiedenen Neben- und Au\u00dfenstellen \u00fcberall im Lande auf sich hatte. Dann erfuhr Genelli, da\u00df jemand es verstanden hatte, sich eine dieser Au\u00dfenstellen zunutze zu machen. Trotz seiner sachlichen Art ben\u00f6tigte Ives immer noch eine halbe Stunde, um Genelli die komplizierten Zusammenh\u00e4nge begreiflich zu machen. W\u00e4hrend dieser Zeit erschienen immer wieder die beiden Techniker, um Anordnungen und Befehle zu erbitten oder Ives \u00fcber eine neue Entwicklung in Kenntnis zu setzen. Nach jeder dieser Unterbrechungen fuhr der Colonel genau an dem Punkt fort, an dem er zwangsweise gestoppt hatte. Genelli bewunderte sein Gegen\u00fcber f\u00fcr dessen Effizienz. Nachdem er den FBI-Mann \u00fcber alles Wesentliche informiert hatte, schlo\u00df Ives mit den Worten: \u00bbUnd nun haben Sie sicher einige Fragen.\u00ab Tausend und mehr Fragen gingen Genelli durch den Kopf, aber er sagte sich, da\u00df der Gro\u00dfteil davon die waren, auf die auch der Colonel und seine Mitarbeiter Antworten suchten. Er dachte einen Moment nach, ordnete seine Gedanken und fragte schlie\u00dflich: \u00bbWie kommen Sie darauf, da\u00df es sich um Spionage handelt?\u00ab Ives blickte ihn an, als h\u00e4tte er einen Halbdebilen vor sich. \u00bbWas w\u00fcrden Sie denn vermuten?\u00ab Roy zuckte die Achseln, lie\u00df sein Gegen\u00fcber aber nicht aus den Augen, als er erkl\u00e4rte: \u00bbVielleicht waren es wirklich nur ganz normale Diebe, die nicht mehr und nicht weniger getan haben und verlangen als das, was sie \u00fcber den Teleprinter an diese Adresse geschickt haben.\u00ab \u00bbEin simpler Diebstahl?\u00ab \u00bbWenn ich Sie recht verstanden habe, waren das genau Ihre Worte\u00ab, sagte Genelli. \u00bbUnd Sie befinden sich in der Position, in der Sie es am besten wissen d\u00fcrften.\u00ab Er schlo\u00df die Augen, um sich besser auf seine n\u00e4chsten Worte konzentrieren zu k\u00f6nnen. \u00bbSie haben Daten gestohlen und verlangen f\u00fcr die R\u00fcckgabe ein L\u00f6segeld. Wenn man so will, haben sie \u00fcberlebenswichtige Informationen entf\u00fchrt. Eine v\u00f6llig neue Art von Verbrechen.\u00ab Ives sch\u00fcttelte einmal den Kopf. \u00bbNein, die L\u00f6segeldforderung ist nur ein Ablenkungsman\u00f6ver. Damit wollen sie uns nur auf eine falsche F\u00e4hrte locken. Vermutlich, um Zeit zu gewinnen.\u00ab \u00bbEin solches Ablenkungsman\u00f6ver wirkt vielleicht, wenn nur ein oder zwei Beamte hinter einem her sind\u00ab, entgegnete Genelli. \u00bbDie kann man t\u00e4uschen und in die W\u00fcste locken. Aber wenn aufgrund der Schwere des Verbrechens so gut wie jeder, der in diesem Land eine Uniform tr\u00e4gt, hinter einem her ist, werden solche Spielchen sinnlos.\u00ab Ives zerdr\u00fcckte die Plastiktasse, die er die ganze Zeit \u00fcber in der Hand gehalten hatte. \u00bbVersuchen Sie doch zu verstehen: Diese Personen, wer immer sie auch sein m\u00f6gen, haben offenbar ein bislang unbekanntes elektronisches Ger\u00e4t eingesetzt und damit all die vielen Sicherheitseinrichtungen, die wir im Pentagon-Computer eingebaut haben, get\u00e4uscht, umgangen oder unwirksam gemacht. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, um was f\u00fcr ein Ger\u00e4t es sich dabei handelt oder wie man es einsetzen mu\u00df. Bis vor zwei Stunden h\u00e4tte ich es noch f\u00fcr v\u00f6llig ausgeschlossen gehalten, da\u00df jemand, der nicht Geheimnistr\u00e4ger der obersten Stufe ist, \u00fcberhaupt etwas aus unserem Computer herausziehen kann. Aber wir werden schon noch dahinterkommen, wie diese Burschen es angestellt haben.\u00ab Mit einer knappen, raschen Handbewegung schleuderte er die zerdr\u00fcckte Tasse in den Papierkorb am anderen Ende der Nische. \u00bbUnd es steht jetzt schon fest, da\u00df wir es hier nicht mit normalen Dieben zu tun haben. Die Forschung und die Ressourcen, die hinter der Entwicklung eines solchen Wunderger\u00e4ts stecken, \u00fcbersteigen bei weitem die M\u00f6glichkeiten eines einzelnen. Selbst eine Gruppe von Multimillion\u00e4ren h\u00e4tte gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, gemeinsam die erforderlichen Mittel aufzubringen. Nein, um ein solches fabelhaftes Ger\u00e4t zu entwickeln, bedarf es schon der konzentrierten Anstrengungen von Regierungsforschungseinrichtungen. Und damit meine ich nicht ein kleines Land. Sie werden jetzt verstehen, warum ich von einem Spionageanschlag ausgehe.\u00ab Die Mundwinkel zuckten in rascher Folge. Genelli starrte einen langen Moment auf die ratternden Maschinen im Hauptraum. Die Besorgnis und Entt\u00e4uschung von Ives waren ganz ohne Zweifel echt. Dennoch konnte Genelli den Colonel nicht von der Liste der Verd\u00e4chtigen streichen. Er nahm sich vor, die Argumente des Mannes in aller Ruhe abzuw\u00e4gen. Auf eine Schwachstelle wollte Roy jedoch noch zu sprechen kommen&#8230; \u00bbDie Diebe brauchten nicht unbedingt ein elektronisches Superger\u00e4t, um an die Daten zu kommen\u00ab, erkl\u00e4rte der FBI-Mann endlich. \u00bbAlles, was sie dazu ben\u00f6tigten, waren die Codeworte. Und mit denen kann auch der durchschnittlichste B\u00fcrger unseres Landes die Sicherheitsvorkehrungen au\u00dfer Kraft setzen.\u00ab \u00bbIch habe mir gedacht, da\u00df Sie darauf zu sprechen kommen w\u00fcrden\u00ab, antwortete Ives. \u00bbMich st\u00f6rt der Punkt eben.\u00ab Der Colonel runzelte die Stirn. Sein Ausdruck daf\u00fcr, da\u00df er diese Theorie f\u00fcr vollkommen abwegig hielt. \u00bbIch habe Ihnen bereits erkl\u00e4rt, da\u00df nur neun Personen im Besitz des entsprechenden Codes sind. Und Sie m\u00fcssen doch zugeben, da\u00df diese Personen der Spionage f\u00fcr eine fremde Macht reichlich unverd\u00e4chtig sind. Ganz gleich, wie man \u00fcber die Herrschaften denkt, die im Moment im Wei\u00dfen Haus das Sagen haben, es ist nur schwer vorstellbar, da\u00df der Pr\u00e4sident oder der Vizepr\u00e4sident ein solches Verbrechen begeht.\u00ab \u00bbDas sind nur zwei aus dem Kreis. Zus\u00e4tzlich haben wir da noch den Verteidigungsminister, den Vorsitzenden des Generalstabs, die Stabschefs der einzelnen Waffengattungen und einen gewissen Dennis Atwell, den Verbindungsmann des Pentagon zum Kongre\u00df.\u00ab \u00bbNein\u00ab, erkl\u00e4rte Ives fest, \u00bbes handelt sich hier um Spionage. Wir haben es mit Agenten einer ausl\u00e4ndischen Macht zu tun, mit M\u00e4nnern, die ein sehr fortschrittliches elektronisches Ger\u00e4t eingesetzt haben.\u00ab \u00bbUnd dann w\u00e4ren da noch Sie.\u00ab \u00bbNat\u00fcrlich\u00ab, sagte der Colonel nur, und zum ersten Mal klang er ein wenig sarkastisch. \u00bbIch habe keinen Scherz gemacht.\u00ab \u00bbWarum um alles in der Welt sollte ich&#8230;\u00ab \u00bbF\u00fcr einen t\u00fcchtigen Batzen Geld\u00ab, unterbrach ihn Roy. Ives starrte ihn mit funkelnden Augen an. \u00bbIch stelle Sie unter Beobachtung\u00ab, fuhr Genelli fort. \u00bbUnd wir werden Ihr ganzes Leben ausforschen.\u00ab Sein Blick wandte sich vom Colonel ab und schweifte in den Hauptraum. \u00bbJetzt m\u00f6chte ich gern die L\u00f6segeldforderung sehen, die die T\u00e4ter Ihnen \u00fcbermittelt haben.\u00ab Ives f\u00fchrte den FBI-Mann zum halbkreisf\u00f6rmigen Kommandoschreibtisch im Zentrum des gro\u00dfen Raums. Er griff dort nach drei Bl\u00e4ttern Papier und reichte sie Genelli. \u00bbDas ist nur eine Kopie. Das Original befindet sich bereits in den H\u00e4nden unseres Chefs. Aber die M\u00fche lohnt kaum. Ein dummer Scherz, eine Finte, um uns auf eine falsche F\u00e4hrte zu locken.\u00ab Genelli lie\u00df sich nicht abhalten und fing an zu lesen. MITTEILUNG ZEIT 0020 OST URSPRUNG LANGHORN\/RECARD VON ROBIN HOOD AN PR\u00c4SIDENT DER VEREINIGTEN STAATEN BETRIFFT L\u00d6SEGELDFORDERUNG ACHTTEILIGE NACHRICHT FOLGT BEGINN NACHRICHT PUNKT EINS WIR SIND IM BESITZ VON SECHS MAG NETB\u00c4NDERN VOLLER DATEN DER H\u00d6CHSTEN SICHER HEITSSTUFE UND VERLANGEN DAF\u00dcR L\u00d6SEGELD BEVOR SIE DIESE SACHE ALS DUMMEN SCHERZ ABTUN SCHLAGEN WIR VOR SPEICHERPROGRAMM IN PENTAGON COMPUTER EINZUGEBEN UM SO FESTZUSTELLEN WELCHE INFORMATIONEN ER VOR ZWEI STUNDEN AN DIE LANGHORN\/RECARD AUSSENSTELLE DURCHGEGEBEN HAT PUNKT ZWEI WIR SIND KEINE AGENTEN EINER AUS L\u00c4NDISCHEN MACHT UND WIR HABEN NICHTS MIT DEN AKTIVIT\u00c4TEN EINES FREMDEN GEHEIMDIENSTES IN DIESEM LAND ZU SCHAFFEN WIR SIND AMERIKANISCHE B\u00dcRGER UND NEHMEN UNSER RECHT AUF FREIES UNTERNEHMERTUM WAHR UNSER EINZIGES MOTIV IST DAHER VIEL GELD SOLLTEN SIE DENNOCH BESCHLIESSEN UNSERE FORDERUNGEN NICHT ZU ERF\u00dcLLEN ODER SOLLTEN SIE NICHT GANZ GENAU DEN DETAILLIERTEN AUSF\u00dcHRUNGEN ZUR \u00dcBER GABE DES L\u00d6SEGELDES FOLGEN H\u00c4NDIGEN WIR DIE B\u00c4NDER JEDEM AUS DER GENUG DAF\u00dcR ZU ZAHLEN BEREIT IST AUCH EINER AUSL\u00c4NDISCHEN MACHT DAS IST KEIN BLUFF ICH WIEDERHOLE DAS IST KEIN BLUFF UNSER ZWEITES MOTIV F\u00dcR DIESE TAT IST DEM ARROGANTEN MILIT\u00c4RISCHEN ESTABLISHMENT VORZUF\u00dcHREN UND ZU BEWEISEN DASS IM ZEITALTER DER ELEKTRONIK SELBST DIE ST\u00c4RKSTE MACHT DER WELT VERWUNDBAR IST PUNKT DREI JEDER VERSUCH IHRERSEITS DIE AUSZAHLUNG DES L\u00d6SEGELDS ZU VERZ\u00d6GERN ODER UNS ANDERE ALS DIE GEW\u00dcNSCHTEN WERTE ZU \u00dcBERGEBEN WIRD VON UNS ALS DIE WEIGERUNG IHRERSEITS AN EINER ZUSAMMENARBEIT ANGESEHEN WIR H\u00c4NDIGEN DIE B\u00c4NDER DANN AN DEN H\u00d6CHSTBIETENDEN AUS DIE NACHRICHT DIE SIE HIER LESEN IST DIE LETZTE DIE SIE ERHALTEN WERDEN SIE ERHALTEN KEINE GELEGENHEIT MIT UNS ZU VERHANDELN ODER UNS EINE ANDERE L\u00d6SUNG VORZUSCHLAGEN SIE SOLLTEN NICHT S\u00c4UMEN UND UNVERZ\u00dcGLICH ALLE VORBEREITUNGEN TREFFEN UNS AUF DIE VON UNS WEITER UNTEN ANGEGEBENE WEISE DAS L\u00d6SEGELD ZUKOMMEN ZU LASSEN DIES IST IHRE EINZIGE CHANCE Ives unterbrach Roys Leseflu\u00df. \u00bbDas ist das Lachhafteste, was mir je unter die Augen gekommen ist. Die Ausgeburt eines krankhaften Hirns, eines pathologischen&#8230;\u00ab \u00bbIch w\u00fcrde gern zu Ende lesen, bevor ich mich dazu \u00e4u\u00dfere\u00ab, erkl\u00e4rte Genelli ganz ruhig. Er las sich den Text auf den beiden folgenden Seiten genau durch und war sowohl verwirrt als auch fasziniert von der Art des L\u00f6segelds wie auch von den \u00dcbergabebedingungen. Die Burschen schienen wirklich an alles gedacht zu haben. Als er zu Ende gelesen hatte, murmelte er nur: \u00bbSehr geschickt.\u00ab \u00bbNa, halten Sie sie immer noch f\u00fcr gew\u00f6hnliche Kriminelle?\u00ab fragte Ives. \u00bbEigentlich ja. Ich wundere mich sogar dar\u00fcber, wie hartn\u00e4ckig Sie sich weigern, an diese M\u00f6glichkeit zu glauben. Plagt Sie dabei eigentlich die Paranoia des Milit\u00e4rs&#8230; oder versuchen Sie etwa, Verwirrung in die Ermittlungen zu bringen?\u00ab Der Colonel lief rot an. \u00bbWissen Sie genau, welche Daten sie gestohlen haben?\u00ab fragte Roy rasch, bevor der Mann zu einer scharfen Entgegnung ansetzen konnte. Ives fuhr sich mit einer Hand durch die Haarstoppeln. Genelli stellte \u00fcberrascht fest, da\u00df dieser Mann auch einen verfolgten Eindruck machen konnte. \u00bbWir arbeiten schon die ganze Zeit daran. Begleiten Sie mich, dann k\u00f6nnen wir feststellen, wie weit meine Leute gekommen sind.\u00ab Der FBI-Mann folgte ihm durch den gro\u00dfen Raum bis vor eine Konsole mit unz\u00e4hligen Kn\u00f6pfen. \u00dcber dieser befanden sich ein halbes Dutzend Monitore mit Bildschirmen von f\u00fcnfundzwanzig Zentimetern Durchmesser. Ives lie\u00df sich vor der Konsole nieder, \u00fcberblickte kurz das Panel, dr\u00fcckte ein paar Tasten und sah dann hoch zu einem der Bildschirme. Im selben Moment tauchten dort wei\u00dfe Buchstaben auf dem gr\u00fcnen Hintergrund auf: LANGHORN\/RECARD LETZTE DATENABFRAGEN AUFGELISTET NACH SACHGEBIETEN SICHERHEITSEMPFINDLICHE DATEN DAHER NUR SACHGEBIET-NENNUNG EINS GEGENW\u00c4RTIGER STAND DER WAFFEN FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG \/ DER VEREINIGTEN STAATEN \/ ALLE LAUFENDEN PROGRAMME \/ ALLE UNTERLAGEN ZWEI CIA OPERATIONEN \/ IN ALLEN STAATEN \/ ALLE UNTERLAGEN UND EINZELHEITEN DREI STRATEGIEN UND TRUPPENEINSATZ \/ ALLE DENKBAREN KONFLIKTGEBIETE \/ ALLE UNTERLAGEN UND EINZELHEITEN \u00bbWenn Sie jetzt glauben, schlimmer kann es kaum noch kommen\u00ab, sagte Ives, \u00bbdann machen Sie sich jetzt auf eine Katastrophe gefa\u00dft.\u00ab Er sprach mehr zu sich selbst als zu seinem Gegen\u00fcber. Der Computer druckte den weiteren Text aus: VIER GEGENW\u00c4RTIGER STAND DER WAFFENFORSCHUNG UND ENTWICKLUNG \/ DER SOWJETUNION \/ ALLE UNS BEKANNTEN EINZELHEITEN \/ ALLE UNSERE INFORMATIONSQUELLEN F\u00dcNF S\u00d6LDNER UND SABOTEURE IN DIENSTEN DER VEREINIGTEN STAATEN \/ WELTWEIT \/ KOMPLETTE NAMENS LISTE \/ VERZEICHNIS S\u00c4MTLICHER VERGANGENER UND NOCH ANDAUERNDER OPERATIONEN \/ ALLE UNTERLAGEN UND EINZELHEITEN SECHS \u00dcBERSETZUNG DER PENTAGON-COMPUTER FUNKTIONSCODES \/ ALLE PROGRAMME \/ ALLE DECODER ALLE FUNKTIONEN F\u00dcR SPEZIFISCHE DATEN RUFEN SIE ZUS\u00c4TZLICHES DISPLAY Die beiden M\u00e4nner starrten auf den Bildschirm, w\u00e4hrend die beiden letzten Zeilen des Textes blinkten, an- und ausgingen wie eine Lampenkette am Christbaum. \u00bbWollen Sie eine spezifizierte Auflistung von allem, was die Burschen abgerufen haben?\u00ab fragte der Colonel schlie\u00dflich. Seine Stimme war ein wenig schrill geworden, und in den letzten f\u00fcnf Minuten war er um Jahre gealtert. Wenn er seine patriotische Besorgnis nur schauspielerte, mu\u00dfte er ein sehr guter Mime sein. \u00bbJa\u00ab, antwortete Genelli, \u00bbaber erst sp\u00e4ter. Im Augenblick habe ich daf\u00fcr keine Zeit. Ich schicke jemanden vorbei, der sich darum k\u00fcmmern soll.\u00ab \u00bbSie haben nicht nur einfach das gestohlen, was ihnen in die Finger kam\u00ab, st\u00f6hnte Ives. Anscheinend konnte er es immer noch nicht fassen. \u00bbDie Kerle wu\u00dften genau, was sie wollten.\u00ab Genellis Stimme klang leise, aber gef\u00e4hrlich hart, als er fragte: \u00bbSie sagen, es gibt nur neun vollst\u00e4ndige Codeb\u00fccher?\u00ab \u00bbJa\u00ab, antwortete der Colonel verwirrt, \u00bbaber warum&#8230;\u00ab \u00bbUnd sie enthalten alle denselben Text?\u00ab \u00bbWie bitte? Ich f\u00fcrchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen&#8230;\u00ab \u00bbDenselben Inhalt\u00ab, fuhr der FBI-Mann ihn an. \u00bbSind in allen neun exakt dieselben Codes aufgelistet?\u00ab \u00bbF\u00fcr keine Kategorie klassifizierter Daten gibt es mehr als einen Code\u00ab, antwortete Ives. \u00bbDas habe ich nicht unbedingt gemeint\u00ab, sagte Genelli. \u00bbIch wollte wissen.. Es gibt also f\u00fcnfzig Datenkategorien?\u00ab Der Colonel nickte. \u00bbEnth\u00e4lt jedes der neun B\u00fccher neben allen anderen Datenadressen die Codes f\u00fcr alle f\u00fcnfzig Kategorien?\u00ab \u00bbNein\u00ab, sagte Ives. \u00bbErkl\u00e4ren Sie mir das bitte.\u00ab \u00bbNicht jeder Empf\u00e4nger der vierzehnt\u00e4glich ge\u00e4nderten Codes hat berechtigten Grund, Anfragen an alle f\u00fcnfzig Datenkategorien zu stellen. Zum Beispiel erh\u00e4lt kein Stabschef einer Waffengattung Zugang zu den Codes \u00fcber den CIA. Nicht einmal der Verteidigungsminister erh\u00e4lt die. Manche der neun B\u00fccher enthalten lediglich die Codes f\u00fcr f\u00fcnfzehn Kategorien. Wir arbeiten hier nach dem Prinzip der Berechtigung, und das handhaben wir streng.\u00ab Genelli l\u00e4chelte leicht. Genau das hatte er erwartet. \u00bbMit anderen Worten, die meisten B\u00fccher w\u00e4ren kaum f\u00fcr den Diebstahl der CIA-Daten in dieser Nacht zu gebrauchen gewesen?\u00ab \u00bbKorrekt\u00ab, antwortete Ives. Er wu\u00dfte noch immer nicht, worauf der FBI-Mann eigentlich hinauswollte, und das machte ihn sehr ungeduldig. \u00bbIst denn \u00fcberhaupt eines der B\u00fccher vollst\u00e4ndig?\u00ab \u00bbSie meinen, ob es alle f\u00fcnfzig Kategorien und alle sonstigen Daten enth\u00e4lt?\u00ab fragte der Colonel vorsichtshalber noch einmal nach. \u00bbAber ja. Drei der B\u00fccher sind komplett.\u00ab \u00bbWelche drei Personen erhalten diese B\u00fccher?\u00ab \u00bbDer Pr\u00e4sident, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, also der erste Soldat aller Waffengattungen, und ich.\u00ab Genelli war \u00fcberrascht. \u00bbDer Vorsitzende bekommt ein vollst\u00e4ndiges Buch, der Vizepr\u00e4sident aber nicht?\u00ab \u00bbIn der Vergangenheit waren sogar nur der Pr\u00e4sident und ich die Auserw\u00e4hlten\u00ab, antwortete Ives. \u00bbAber als der Pr\u00e4sident vor zwei Jahren General Powell in das Amt des Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs berief, bat er mich, auch ihm ein vollst\u00e4ndiges Buch zukommen zu lassen.\u00ab \u00bbUnd warum wollte er das?\u00ab \u00bbNa ja&#8230; F\u00fcr den Pr\u00e4sidenten ist Powell sowohl ein enger, wenn nicht sogar der engste Berater als auch seine direkte Verbindung zum Milit\u00e4r.\u00ab Genelli erkannte sofort, da\u00df Ives seine gelinden Zweifel an der Richtigkeit dieser W\u00fcnsche des Pr\u00e4sidenten hatte. \u00bbHalten Sie Powell m\u00f6glicherweise f\u00fcr nicht hundertprozentig zuverl\u00e4ssig?\u00ab fragte er den Colonel. Ives z\u00f6gerte mit der Antwort. \u00bbNun?\u00ab \u00bbNicht im eigentlichen Sinne\u00ab, sagte der Colonel schlie\u00dflich. \u00bbEs ist nur meine Sorge, da\u00df das Risiko einer Panne um so gr\u00f6\u00dfer wird, je mehr vollst\u00e4ndige Codeverzeichnisse im Umlauf sind.\u00ab \u00bbHeute abend hat es ja auch eine Panne gegeben. Haben Sie Gr\u00fcnde, Powell zu verd\u00e4chtigen?\u00ab \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich nicht!\u00ab \u00bbNun\u00ab, sagte Genelli hart, \u00bbdann sind Sie der Hauptverd\u00e4chtige.\u00ab Der Colonel nahm eine sprungbereite Haltung ein, so als wollte er sich auf den FBI-Mann st\u00fcrzen. \u00bbH\u00f6ren Sie&#8230;\u00ab \u00bbStecken Sie hinter dieser Geschichte?\u00ab fragte Roy gelassen. Ives lief krebsrot an. \u00bbIn all meinen Jahren&#8230;\u00ab \u00bbErsparen Sie mir bitte Ansprachen\u00ab, unterbrach ihn Genelli. \u00bbIch habe Ihnen eine Chance gegeben. Wenn Sie in die Sache verwickelt sein sollten, werden Sie sich noch w\u00fcnschen, diese Chance wahrgenommen zu haben. Wie dem auch sei, ich befasse mich sp\u00e4ter, in zw\u00f6lf Stunden, wieder mit Ihnen. Und sei es auch nur, um zu h\u00f6ren, ob Sie etwas Neues herausgefunden haben.\u00ab Er l\u00e4chelte den Colonel kurz und k\u00fchl an und lie\u00df ihn dann stehen. Er marschierte rasch durch den Raum und verschwand durch die T\u00fcr, bevor Ives noch etwas sagen konnte. Die beiden Marines warteten in dem erleuchteten Korridor auf ihn. Der gr\u00f6\u00dfere der beiden Riesen sagte: \u00bbMr. Gardner Peterson und zwei andere Herren warten oben auf Sie, Sir. Korridor Sechs, Ring E.\u00ab So, wie er es aussprach, war Korridor Sechs, Ring E nur einem handverlesenen Personenkreis zug\u00e4nglich. \u00bbDann wollen wir die Herren nicht warten lassen\u00ab, antwortete der FBI-Mann. Er hatte ohnehin vorgehabt, mit Peterson zu sprechen. Er brauchte von ihm Informationen \u00fcber bestimmte Mitarbeiter, \u00fcber Anlagen und Ausr\u00fcstung und \u00fcberhaupt dar\u00fcber, wer hier was zu sagen und wozu Zugang hatte&#8230; Eigentlich ben\u00f6tigte er diese Informationen sofort, er durfte keine Zeit mehr verlieren. Wenn sie die L\u00f6segeldforderung erf\u00fcllen wollten, blieben ihnen nicht einmal mehr zwei Tage. Genelli st\u00f6rte das Zeitlimit, das die Diebe gesetzt hatten, in gewisser Hinsicht kaum: Erst in solchen Stre\u00dfsituationen f\u00fchlte er sich wohl, konnte er endlich loslegen, wie er das gerne tat. Vor vierzehn Jahren, als sie versucht hatten, Zilinsky und ROSS aus dem Verkehr zu ziehen, bevor die beiden Psychopathen ein weiteres Opfer abschlachten konnten, war es auch ein Wettlauf mit der Zeit gewesen. Jawohl, und diesen Wettlauf hatte er gewonnen. Im Fahrstuhl fing Roy an, leise zu pfeifen. Der kleinere der beiden Riesen warf ihm einen eigenartigen Blick zu. Der gr\u00f6\u00dfere der beiden starrte weiterhin stur geradeaus, so als w\u00e4re er taub.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<hr style='margin: 30px 0; border-top: 1px solid #eee;'>\n<p style='text-align:center;'>Read the full book by downloading it below.<\/p>\n<p><a href='https:\/\/epub-book.com\/download\/download-is-starting\/?url=https%3A\/\/mega.co.nz\/%23%21dlRjUQwT%219Hy9f89RQ6Mn2G0d6nm1tPcTYhL7qeNSL2nSJalWfkM' class='download-btn' target='_blank'>DOWNLOAD EPUB<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Book Preview [Extracted from PDF file by BuddyDk &#8211; May 23 2003] Dean R. Koontz Codewort: Pentagon Zwei Vietnamveteranen knacken das Computersystem des Pentagon und gelangen dadurch in den Besitz von Informationen der h\u00f6chsten Geheimhaltestufe. Sie erpressen in der Folge die US-Regierung und fordern L\u00f6segeld. In einem schneebedeckten W\u00e4ldchen kommt es schlie\u00dflich zum Showdown. ISBN &#8230; <a title=\"Codeword Pentagon (Strike Deep).txt &#8211; Koontz, Dean\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/epub-book.com\/download\/codeword-pentagon-strike-deep-txt-koontz-dean\/\" aria-label=\"Read more about Codeword Pentagon (Strike Deep).txt &#8211; Koontz, Dean\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6212,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[421],"class_list":["post-6213","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","tag-dean-koontz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6213"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6213\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6212"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/epub-book.com\/download\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}